Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Tausende jüdische Holocaust-Überlebende auch über Tirol nach Palästina geschleust. <BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="647705_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie sind Sie auf das Thema „Flucht über die Alpen“ für Ihr gleichnamiges Buch gestoßen?</b><BR />Hans-Joachim Löwer*: Es war wohl das erste Mal, dass eine Fernsehsendung mich dazu brachte, ein Buch zu schreiben. Spät abends zappte ich durch puren Zufall in TV-Bilder, die mich sofort fesselten. Es waren Schwarz-Weiß-Fotos von ausgezehrten, schlecht ausgerüsteten Juden, die sich zum Krimmler Tauernpass hochschleppten, und dazu live eine Gruppe von Zeitgenossen, die das historische Ereignis nachinszenierten. Der Weg führte über 2634 Meter Höhe hinüber ins Südtiroler Ahrntal. Mein Gott, so dachte ich mir, sind die Leute auf den Fotos wahnsinnig gewesen? Weshalb schleppten die sich in solche Höhen? Warum flüchteten sie, und wo wollten sie hin?<BR /><BR /><b>Also suchen Sie Antworten auf diese Fragen...</b><BR />Löwer: Ja, ich merkte, dass ich fast nichts darüber wusste. Ich habe dann ein wenig zu lesen begonnen und eine Reihe von Leuten angesprochen, die alle in weit überdurchschnittlichem Maß an Politik und Zeitgeschichte interessiert sind. Auch von denen hatte niemand eine Ahnung davon, was sich 1945 bis 1948 in den Alpen abgespielt hatte. Unglaublich, dachte ich mir, als ich meine Recherchen zu vertiefen begann, dies war die größte Menschenschleuseraktion, die es bis dahin auf der Welt gegeben hatte – und kaum jemand weiß heute davon. <BR /><BR /><b>Welche Rolle spielte Südtirol in diesem Flüchtlingsstrom?</b><BR />Löwer: Die illegale Einwanderung von Juden in das damals britische Mandatsgebiet Palästina begann schon vor dem Holocaust. Aber erst 1945, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, war es jüdischen Aktivisten möglich, in fast ganz Europa ein Netz von Fluchthelfern aufzubauen. „Bricha“ (Flucht) nannte sich diese Untergrundgruppe. Sie brachte Tausende von Juden über Frankreich und Rumänien, über den Balkan und Griechenland in den Nahen Osten. Die wichtigsten Routen aber führten ausgerechnet über ein Hochgebirge – die Alpen wurden von einer Barriere zu einer Brücke.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-49218858_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Und damit wurde auch Südtirol ein Schauplatz.</b><BR />Löwer: Die Geografie und die Politik führten dazu, dass dieses Land von 1945 bis 1948 zum Schauplatz von Weltpolitik wurde. Italien hat eine 7000 Kilometer lange Küstenlinie, es war ein hervorragender Startplatz für Schiffe, die Menschen nach Palästina bringen konnten. Die „Bricha“ heuerte Dampfer wie auch Kapitäne an, baute die Schiffe für Massentransporte um; die Passagiere gingen im Schutz der Nacht vor einsamen Buchten an Bord. Die Flüchtlinge waren befreite KZ-Insassen und Juden aus Osteuropa, die auch nach dem Abzug der Deutschen wieder Antisemitismus erlebten und keine Zukunft unter dem Kommunismus sahen. Europa war für sie nur noch ein Friedhof, der neue Traum hieß „Eretz Israel“ – ein eigener jüdischer Staat auf dem Boden der biblischen Vorfahren.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="647708_image" /></div> <BR /><BR /><b>Was spielte sich in Südtirol also ab?