Samstag, 02. Mai 2020

Flächendeckende Tests in St. Ulrich: Fast die Hälfte hat Antikörper

Die erste Phase der Schnelltests auf Antikörper gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 für die Bürger von St. Ulrich und der umliegenden Gebiete ist nun abgeschlossen, wie das Adler Spa Resort in einer Presseaussendung mitteilt. Das Zwischenergebnis wurde bestätigt. Rund 49 Prozent der Getesteten hatten demnach ein positives Ergebnis.

Das Team, das sich um die Tests kümmerte (v.l.): Franziska Sanoner, Dr. Cordula Weber, Dr. Pablo Policastro, Krankenschwester Karin Planker, Sara Romanelli, Dr. Elisabeth Delago und Dr. Simon Kostner.
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Das Team, das sich um die Tests kümmerte (v.l.): Franziska Sanoner, Dr. Cordula Weber, Dr. Pablo Policastro, Krankenschwester Karin Planker, Sara Romanelli, Dr. Elisabeth Delago und Dr. Simon Kostner. - Foto: © Adler Resort
Vom 14. bis zum 27. April wurden mit den 1000 zur Verfügung stehenden Testsets 962 Personen getestet, die jüngste war 6 Jahre und die älteste 88 Jahre alt. Die Tests wurden, auf ehrenamtlicher Basis, von den Hausärzten St. Ulrichs und einer Krankenschwester in Zusammenarbeit mit einem weiteren Team im Labor des Gesundheitszentrums Adler Balance durchgeführt, wie das Adler Spa Resort in einer Presseaussendung mitteilt. Die Initiative dazu hatte die Hoteliersfamilie Sanoner ergriffen.

Das Interesse der Dorfbevölkerung sei groß gewesen, die Vormerkungen für die vorhandenen Tests waren binnen weniger Tage ausgeschöpft. Für weitere 2000 Schnelltests, die nachbestellt wurden, seien auch schon nahezu alle Testtermine vorgemerkt. Von den 962 getesteten Personen wurden 471 positiv auf Antikörper gegen Coronavirus SARS-CoV-2 getestet, was einer Rate von 49 Prozent entspricht.

Angesichts dieses Ergebnisses holten sich die Hausärzte wissenschaftlichen Rat: Und zwar bei Prof. Dr. Peter Malfertheiner, dem langjährigem Direktor der Universitätsklinik für Gastroenterologie und Infektiologie in Magdeburg, bei Prim. Dr. Franz Ploner, ehemaliger Chefarzt der Anästhesie im Krankenhaus Sterzing/Brixen und mittlerweile Landtagsabgeordneter im Team K, und bei Dr. Giuliano Piccoliori, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin an der Claudiana in Bozen.


Blutproben nach Österreich geschickt

Mit Hilfe von Dr. Ploner wurde der SARS-CoV-2 Schnelltest, der in St. Ulrich zur Anwendung kam, nochmals extern mit der Standardmethode ELISA (Enzyme-linked Immunosorbent Assay) validiert. Dazu wurden Blutproben von Freiwilligen, die zum Schnelltest in St. Ulrich erschienen, an zwei Speziallabors nach Österreich geschickt, unabhängig voneinander. Diese zwei Labors verwenden zwei verschiedene Antigene des SARS-CoV-2 in ihren ELISA-Testmethoden, um die Antikörper gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 nachzuweisen.

So konnten die Test-Ergebnisse des Schnelltestes verblindet gleich mit den Testergebnissen von den zwei anerkannten ELISA-Methoden verglichen werden. Es konnte eine Übereinstimmung in der Sensitivität von 95 Prozent (Sensitivität = Empfindlichkeit, Erfassungswahrscheinlichkeit) und in der Spezifität von 93 Prozent (Spezifität = Genauigkeit in der Erfassung der Gesunden) festgestellt werden. „Der Grödner Schnelltest ist valide, keine Frage“, betont Dr. Ploner.

