Die Politik habe alles in der Hand, um die herannahende 4. Welle zu brechen, sagt der Sarner Wissenschaftler. <BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="704093_image" /></div> <BR /><b>Überrascht Sie die derzeitige Situation, die wir jetzt in Südtirol haben?</b><BR />Prof. Bernd Gänsbacher: Ja, eindeutig. Zumal Italien entschieden hat, den Pool der Ungeimpften, der ja ein wahres Paradies für das Virus ist, 2 Mal wöchentlich zu testen, und dadurch die Spitze des Eisberges, also die hohen Virusausscheider herauszufischen, hätte ich mir erwartet, dass das einen signifikanten Unterschied zu Deutschland oder Österreich ausmacht, wo das ja nicht getan wird. In Italien lag die Zahl der Neuinfektionen letzthin immer zwischen 3000 und 5000 pro Tag, in Deutschland um die 21.000 bis 27.000. Deshalb war ich zuversichtlich, dass auch Südtirol relativ lange sicher dahinsegeln wird. Dass sich das jetzt so schnell verschlechtert, ist für mich überraschend. <BR /><BR /><b>Woran liegt das?</b><BR />Prof. Gänsbacher: Das hängt klar an 3 Faktoren: an der Impfquote, die nicht optimal ist, der Delta-Variante, die eine hohe Infektiosität hat und an der Tatsache, dass wir viele Menschen haben, die vor über 6 Monaten geimpft worden sind. Eine Rolle spielen auch die Temperaturen und der vorwiegende Aufenthalt in Innenräumen.<BR /><BR /><b>Das heißt, die Impfdurchbrüche spielen da mit hinein?</b><BR />Prof. Gänsbacher: Genau. Jetzt kommen die kristallklaren Zeichen heraus, dass die Antikörperkonzentration im Blut absinkt. Besonders bei älteren Damen und Herren ist das der Fall. Wenn das Virus in diese Altersgruppe eindringt und eine ungenügende Antikörper-Konzentration vorfindet, gehen die Infektionszahlen nach oben. <BR /><BR /><b>Will ich meinem Mitbürger helfen?</b><BR /><BR /><BR /><b>Also unbedingt die dritte Dosis für die älteren Semester?</b><BR />Prof: Gänsbacher: Ja, klar. Da reicht ein Blick in die USA, nach England und allen voran nach Israel. Die Zahlen sprechen dort für sich. Das sind knallharte Fakten. Also muss jede Gesellschaft in den Spiegel schauen und sich fragen, will ich meinem Mitbürger helfen oder nicht.<BR /><BR /><b>Warum können sich Geimpfte denn überhaupt infizieren?</b><BR />Prof. Gänsbacher: Wenn ein Impfstoff intramuskulär injiziert wird, dann werden in erster Linie Memory T- und B-Zellen und Antikörper im Blut und im Gewebe produziert, die vorwiegend sogenannte IgG sind. Das Virus dringt aber über Mund, Rachen und Schleimhäute ein. Die Antikörper, die auf Schleimhäuten die entscheidende Rolle spielen, sind aber die sogenannten IgA. Durch die Impfung werden relativ viele und gute IgG, aber relativ wenig IgA erzeugt. Das heißt, ein Geimpfter kann infiziert werden, wenn virale Partikel über den Mund und Rachen eindringen und vorwiegend nur von den IgA Antikörper bekämpft werden. Mit jedem Atemzug werden dann vom Geimpften diese viralen Partikel ausgeschieden. Wenn das Virus aber bei einem Geimpften in die unteren Atemwege, also die Lunge eindringt, werden sie von den IgG und den T-Zellen in den meisten Fällen eliminiert.<BR /><BR /><embed id="dtext86-51428225_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wäre es also sinnvoll, dass auch Geimpfte sich regelmäßig testen lassen?</b><BR />Prof. Gänsbacher: Wenn sie Symptome verspüren, auf jeden Fall. Meistens spüren Infizierte anfangs, dass die Nase zu ist, außerdem haben sie Halsweh oder Kopfschmerzen. Geimpfte, die infiziert sind, können kurzeitig eine gleich hohe Viruslast ausscheiden wie Nichtgeimpfte, die infiziert sind. Aber bei den Geimpften sinkt die Virusausscheidung relativ schnell ab, was bei den Nichtgeimpften nicht der Fall ist.<BR /><BR /><b>Sollte jetzt das Hauptaugenmerk auf die Drittimpfungen gelegt werden, statt weiter zu versuchen, Ungeimpfte zum Impfen zu motivieren?</b><BR />Prof: Gänsbacher: Wer sich vernünftig verhält, sich gut informiert und das Beste für sich tun will, sollte nicht bestraft werden, nur weil es ein paar Unwillige gibt. Die, die sich an die Regeln halten, sollten unbedingt die Möglichkeit der Drittimpfung wahrnehmen.