Friederike Pohlin, die im Dezember 2020 mit dem Futura-Förderpreis für junge Südtirolerinnen und Südtiroler im Ausland ausgezeichnet wurde, forscht am Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien an der Schnittstelle von Wildtieranästhesie, Tierwohl und Artenschutz. Sie untersucht, wie Eingriffe im Rahmen des Wildtiermanagements und von Umsiedlungen vom Aussterben bedrohter Tierarten möglichst sicher und tierschutzgerecht umgesetzt werden können. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf Nashörnern und anderen großen Wildtieren.<BR /><BR />„Ich habe gegen Ende meines Veterinärmedizinstudiums in Wien beschlossen, dass ich gerne im Artenschutz und mit Wildtieren arbeiten möchte“, erzählt Pohlin. Sie hatte die Möglichkeit, nach Südafrika zu gehen und dort ihr Doktorat zu machen. Parallel dazu absolvierte sie die Ausbildung zur Fachtierärztin für Anästhesie. „Denn wenn man mit Wildtieren arbeiten will, dann müssen diese in Narkose sein“, so Pohlin. „Und es war mir persönlich sehr wichtig, dass ich mich da gut auskenne. Jedes Tier ist anders, es gibt gefährliche Tiere und auch die Medikamente, die man verwendet, sind oft gefährlich.“ Diese Ausbildung und die gewonnenen Erfahrungen nutzt die Südtirolerin nun bei ihrer praktischen Arbeit und ihren Forschungsprojekten.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1347903_image" /></div> <BR /><BR />„Dass ich für meine Arbeit einen solchen internationalen Preis erhalten habe, ist eine Riesenehre“, sagt Friederike Pohlin. Das Auswahlkomitee des William R. Lance Award zeichnete sie für ihre wissenschaftliche Qualität und Innovationskraft in der sicheren, tierschutzgerechten Immobilisation und Anästhesie von Wildtieren sowie ihr Engagement für internationale Zusammenarbeit aus. <BR /><BR />Die Auszeichnung erinnert an Dr. William R. Lance, einen 2024 gestorbenen Pionier des sicheren und tierschutzgerechten Fangens, Handlings, der Immobilisation und Anästhesie von Wildtieren. Die Auszeichnung wurde von verschiedenen internationalen Wildtierorganisationen verwaltet und im Rahmen der diesjährigen Wildlife Disease Association Conference in Chicago im US-Bundesstaat Illinois verliehen. <BR /><BR />Neben Friederike Pohlin wurde auch der italienische Veterinärmediziner Jacopo Morelli geehrt. „Es ist bemerkenswert, dass dieser Preis ausgerechnet an zwei Leute mit italienischer Staatsbürgerschaft gegangen ist“, sagt Pohlin. Morelli widme sich vor allem der Forschung über Narkose-Medikamente für die Arbeit mit Braunbären und Elchen.<BR /><BR />Neben der Wertschätzung für ihre Arbeit erhielt Friederike Pohlin mit der Auszeichnung die Mitgliedschaft in den Organisationen hinter dem William R. Lance Award sowie 2.000 US-Dollar Preisgeld. Ein Teil davon floss in die „Flying Rhino“-Studie, an der sie seit fünf Jahren arbeitet. „Aber im Endeffekt geht es nicht ums Monetäre“, unterstreicht Pohlin. „Sondern um die ganze Gemeinschaft der Organisationen, die zusammen daran arbeitet, den Wildtierschutz voranzubringen.“<BR /><BR />Zurück zur „Flying Rhino“-Studie, Friederike Pohlins Herzensprojekt. Nachdem sie bereits während ihres Doktorats in Südafrika physiologische Stressreaktionen während des Fangs und Transports von Nashörnern sowie die verschiedenen Möglichkeiten der Sedierung untersucht hatte, widmet sie sich mit der Studie den Möglichkeiten des fliegenden Transports der bedrohten Tiere. „Denn wenn diese oft abgelegenen Gegenden nicht mit Lastwagen erreicht werden können, werden die Nashörner in Narkose mit dem Hubschrauber transportiert“, erklärt Pohlin. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1347906_image" /></div> <BR /><BR />Bei dem Projekt wird mit einem Kran der Hubschrauberflug simuliert, und mit modernen Monitoringmethoden werden die Auswirkungen auf Atmung, Herz-Kreislauf-Funktionen und mehr untersucht. „Normalerweise werden die Tiere dabei mit den Füßen nach oben hängend transportiert“, erklärt Pohlin. „Aber wir haben auch in Zusammenarbeit mit South African National Parks und dem Grosstier-Rettungsdienst der Schweiz spezielle Transportnetze entwickelt, wie sie auch für den Transport von Kühen per Hubschrauber benutzt werden.“<BR /><BR />Neben ihrer Forschungstätigkeit ist Friederike Pohlin besonders in Europa oft gemeinsam mit Jägern und Biologen unterwegs, wenn es gilt, ein Wildtier zu narkotisieren – beispielsweise, wenn ein Sender angebracht werden soll oder Proben genommen werden sollen. „Da ist die gesamte Bandbreite an Arten dabei, vom Gartenschläfer bis hin zum Rotwild“, so Pohlin. „Dabei versuche ich auch, bestehende Narkosetechniken kontinuierlich weiterzuentwickeln und die Sicherheit und das Tierwohl während der Narkose zu verbessern – etwa durch die Optimierung von Medikamentenprotokollen, Lagerung und Monitoring.“<BR /><BR />Zuerst gelte es, das betreffende Tier zu finden und sich anzupirschen oder Fallen aufzustellen, zum Beispiel Kastenfallen mit Futter für Rotwild. „Meistens wird das Tier dann mit einem Narkosegewehr anästhesiert“, erklärt Friederike Pohlin. „Wenn das Tier nicht in einer Falle ist, dann läuft es meistens weg, und man muss es suchen.“ Während der Narkose, die meistens eine halbe Stunde oder Stunde dauere, sei es ihre Aufgabe, die richtige Lagerung des Tieres und die Sicherheit von Mensch und Tier zu gewährleisten. „<BR /><BR />Je nach Medikament kann man ein Gegenmittel zum Aufwecken spritzen. Dann schaue ich, dass Ausrüstung und Menschen weg sind, und beobachte aus der Ferne, bis das Tier wach wird und wieder steht“, so Pohlin. Sehr wichtig sei, dass das Tier gleich wieder fit ist, denn im Unterschied zu Haustieren und zum Menschen habe das Wildtier keine Zeit, sich nach der Narkose stundenlang zu erholen.