</b><BR />Löwer: Das österreichische Nord- und das italienische Südtirol wurden zu einer Art Trichter, durch den die jüdischen Flüchtlingsströme gelenkt. Die Menschen kamen aus Notlagern in Bayern nach Innsbruck, aus Polen, Rumänien und der Sowjetunion über Wien und Salzburg in Transitlager auf Tiroler Boden. Den Brenner- und Reschenpass passierten 3 Jahre lang ganze Konvois von Autos und Lastwagen. Die Insassen hatten gefälschte Dokumente, die Grenzbeamten wurden mit Zigaretten, Sardinen und Schnaps bestochen. Den Krimmler Tauern überquerten schätzungsweise 6000 Menschen zu Fuß. <BR /><BR /><b>Wie viel bekam die Bevölkerung des Landes davon mit?</b><BR />Löwer: Die Tiroler in Österreich hatten für die flüchtenden Juden wenig Sympathien. Sie sahen nannten sie oft „überflüssige Mäuler“, weil sie von internationalen Hilfsorganisationen durchgefüttert wurden, während einheimische Bauern große Teile ihrer Ernte für die Versorgung mit Nahrungsmitteln abgeben mussten. Zudem beschwerten sich in Österreich viele Dorfbewohner darüber, dass Lagerbewohner Obst und Gemüse von den Feldern stahlen und sich in der Öffentlichkeit „unsittlich“ benahmen. Die Tiroler in Italien verdienten zum Teil ein wenig Geld, weil die „Bricha“ Unterkünfte anmietete, die manchmal als Erholungsheime getarnt waren. Der Großteil der Südtiroler aber kümmerte sich wenig um die illegalen Transporte – man hatte andere Sorgen.<BR /><BR /><b>Gibt es heute in Südtirol noch Spuren aus dieser Zeit?</b><BR />Löwer: So gut wie keine. Die Flüchtlinge und ihre Schleuser haben schlicht nichts hinterlassen. Fast alle Akteure von damals sind inzwischen tot. Südtirol war ein Transitland, die Zeit ging über die Ereignisse hinweg. Zur Erinnerung an die Judenflucht über den Tauernpass wird immerhin seit 2007 jedes Jahr eine Gedächtniswanderung unter dem Titel „Alpine Crossing“ veranstaltet. Sie führt von Krimml im Bundesland Salzburg nach Kasern im Ahrntal.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="647711_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sind Sie auf Leute gestoßen, die in dieser Zeit nicht die beste Figur abgaben?</b><BR />Löwer: In der Nachkriegszeit herrschten Hunger, Durcheinander und Wohnungsnot. Das war in Südtirol nicht anders als in ganz Mitteleuropa. So eine Zeit bringt immer zwielichtige Figuren hervor. Natürlich gab es auch in Südtirol Menschen, die versuchten, aus dem Chaos Kapital zu schlagen. Einer von ihnen war der Geschäftsmann Jaac van Harten, ein Jude mit holländischem Pass, der nicht nur gute Beziehungen zu Nazi-Größen, sondern auch zum jüdischen Untergrund hatte. Er gab sich nach Kriegsende als Rot-Kreuz-Delegierter aus, wurde schließlich von den Amerikanern verhaftet – sein Geld aber war eine Art Startkapital für jüdische Fluchthelfer. Es war wirklich eine Zeit, in der sich Gut und Böse nicht so leicht trennen ließen.<BR /><BR /><b>Wer hätte in diesem Kapitel der Geschichte nachträglich mehr Anerkennung verdient?</b><BR />Löwer: Anerkennung ernten heute meist nur Leute, die entweder geschäftlich oder moralisch auf der richtigen Seite stehen. Die jüdischen Aktivisten der „Bricha“ fälschten damals Namen und Pässe, Urkunden und Stempel. Sie tricksten Lagerleitungen aus und bestachen Grenzbeamte. Aber sie taten es nicht wegen des Geldes wie die Schleuser von heute, sondern wegen ihres Glaubens an eine neue Zukunft. Sie glaubten an einen jüdischen Staat Israel und taten alles, um ihn zustande zu bringen. Letztlich lieferten sie den Beweis, dass ein Glaube wirklich Berge versetzen kann. <BR /><BR /><b>Sie erzählen in diesem Buch viele einzelne Geschichten: Welche hat Sie persönlich am meisten berührt?