Insbesondere spricht die in Bozen tätige Psychologin über das geänderte Rollenverständnis und die Ansprüche der Mütter. Sie ist überzeugt, dass es eine gerechtere Verteilung der Lasten und Verantwortlichkeiten in der Familie braucht. <BR /><BR /><b>Frau Sternbach, was bewegt Mütter, welches Leitbild treibt sie an?</b><BR />Laura Sternbach: Es fällt auf, dass Mütter eine Vielzahl von Herausforderungen bewältigen müssen, die nicht nur mit dem Muttersein zu tun haben, sondern auch mit den Anforderungen der Arbeitswelt, den finanziellen Belastungen und den gesellschaftlichen Normen. Das Leitbild, das dabei häufig eine Rolle spielt, ist das der „perfekten Mutter“, die alle Aufgaben perfekt zu jonglieren weiß. Soziale Kanäle wie Instagram können dieses Bild verstärken, indem sie ein vermeintlich ideales Bild von Mutterschaft präsentieren und damit unrealistische Erwartungen schüren. Ich habe aber auch schon Gruppen in sozialen Medien gesehen, die genau dieses scheinbar perfekte Mutterbild zu entzaubern versuchen und Fotos oder Posts veröffentlichen, die das Muttersein ungefiltert zeigen, um so auch den Druck von den Müttern zu nehmen und zu zeigen, dass es auch in Ordnung sein kann, wenn eben nicht alles perfekt ist.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1027209_image" /></div> <BR /><BR /><b>Mütter sorgen sich um ihre Kinder, managen die Familie, schmeißen meistens den Haushalt und haben vielfach noch berufliche Pflichten um die Ohren. So weit, so normal – oder?</b><BR />Sternbach: Ja, dieses Modell ist oft noch die Norm und wird von uns als Gesellschaft als „normal“ angesehen. Die Frage ist jedoch, ob es noch zeitgemäß ist und was die Gesellschaft tun kann, um dieses Modell zu verändern. Das System Familie sollte nicht nur auf der Figur der Mutter basieren. Hier sind wir als Gesellschaft gefordert, Veränderungen voranzutreiben, über Tabus zu sprechen und immer wieder darüber nachzudenken, wie wir Mütter dabei unterstützen können, Familie und Beruf mit ihren eigenen Bedürfnissen möglichst in Einklang zu bringen. <BR /><BR /><b>Klaffen Ansprüche und Erwartungshaltungen an die Mütter und die Realität immer weiter auseinander?</b><BR />Sternbach: Ich glaube schon, dass es hier noch eine große Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit gibt und dass es deshalb sehr wichtig ist, die Unterstützungssysteme für Mütter und Familien zu stärken.<BR /><BR /><b>Wird Muttersein bzw. Kinderkriegen zunehmend als Belastung empfunden – Stichworte Geburtenrückgang, Zukunftssorgen, finanzielle Belastungen, Krisen aller Art?</b><BR />Sternbach: Ich denke schon, dass Zukunftssorgen oder finanzielle Belastungen manche Paare zögern lassen, sich als Paar auf das Abenteuer Kinder einzulassen und eine entsprechende Rollenaufteilung zu finden, mit der beide glücklich sind. Für viele Frauen ist nämlich die Vereinbarkeit von Beruf und Mutterschaft wichtig. Sie finden eine traditionelle Mutterrolle zu Hause nicht mehr attraktiv. <BR /><BR /><embed id="dtext86-64696888_quote" /><BR /><BR /><b>Was kennzeichnet die sinnerfüllte Mutterrolle von heute?</b><BR />Sternbach: Es wird zunehmend versucht, einen ausgewogenen Ansatz zu verfolgen, der darauf abzielt, ein liebevolles und unterstützendes Umfeld für die Kinder zu schaffen und gleichzeitig die Bedürfnisse und Ambitionen der Mütter zu berücksichtigen. Wie bereits erwähnt, gibt es auch immer mehr Gruppen in den sozialen Medien, die nicht mehr dem Bild der „perfekten Mutter“ folgen, sondern ein Bild vermitteln wollen, das vor allem den Druck von den Müttern nehmen soll. Darüber hinaus ist es auch wichtig, dass die Mütter selbst keine Angst haben, um Hilfe zu bitten und in sich hineinhorchen, was sie brauchen und wie ihr Umfeld sie dabei unterstützen kann. <BR /><BR /><b>Vermehrt ist bei jungen Frauen der Drang nach Selbstverwirklichung, Unabhängigkeit und Selbstwirksamkeit ausgeprägt – stehen diese Wünsche im Widerspruch zur traditionellen Mutterrolle?</b><BR />Sternbach: Diese Wünsche können natürlich im Widerspruch zur traditionellen Mutterrolle stehen, denn das Bild der traditionellen Mutter ist häufig mit dem einer Frau verbunden, die ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche hinter die ihrer Kinder und Familie stellt. Dies muss jedoch nicht zwangsläufig in Stein gemeißelt sein und ist es auch nicht. Die traditionelle Vorstellung von Mutterschaft kann sich nämlich auch ändern, um den Bedürfnissen und Wünschen der Frauen gerecht zu werden. Dabei ist es wichtig, Raum für Vielfalt und Selbstbestimmung zu schaffen und Müttern die Möglichkeit zu geben, ihre Rolle auf ihre eigene Art und Weise zu leben, wie es einige Mütter bereits machen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1027212_image" /></div> <BR /><BR /><b>Was können Väter und die Gesellschaft dazu beitragen, um die moderne Mutterrolle zu stärken?</b><BR />Sternbach: Väter und wir als Gesellschaft können eine entscheidende Rolle bei der Etablierung und Stärkung einer modernen Mutterrolle spielen. Wichtig sind vor allem eine gerechtere Verteilung der Lasten und Verantwortlichkeiten in der Familie und die Schaffung eines unterstützenden Umfelds für Mütter, wie z.B. Flexibilität am Arbeitsplatz für Mütter und Väter, die Stärkung öffentlicher Strukturen und auch die gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung von Müttern, etwa durch Sensibilisierungskampagnen und das Ansprechen von Tabuthemen wie „Regretting Motherhood“ (Bedauern der Mutterschaft).<BR /><BR /><b>Ist es eigentlich noch zeitgemäß, den Muttertag zu feiern?</b><BR />Sternbach: Diese Frage kann je nach Blickwinkel unterschiedlich beantwortet werden. Aus der Sicht von Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen, die ihre Mutter leider schon verloren haben, kann diese Zeit eine sehr große psychische Belastung darstellen. Andererseits kann es ein schöner Anlass sein, um die wichtige Rolle der Mutter in den Vordergrund zu rücken und auch zu diskutieren. Der Muttertag muss ja auch nicht immer gleich gefeiert werden und kann an die verschiedenen Familienmodelle angepasst werden und den Umständen entsprechend zu einem Familientag gemacht werden. Wer den Muttertag feiern möchte, kann beispielsweise die Mutter fragen, wie sie den Tag eigentlich am liebsten feiern möchte, um sie so wirklich in den Mittelpunkt zu stellen.<BR />