<BR /><BR /><b>Aber auch beim Booster zögern wieder einige.</b><BR />Prof: Gänsbacher: Die internationalen Daten sprechen eine deutliche Sprache. Wer sich selbst überzeugen will, soll sich die Tabellen des Robert Koch Institut (RKI), CDC, FDA oder des israelischen Gesundheitsministeriums anschauen.<BR /><BR /><b>Die Infektionszahlen steigen deutlicher als die Zahl der Patienten in den Intensivstationen. Wieso?</b><BR />Prof: Gänsbacher: Die wenigen Geimpften, die im Krankenhaus landen, haben bereits eine Hintergrundimmunität, also T- und B-Zellen, die den Gegner schon kennen gelernt haben. Der Impfschutz ist ja insbesondere auf die Hospitalisierung und weniger auf die Infektion ausgerichtet. <BR /><BR /><b>Und was ist mit den Ungeimpften?</b><BR />Prof: Gänsbacher: Man hat wissenschaftlich viel über das Verhaltensmuster dieses Coronavirus dazugelernt. Andererseits ist auch der Ungeimpfte durch die Geimpften und durch Einhaltung der AHA-Regeln geschützt. Da die meisten die Regeln einhalten und Masken tragen, werden bei einer Neuinfektion nicht mehr Millionen von Viren Partikel übertragen, sondern kleinere Mengen. Die Ungeimpften, die auf der Intensivstation landen, profitieren auch davon, dass die Medizin sehr viel aus den Erfahrungswerten des letzten Jahrs dazugelernt hat und jetzt Medikamente und Vorgangsweisen viel besser einsetzt, als vor einem Jahr. <BR /><BR /><b>„Kurve geht nach oben“</b><BR /><BR /><BR /><b>Landen dadurch weniger Infizierte in Krankenhaus und Intensivstation?</b><BR />Prof. Gänsbacher: Zeitlich verzögert mag das stimmen. Früher oder später erwischt das Virus aber alle Ungeimpften – und ein gewisser Prozentsatz von diesen landet im Krankenhaus.<BR /><BR /><b>Die Kurve geht nach oben. Lässt sie sich stoppen?</b><BR />Prof. Gänsbacher: Die Kurve geht in ganz Europa nach oben – in manchen Ländern, wie zum Beispiel in Deutschland oder Osteuropa, sogar steil. Aus den Erfahrungen der ersten, zweiten und dritten Welle weiß die Gesellschaft jetzt genau, wie sich das stoppen lässt.<BR /><BR /><b>Braucht es also wieder einen Lockdown?</b><BR />Prof. Gänsbacher: Dass es zu einem Lockdown kommen wird, kann ich mir nicht vorstellen. Einen solchen braucht es auch nicht. Aber die Politik muss Schritte einleiten, damit die Gesellschaft normal funktionieren kann und die Wirtschaft nicht wieder stark heruntergebremst werden muss. Das ist Aufgabe der Volksvertreter. Mit welchen Methoden, ist deren Entscheidung. Sie können nicht mehr sagen, sie wissen nicht, was tun. Das weiß man heute ganz genau.<BR /><BR /><b>Die Frage ist, ob die Menschen da noch mitspielen.</b><BR />Prof. Gänsbacher: Grundsätzlich tut der rationale Mensch doch das, was für ihn am besten ist. Folglich wird der rationale Mensch alles dransetzen, damit diese vierte Welle nicht ausufert. Es braucht halt ordentliche Aufklärung dafür. Deshalb müssen auch alle neuen Erkenntnisse, Probleme und Entscheidungsprozesse transparent dargestellt werden.<BR /><BR /><b>Impfung für Kinder?</b><BR /><BR /><b>Aufklärung braucht es auch hinsichtlich der Impfung von Kindern, die bald freigegeben werden soll.</b><BR />Prof. Gänsbacher: Ich finde, dass die Stiko (ständige Impfkommission in Deutschland, Anm. d. Red.) in der Vergangenheit sehr vorsichtig, konservativ und vertrauenswürdig entschieden und beraten hat. In Europa ist die Impfung der 4- bis 11-jährigen noch nicht zugelassen. Wenn es soweit ist, rate ich den Eltern, sich die Webseite der Stiko genau durchzulesen. Wichtige Parameter der Zulassungsentscheidung sind natürlich die Nebenwirkungen, der Impfschutz aber auch die Anzahl der geimpften Kinder in der Zulassungsstudie und die Länge der Beobachtungszeit. <BR /><BR /><b>Wann ist denn mit der Zulassung der Coronaimpfung für 5- bis 12-Jährige zu rechnen?</b><BR />Prof. Gänsbacher: Sicher nicht vor Mitte Jänner. Derzeit werden schon die Daten angeschaut und überprüft. Ende des Jahres wird der Prozess der Evaluation reifen.<BR /><BR />