</b><BR />Löwer: Die Geschichten, die sich in den Nachkriegslagern unter den befreiten KZ-Insassen abgespielt haben. Die bohrenden Fragen, wieso diese oder jene Person lebend durch das KZ gekommen war. Das gegenseitige Misstrauen, der ständig nagende Verdacht. Hat da jemand doch heimlich mit SS-Wächtern kollaboriert? Hat da jemand sich selber oder andere verraten? Dieses Gift ging aus den Köpfen nicht heraus. Es zeigt, was aus Menschen werden kann, die jahrelang täglich um ihr Leben kämpfen müssen. In den Notunterkünften der Juden nach dem Krieg herrschte manchmal eine geradezu wütende Anarchie. Jede Anordnung von oben, ja jede Ordnung überhaupt wurde fast reflexhaft missachtet.<BR /><BR /><b>Gibt es eine Frage, die Sie nach diesen Recherchen weiter beschäftigt?</b><BR />Löwer: Ich habe nach zwei Jahren Recherche ein wenig mehr verstanden, weshalb so viele Juden dem Rest der Welt misstrauen – vor die allem Juden in Israel. Sie haben eine Art kollektives Trauma, weil ihre Vorfahren Verfolgung und Vernichtung erlebt haben wie nur wenige Volksgruppen. Juden haben die historische Erfahrung gemacht, dass sie sich auf keine Macht der Welt, sondern nur auf sich selber verlassen können. Nicht-Juden, die das alles nicht erlebten, haben große Probleme, sich in diese Seele hineinzuversetzen. Die Spuren des Holocaust sind länger, als wir glauben. Sie ziehen sich durch mein ganzes Buch, durch Jahre und Jahrzehnte nach Hitlers Ende, hinein bis ins heutige Israel. Sie lassen ahnen, wie tief die Ängste vor Vernichtung sitzen, und wie sehr sie noch immer die Agenda im ewigen Nahostkonflikt bestimmen. Ich bin durch diese Recherchen um ein paar Erkenntnisse reicher und um ein paar Illusionen ärmer geworden. Mein Respekt vor der Tiefe des Konfliktes ist gewachsen – und leider auch meine Skepsis, was eine politische Lösung betrifft. <BR /><BR /><b>Der Autor</b><BR />* Hans Joachim Löwer, Jahrgang 1948, war fast 30 Jahre lang Reporter u.a. für den „Stern“ und „National Geographic“, er berichtete aus vielen Krisen- und Kriegsgebieten. Seit 1991 arbeitet er als freier Autor, er lebt in Garmisch-Partenkirchen. Im Verlag Athesia-Tappeiner sind bisher von ihm erschienen: „Die Alpenfront einst und jetzt“ (2014) und „Gipfelkreuze - Träume, Triumphe, Tragödien“ (2019)<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="647714_image" /></div> <BR /><BR /><b>Das Buch</b><BR />Flucht über die Alpen. Wie jüdische Holocaust-Überlebende nach Palästina geschleust wurden. 320 Seiten, Verlag Athesia-Tappeiner, ca. 28 Euro. Erhältlich unter: www.athesiabuch.it<BR /><BR /><b>Die Termine</b><BR />Buchvorstellung mit Autor Hans-Joachim Löwer am<BR /><b>Mittwoch, 13. Oktober</b>, Bozen, Landesbibliothek Dr. Friedrich Tessmann,<BR />A.-Diaz-Straße 8, 20 Uhr<BR /><b>Donnerstag, 14. Oktober</b>, Meran, Anne-Frank-Bibliothek der Jüdischen Gemeinde Meran, Leopardistraße 31, Meran, 19 Uhr <BR /> Einlass ist nur mit Corona Pass möglich – Einführung: Joachim Innerhofer, Leiter des Jüdischen Museums Meran<BR /><BR /><BR />