<b>von Hans Rieder</b><BR /><BR /><i>„Biredt, züivosichtlich, fo olls interessioscht“</i>, so ließe sich die „Stefflhaisl-Müito“ in wenigen Worten beschreiben. Flora Oberhollenzer, im Jahre 1932 im <i>Kröpfas</i>, einem Bauernhof in Steinhaus geboren, lebt mittlerweile ihr 95. Jahr. Das Alter sieht man ihr nicht an, sie kennt die Leute im Dorf, geht zur Kirche und pflegt die Kontakte mit den Bekannten. Als Mutter und Großmutter wird es im <i>Stefflhaisl</i>, in der alten, holzgetäfelten Bauernstube mit dem Bauernofen, nie langweilig. Die Kinder und die Enkelkinder sind in der Nähe und schauen bei der Mutter und Oma gerne vorbei.<BR /><BR />Auch im hohen Altern erinnert sie sich genau an die verschiedenen Lebensabschnitte, an die guten und weniger guten Zeiten. In einer Großfamilie mit insgesamt 14 Kindern aufgewachsen, erlebt sie als Kind die 1930er Jahre, in denen die Not groß war und alle sparen mussten. Dann kamen die politischen Unruhen mit der Option und die Schulzeit während des Krieges. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1353441_image" /></div> <BR /><BR />Von klein auf hat sie gelernt zu sparen, zu verzichten, zu arbeiten und hat hautnah mitgemacht, was es heißt, für das Notwendigste regelrecht kämpfen zu müssen. <BR /><BR />Ihre Eltern, die Mutter Maria Hofer vom <i>Niedomua</i> in St. Jakob und ihr Vater Franz vom <i>Kropfhaus</i> in Steinhaus, lebten ursprünglich beim <i>Spitzler</i> in St. Jakob. Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, den der Vater als Soldat auch in Russland erlebt hatte, kaufte er das <i>Kröpfas</i> in Obersteinhaus. Flora erinnert sich daran, dass der Hof damals um die 60.000 Lire gekostet hat und dass der Vater lange Zeit die Schulden zurückzahlen musste. Als Zimmermann musste er schauen, wie er den Kredit abbezahlen und gleichzeitig der Großfamilie ein Auskommen sichern konnte.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1353444_image" /></div> <BR /><BR />Wenn die Altbäuerin heute an ihre Kindheit zurückdenkt, bleiben viele schöne Erinnerungen. Das Aufwachsen in einer Großfamilie brachte viele schöne Momente und Erlebnisse mit sich. „Manchmal haben wir unter uns Geschwister auch gestritten, aber immer haben wir zusammengehalten“, stellt sie fest. Haus- und Feldarbeiten gehörten auch für die Mädchen zum Alltag. Die Mutter führte sie an die häuslichen Arbeiten wie Kochen, Waschen, Stricken und Nähen heran. Kleider und Schuhe wurden von den älteren Geschwistern an die Jüngeren weitergegeben, ob sie passten oder nicht. Mutter Maria nähte für alle die Kleider, früh begannen die Mädchen zu stricken und die Wolle zu spinnen. „Manchmal liefen am Abend in der Stube drei Spinnräder“, erinnert sich Flora.<h3>Der Alltag in der Großfamilie</h3>Das Essen war damals immer etwas knapp bemessen. Kartoffeln, Eier, Milch und Butter waren am Hof vorhanden und gehörten zum täglichen Speiseplan, ebenso Mus und Brennsuppe. Da im <i>Kröpfas</i> nicht so viel Feld vorhanden war, fiel der Anbau von Getreide bescheiden aus. Das Brot war deshalb knapp und musste sparsam eingeteilt werden.<BR /><BR />Noch ein Ereignis ihres Vaters hat Flora immer präsent. Franz suchte nach der Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg Arbeit und ein Auskommen. Zusammen mit Franz Rieder, dem <i>Brigittler</i>, schmuggelte er über die Hundskehle die erste Lichtmaschine, eine Wasserturbine, für das E-Werk Kirchler ins Ahrntal. Weil sie verraten wurden, warteten die Finanzer drei Tage lang auf die Schmuggler, ehe sie wieder abzogen. Wegen der Schneefälle am Joch warteten die Ahrntaler drüben im Zillertal auf besseres Wetter – und entgingen so glücklicherweise einer Festnahme.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1353447_image" /></div> <BR /><BR />Und dann erzählt Flora noch eine Gegebenheit, über die sie heute selber schmunzeln muss. Wie damals üblich, glaubten die Kinder relativ lange an das Christkind. Dass die Kinder in bessergestellten Familien immer schönere Geschenke bekamen, während sie zuhause nur bescheidene Gaben vorfanden, ließ bei ihr und den Geschwistern irgendwann Zweifel aufkommen, welche Bewandtnis es mit dem Christkind und den mitgebrachten Geschenken tatsächlich hatte.<h3>Der Schatten des Krieges </h3>„Wer den Krieg nicht direkt erlebt hat, wer nur darüber liest, hat keine Ahnung, welches Leid ein solches Ereignis bringt – für jene, die an der Front kämpfen und auch für die Eltern und Geschwister, die in ständiger Sorge um ihre Söhne und Brüder zu Hause warten und auf ihr Heimkommen hoffen“, sagt Flora Oberhollenzer.