Während Laborfleisch in Italien einen schwierigen Stand hat, ist es in Singapur und in den USA bereits in Restaurants erhältlich. Dennoch gehen Experten wie auch viele Unternehmer davon aus, dass in Zukunft kaum ein Weg daran vorbeiführen wird. <BR /><BR /><b>Frau Raffeiner, warum ist eine Umstellung unserer Ernährungsgewohnheiten überhaupt notwendig?</b><BR />Silke Raffeiner: Vorausschicken möchte ich, dass es nur wenige spezifische Zahlen für Südtirol gibt, allerdings können wir uns in punkto Ernährung durchaus an den Daten aus Österreich anlehnen. Diese besagen, dass im Durchschnitt pro Person 1 Kilo Fleisch in der Woche verzehrt wird. Dabei rät die österreichische Gesellschaft für Ernährung zu maximal 450 Gramm pro Woche, während die neuesten Empfehlungen aus Deutschland die Menge mit 300 Gramm pro Woche noch tiefer ansetzen. Grundsätzlich sprechen 2 Aspekte für weniger Fleischkonsum. <BR /><BR /><b>Und zwar?</b><BR />Raffeiner: Zum einen geht ein hoher Fleischkonsum mit erhöhten gesundheitlichen Risiken einher – eine Vielzahl von Krankheitsbildern werden durch einen zu hohen Fleischkonsum mit verursacht oder verschlimmert. Das ist in der Ernährungsmedizin Konsens. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1039473_image" /></div> <BR /><b>Welcher ist der andere Hauptaspekt?</b><BR />Raffeiner: Seit einigen Jahren rückt der ökologische Aspekt stärker ins Bewusstsein. Im Vergleich zur Produktion von pflanzlichen Lebensmitteln werden bei der tierischen Produktion viel mehr Ressourcen verbraucht, vor allem Boden, Wasser und Energie, was mit einem erhöhten Ausstoß von Treibhausgasen verbunden ist. Vor dem Hintergrund, dass die Weltbevölkerung weiter wächst und man den künftigen Generationen eine lebenswerte Welt hinterlassen möchte, ist es notwendig, die Ernährungsmuster zu ändern – vor allem in unserer westlichen Welt. <BR /><BR /><b>In welche Richtung sollte es gehen bzw. müsste es gehen?</b><BR />Raffeiner: Stärker in die Richtung pflanzenbasierte Ernährung. Ich spreche hier von den westlichen Ländern mit einem durchschnittlich zu hohen Fleischkonsum mit allen negativen Folgen. <BR /><BR /><b>Und so kommen Alternativen wie Insekten oder Laborfleisch immer stärker ins Spiel?</b><BR />Raffeiner: Zunächst einmal sollte man sich die Entwicklung differenziert ansehen. Wir haben eigentlich schon alles verfügbar und müssten nicht notwendigerweise neue Produkte entwickeln. Ich denke etwa an die Vielfalt an Bohnen und Hülsenfrüchte sowie Nüsse und Samen, wenn es um unseren Proteinbedarf geht. Gerade Bohnen und Hülsenfrüchte kamen früher viel öfter auf den Teller. Daran sollte man sich wieder erinnern. Außerdem geht es ja nicht darum, Fleisch völlig wegzulassen, sondern den Konsum zu reduzieren. Allerdings ist es eben so, dass viele Menschen zwar auf Fleisch verzichten wollen, aber nicht auf den Geschmack von Fleisch. Deshalb kommen verschiedene Ersatzprodukte ins Spiel. <BR /><BR /><b>Zum Beispiel eben das aus Stammzellen hergestellte Laborfleisch. Ist es denkbar, dass das bald schon auf unseren Tellern landet?</b><BR />Raffeiner: In Singapur oder den USA ist Laborfleisch in Restaurants bereits erhältlich, in Europa ist es noch nicht zugelassen, in Italien sprechen sich bisher Regierung, Landwirtschaftsministerium und Bauernverband dagegen aus. Allerdings besagen Studien – etwa jene des internationalen Unternehmensberaters Kearney – dass im Jahre 2040 nur mehr 40 Prozent des gesamten Fleischmarktes aus der Tierhaltung kommen wird. Laut dieser Prognose werden 35 Prozent vom sog. kultiviertem Fleisch abgedeckt, während sich 25 Prozent auf die pflanzlichen Ersatzprodukte verlagern. Die Unternehmen versprechen sich viel davon. <BR /><BR /><b>Und wie sieht es mit Insekten als Proteinquelle aus?</b><BR />Raffeiner: In unseren Breiten geht man davon aus, dass Insektenmehl als Zutat für verschiedene Speisen großes Potenzial hat. Insekten in ihrer ursprünglichen Form zu verspeisen – wie es in vielen Teilen der Welt üblich ist – dürfte hierzulande wohl noch lange Zeit kaum zur kulinarischen Praxis gehören.<BR /><BR /><b>Läuft die ganze Thematik letztlich auf kulturelle Muster, Anpassungsfähigkeit und Gewohnheiten hinaus?</b><BR />Raffeiner: Der Gewöhnungseffekt muss für jedes neue Lebensmittel bedacht werden. So wissen etwa Mütter, dass ihr Kind die zunächst abgelehnte Beikost beim zweiten oder wiederholten Versuch oft annimmt. Viele Geschmacksvorlieben bilden sich eben erst nach mehrmaligem Kosten aus. Somit ist es vorstellbar, die eigene Skepsis zu überwinden – ohne jeglichen Zwang oder Druck.