Einen so starken Borkenkäferbefall wie dieses Mal hat es in Südtirol bislang noch nie gegeben: Das verheerende Sturmtief Vaia im Jahr 2018 sowie der Schneedruck in den darauffolgenden Wintern und die Trockenheit im Sommer haben die Ausbreitung der kleinen Parasiten mit Vorliebe für Holz begünstigt. Normalerweise nagt sich der Borkenkäfer nur durch Schadholz. Da es allerdings so viele in der Zahl wurden, haben die Käfer auch gesunde Bäume befallen – mit verheerenden Folgen für Südtirols Wälder.<BR /><BR />Die Lage scheint sich derzeit langsam wieder zu entspannen, doch es wird sicher nicht der letzte Ausbruch gewesen sein. Davon ist Hannes Schuler überzeugt. Er ist der stellvertretende Direktor des Kompetenzzentrums für Pflanzengesundheit an der Uni Bozen und Leiter des Forschungsprojekts. „Unser Ziel war es, herauszufinden, wie wir dem Borkenkäferbefall in Zukunft besser Herr werden können“, sagt Schuler. <BR /><BR />Ein besonderes Augenmerk legten die Wissenschaftler dabei auf die natürlichen Feinde des Borkenkäfers. Diese wären zum einen Insekten wie der Ameisenbuntkäfer oder Larven von Fliegen oder Schlupfwespen. Zudem wurden Organismen untersucht, die mit dem Borkenkäfer assoziiert sind: also Bakterien und Pilze, mit denen der Borkenkäfer eine Symbiose eingeht. „Einige davon nützen ihm, weil sie zum Beispiel bei der Verdauung des Materials helfen. Andere wiederum schädigen den Käfer“, führte Schuler aus. <BR /><BR />Weiters gibt es Fadenwürmer, die im und mit dem Borkenkäfer leben, um ins Innere der Bäume zu gelangen – auch hier reicht die Beziehung von friedlicher Symbiose bis zum Parasiten, der dem Borkenkäfer gefährlich werden kann. Die Idee der Forscher: die natürlichen Gegenspieler des Borkenkäfers nutzen, um ihn einzudämmen. <BR /><BR />Eine weitere Studie, die im Rahmen des Forschungsprojekts durchgeführt wurde, bezieht sich auf die Auswirkungen der Temperaturen auf den Borkenkäfer. Die Forscher zogen einen Vergleich mit Borkenkäfern in Schweden: Dort sind die Insekten genetisch so veranlagt, dass sie keine weiteren Generationen erzeugen können. <BR /><BR />In Südtirol ist das anders. Wegen Unterschieden im Genom des Parasiten und der milderen Winter kann der Großteil der Borkenkäfer mehrere Generationen innerhalb eines Jahres bilden. Sprich: Im Vergleich zu Schweden vermehrt sich der Borkenkäfer hierzulande explosionsartig. Im Forschungsprojekt konnten erstmals die Gene entschlüsselt werden, die dafür verantwortlich sind.<h3> Zustand der Schutzwälder kartiert und dokumentiert</h3>Ruth Sonnenschein vom Institut für Erdbeobachtung an der Eurac hat sich indes darauf fokussiert, einen Ausbruch der Borkenkäfer mittels Fernerkundung frühzeitig zu erkennen. Allerdings erwies sich das Vorhaben als etwas schwieriger als gedacht. Bei der Fernerkundung werden Bilder von Satelliten oder Drohnen ausgewertet. „Die Bilder zeigen den Borkenkäferbefall anhand einer Veränderung der Farbe der Baumkrone“, erklärte Sonnenschein. „Sobald diese sichtbar ist, ist es allerdings meistens schon zu spät: Der Borkenkäfer hat den Baum bereits vor mehreren Wochen befallen.“ <BR /><BR />Daher hat man sich auf ein anderes Ziel geeinigt: die Auswirkungen des Borkenkäfers auf Schutzwälder zu erforschen. Die Forscher haben die Veränderungen der letzten Jahre kartiert und die Ursachen der Schäden dokumentiert – Schäden durch den Borkenkäfer genauso wie durch Extremwetterereignisse oder das Fällen von Bäumen. „Nun haben wir einen guten Überblick über die Schutzwälder im Land und darüber, wie es ihnen geht“, sagte Sonnenschein. <BR /><BR />Marco Mina ist erst etwas später auf das Projekt aufgesprungen. Er ist im Institut für Alpine Umwelt an der Eurac tätig. Sein Ziel: die Folgen des Klimawandels und die damit einhergehenden Veränderungen im Wald zu simulieren. Als Beispiel für die Simulation wurden Wälder im Vinschgau, genauer gesagt in Trafoi und Matsch, hergenommen.<BR /><BR /> Auf einer modernen Software wurde der virtuelle Wald dann möglichen Klimaveränderungen, Extremwettern und Trockenheitsperioden ausgesetzt. Marco Mina zieht folgendes Fazit: „Die Folgen des Klimawandels spielen dem Borkenkäfer enorm in die Karten.“ Erneute und womöglich noch schlimmere Ausbrüche sind also nur eine Frage der Zeit. Umso wichtiger ist es, entsprechend darauf vorbereitet zu sein.