<BR /><BR />Als ihre Geschwister, der Franz, der Hansl und der Alfons, in den Zweiten Weltkrieg einrücken mussten, konnte der Vater als ehemaliger Kriegsteilnehmer wohl am besten abschätzen, was ihnen bevorstand. Franz, der Älteste, war zunächst in Jugoslawien stationiert, wurde dann ins Elsass versetzt, wo sich seine Spuren verloren. Hansl diente bei der Wehrmacht in Polen. Ihm gelang nach dem Zusammenbruch die Flucht. Er kehrte zu Fuß von Österreich über die Jöcher ins Ahrntal zurück. Alfons wurde bereits im Alter von 19 Jahren eingezogen und war in Finnland, in Karelien, stationiert.<BR /><BR />Wie sehr die Mutter Maria Hofer unter diesem Schicksal gelitten hat, lässt sich an zwei Episoden festmachen. Nach dem Krieg, als ihr Sohn Franz als verschollen galt und seine Todesumstände bis heute nicht restlos geklärt sind, erlitt die Mutter einen Nervenzusammenbruch. Zu sehr hatten sie die Sorgen um ihren Buben und die Ungewissheit mitgenommen. Die Trauer um den verschollenen Sohn Franz konnte Maria nie ablegen, ein Platz in der Familie blieb immer leer.<BR /><BR />Viel später, als sie 1983 starb, musste ihr Tochter Flora versprechen, alle Briefe, die sie von ihren Buben von der Front bekommen hatte und die sie bis zuletzt aufbewahrte, mit ins Grab zu legen. Flora kam diesem Wunsch der <i>Kröpfas-Müito</i> nach und gab ihr die Briefe der Söhne mit auf ihren letzten Weg. Aus diesem letzten Wunsch lässt sich erahnen, wie sehr eine Mutter das Schicksal ihrer Kinder begleitet und wie tief die Liebe im Herz einer Mutter festgemacht bleibt.<BR /><BR />Und dann erinnert sich Flora an einen Moment, der ihr heute noch die Tränen in die Augen treibt: „Als der Krieg aus war, läuteten in allen Dörfern die Kirchenglocken, dieses Geläut fühlte sich wie eine Befreiung an!“ Es war die Botschaft, auf die die Menschen so lange und sehnsüchtig gewartet hatten.<h3>Heirat und eigene Familie </h3>Nach dem Krieg bezeichnet Flora die Zeit als Neuanfang, als Aufbruch in einen neuen Zeitabschnitt. Die Familien hatten anfangs kein Geld, mussten teilweise mit Todesfällen in der Verwandtschaft zurechtkommen, und trotzdem ging das Leben weiter. Es musste weitergehen. Zur täglichen Arbeit gab es keine Alternativen, alle halfen am Hof mit, „man hat damals nichts anderes gekannt“. <BR /><BR />Ab den 1950er Jahren ging es aufwärts, wirtschaftlich und in allen Belangen. Flora erinnert sich noch daran, als im Dorf die ersten Autos gekauft wurden. Der <i>Medus</i>, der <i>Schmolza</i> und die <i>Garba</i> hatten in Steinhaus ein erstes Gefährt, das damals wie ein enormer Fortschritt galt. <BR /><BR />Sie erzählt, wie die Brüder Hansl und Alfons nach dem Krieg bei der Fraktion anfragten, ob sie einen ausgedorrten Baum von ganz oben an der Waldgrenze haben könnten. Damit wollten sie sich mit enormem Aufwand eine Kleinigkeit verdienen. Als sie mit dem Baumstamm im Tal ankamen, mussten sie den schönsten Abschnitt abliefern. <BR /><BR />Im Jahre 1959 heiratete Flora Oberhollenzer Sebastian Innerbichler vom <i>Stefflhaisl</i> in Steinhaus. Er war der Erbe das kleinen Bauernhofes ganz in der Nähe ihres Heimathofes, zu dem nur wenig Feld gehörte. Flora erinnert sich, dass ihr Mann damals um die 250 Lire im Monat verdiente. Er arbeitete in Steinhaus an der Verwalter-Säge als Holzschneider, hatte aber in den Wintermonaten keine Anstellung, weil das Wasser für den Antrieb der Säge am Keilbach fehlte. Daraufhin pachtete er noch etwas Feld dazu, sodass er zumindest zwei Kühe halten konnte und damit Lebensmittel für die Familie abfielen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1353450_image" /></div> <h3>Stolz auf „tüchtige“ Kinder</h3>Um eine ständige Anstellung zu finden, ging der Familienvater – inzwischen waren sechs Kinder zur Welt gekommen und er immerhin schon 60 Jahre alt – nach Geretsried nahe bei München in die Fabrik. Arbeit und Verdienst fehlten damals im Tal. Mehrere Leute aus Steinhaus suchten und fanden zu dieser Zeit im Ausland Arbeit. Für die Mutter bedeutete das, mit den Kindern allein zu bleiben und daheim alles schaukeln zu müssen, wie sie sagt. <BR /><BR />Sie bot ihren Kindern alles, was diese brauchten: ein Heimathaus, eine sorgenfreie Schulzeit, und „schließlich sind aus ihnen tüchtige Leute geworden“, stellt die Mutter zufrieden und mit berechtigtem Stolz fest.<BR /><BR />Die Familie, ihre Kinder und die Enkelkinder geben ihr heute noch viel Rückhalt. Mittlerweile sind ihr Mann Sebastian und der älteste Sohn Peter verstorben. Flora sagt dann etwas, was wir alle als guten Ratschlag mitnehmen können: „Der Tod von meinem Mann und meinem ältesten Sohn Peter hat mich getroffen, hat vieles in meinem Leben verändert. Ich habe mir aber vorgenommen, nach vorne zu schauen, anzunehmen und nicht zu zerbrechen an dem, was man eh nicht ändern kann.“<BR /><BR />Im Leben und auch in einer Familie ist nicht immer alles glatt abgelaufen, gibt Flora zu. Wichtig war und ist ihr der Zusammenhalt in der Familie und auch die klaren Worte, dort, wo sie angebracht sind.