Freitag, 22. April 2022

Frau Oberhammer, warum verdienen Frauen bis zu 17 Prozent weniger?

Die bekannten knallroten Taschen sollen am „Equal Pay Day“ 2022 auf das Thema aufmerksam machen: Nach wie vor gibt es in Südtirol einen Lohnunterschied von 17 Prozent zwischen Frauen und Männern – dabei liegt Südtirol unter dem europäischen Durchschnitt. STOL hat bei Ulrike Oberhammer, Präsidentin des Landesbeirates für Chancengleichheit nachgefragt, was die Gründe für die Lohnschere sind.

Oberhammer: Wir fordern Lohntransparenz und eine Aufwertung vieler Berufe. - Foto: © Matteo Groppo

Von Johanna Torggler


STOL: Nach wie vor ist der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern groß: In Südtirol liegt der Gender Pay Gap bei Vollzeit aktuell bei 17 Prozent – was ist der Grund dafür?


Ulrike Oberhammer: Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen ändern sich die Dinge in vielen Bereichen viel zu langsam, Forderungen werden nicht ernst genommen. Zu einer Hauptursache gehört die immer noch fehlende Lohntransparenz. Wenn Frauen gar nicht wissen, wie viel sie bei der Ausübung eines bestimmten Berufes eigentlich verdienen könnten, können sie auch kein höheres Gehalt fordern. Ein weiterer Grund für die Lohnschere von 17 Prozent ist, dass hierzulande, anders als in nordischen Ländern, über Gehalt und Geld nicht gesprochen wird. Oft wissen Frauen nicht einmal was ihre Partner verdienen. Des Weiteren verstärkt sich der Gender Pay Gap dadurch, dass Frauen oft Berufe ausüben, die niedrig bezahlt werden. Viele dieser Berufe haben uns aber besonders während der Corona-Pandemie gezeigt, wie wichtig sie sind. Eine Aufwertung solcher Berufe wird schon länger gefordert. Aber auch wenn Frauen dieselbe Tätigkeit ausführen wie Männer verdienen sie weniger.

STOL: Gibt es weitere Gründe?

Oberhammer: Ja, eine wichtige Rolle spielt auch die Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf. Wir haben in Südtirol immer noch zu wenig Plätze in Kindergärten und es gibt zu wenig Ganztagesschulen. Außerdem sind Frauen oft froh, wenn sie eine Arbeit finden und nehmen dabei viel in Kauf – auch schlechter bezahlt zu werden. Gerade jetzt, wo es Mangel an Fachkräften in bestimmten Bereichen gibt, könnten Frauen wesentlich besser verhandeln. Aufgrund der fehlenden Lohntransparenz, die bereits angesprochen wurde, wissen Frauen aber oft nicht ausreichend Bescheid.


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STOL: Wie schlägt sich Südtirol im europäischen Vergleich?

Oberhammer: Durchschnittlich spricht man in Europa von einem Lohnunterschied von 14, 1 Prozent zwischen Frauen und Männern in Vollzeit. Mit 17 Prozent liegt Südtirol somit unter dem europäischen Durchschnitt. Länder, in welchen offener über das Thema Gehalt und Geld gesprochen wird stehen wesentlich besser da. Die besten Werte hat Island, wo es schon länger ein Gesetz zur Lohntransparenz gibt und ein weiteres, das vorschriebt, dass Frauen und Männer für die Ausführung der selben Arbeit gleich viel verdienen müssen.

STOL: Welche Rolle spielt die Wertschätzung der Arbeit?

Oberhammer: Während früher gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit gefordert wurde, fordern wir heute gleichen Lohn für gleichartige Arbeit. Die gleiche Art von Arbeit ermöglicht es uns nämlich, die Situation viel objektiver zu betrachten. Die Aufwertung gewisser Berufe, in denen besonders Frauen tätig sind, wäre wichtig, um die Lohnschere zu verringern. Denn die 17 Prozent Lohnunterschied wirken sich auch auf die Pensionsschere aus. Viele Frauen riskieren in die Altersarmut abzurutschen.

STOL: Was hat sich an der Situation seit der Corona-Pandemie geändert?

Oberhammer: Seit dem Ausbruch des Coronavirus haben wir einen großen Schritt rückwärts im Bereich der Lohngleichheit gesehen. Als im März 2020 die Kinder zu Hause bleiben mussten, wurde die Rechnung in den meisten Familien ganz einfach gemacht: Weil viele Frauen weniger verdienten als die Männer, waren sie es, die zu Hause bleiben mussten. Genau diese Situation zeigt nochmal, wie wichtig ein gleicher Lohn für Männer und Frauen ist.


STOL: Was ist das Ziel des „Equal Pay Day“?

Oberhammer: Bei diesem Aktionstag geht es uns besonders darum die Leute zu informieren. An verschiedenen Standorten stehen an diesem Tag insgesamt 37 Stände an denen Informationsmaterial, die mittlerweile bekannten knallroten Taschen, Statistik-Blätter und ein Finanzplan für zu Hause ausgeteilt werden. Besonders der Finanzplan ist ein interessantes Angebot, bei dem Transparenz zwischen Partnern geschaffen werden soll. Gemeinsam wird ausgefüllt wer wie viel verdient, wer was bezahlt, wer sich um den Haushalt kümmert, ob beide Partner ein eigenes Bankkonto haben, ... Es geht also um die gerechte Aufteilung von Einkommen, Vermögen und Ausgaben. Häufig ist es nämlich so, dass Frauen für Essen und Kleidung bezahlen und Männer Geld für Immobilien ausgeben. Im Falle einer Trennung bleibt der Wert der Immobilien bestehen, oder erhöht sich sogar, während Kleidung und vor allem Lebensmittel natürlich keinen Wert mehr haben. Dieser Finanzplan bietet also eine gute Diskussionsgrundlage für Daheim.

Den „Equal Pay Day“ gibt es bereits seit 2010 – was hat sich seitdem getan?

Oberhammer: Seit 2010 sind die Südtiroler informierter und auch aufmerksamer. Damals haben viele noch angezweifelt, dass es eine Lohnschere in Südtirol überhaupt gibt. Heute wissen die meisten Bescheid und es gibt immer wieder Rückmeldungen von Personalchefs, denen die Lohnunterschiede auffallen und es gibt immer mehr Frauen, die häufiger nachverhandeln – dennoch gibt es noch viel zu tun.

STOL: Wie könnte man dieses Problem lösen?

Oberhammer: Wie in Island, braucht es auch in Italien Gesetze. Es gibt in Italien bereits ein Gesetz, das Lohntransparenz vorschreibt, aber damit es endlich starten kann, fehlen immer noch die Durchführungsbestimmungen. Abgesehen von der rechtlichen Ebene, braucht es auch zu Hause Transparenz. Hausarbeit und Pflegearbeit müssen unter Paaren gerechter aufgeteilt werden, um Frauen bessere Chancen zu ermöglichen.

jot

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