„Rascher Erkenntnisgewinn“

Prof. Dr. Peter Malfertheiner unterstreicht: „Diese zeitgerecht durchgeführte und groß angelegte Untersuchung hat zu einem raschen und wichtigen Erkenntnisgewinn über die Verbreitung des Coronavirus in der lokalen Bevölkerung geführt“. Nach der positiven Überprüfung der Schnelltests können nun auch belastbare Aussagen gemacht werden. Für die abschließende Interpretation der Befunde werden noch sämtliche klinische Informationen der getesteten Personen Berücksichtigung finden.

Unter den vielen Gesundheitsaspekten aus dieser Untersuchung sei es von großer Bedeutung, auch die Anzahl derer erfasst zu haben, die bei positivem Antikörpernachweis ohne Symptome von der Infektion „gestreift“ wurden. Dies war bei etwa einem Drittel der auf Antikörper positiv getesteten Personen der Fall. Eine Ausweitung dieser Testinitiative, insbesondere in Gemeinden Südtirols, die von der Corona-Pandemie besonders betroffen waren, ist laut dem Experten-Team empfehlenswert.

„Testergebnis mehr als plausibel“

Dr. Giuliano Piccoliori, selbst Hausarzt in Gröden, betont die Plausibilität des Testergebnisses. „Die Erfahrung, die die Hausärzte Ende Februar und im März in Gröden gemacht haben, sowie die Übersterblichkeit älterer Patienten lassen das Testergebnis mehr als plausibel erscheinen. Zwar wurden die getesteten Personen nicht aus der Bevölkerung ausgelost („randomisiert“), es war ja auch keine wissenschaftliche Studie geplant, aber der hohe Anteil von fast 1000 auf 4800 Bewohner und die Verteilung der Getesteten lässt vermuten, dass das Testergebnis trotzdem eine hohe Aussagekraft hat“, so Dr. Piccoliori.

Dr. Cordula Weber, Sanitätsdirektorin des Gesundheitszentrums Adler Balance beim Hotel Adler in St. Ulrich und Hausärztin in Gröden, betont, dass „ein Drittel der positiv Getesteten überhaupt keine Symptome hatten, und trotzdem weisen sie mit SARS-CoV-2-IgG-Antikörpern eindeutig eine humorale Immunisierung gegen das Coronavirus auf, was aufgrund von Vergleichen mit bisherigen Coronaviren und anderer viraler Erkrankungen auf eine zumindest mehrjährige Immunität hinweist.“

Genetische Untersuchungen spielen eine Rolle

Dr. Simon Kostner bestätigt: „Wer das Virus überwindet, ohne es zu merken, wer leicht und wer schwer erkrankt und was die Gründe sind, warum bei einzelnen Patienten die Infektion mit dem SARS-CoV-2 das gefürchtete akute Lungenversagen zur Folge hat, das sollen natürlich die Ziele einer wissenschaftlichen Studie sein. Dabei spielen genetische Untersuchungen eine große Rolle. “ Laut Kostner haben schon einige medizinische Universitätsinstitute ihr Interesse an einer Mitarbeit bei der wissenschaftlichen Studie bekundet.

Aussicht auf Herdenimmunität

Für die Bevölkerung von St. Ulrich und Gröden habe die Aktion viel Positives gebracht: der Schrecken vor dem Coronavirus habe sich gelegt, seitdem bekannt ist, wie viele Bürger das Virus ohne schwere Organbeteiligungen, sondern weitgehend asymptomatisch oder mit leichten grippalen Symptomen überstanden haben, heißt es in der Presseaussendung.

Die Aussicht auf eine Herdenimmunität lasse die Hoffnung auf eine baldige Besserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen aufkommen.

Alle Artikel sowie die Übersichtskarten der Lage in Südtirol, in Italien und weltweit mit allen aktuellen Zahlen in Sachen Coronavirus finden Sie hier.

stol

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