<BR /> 45.644 Zugänge zur Notaufnahme wurden am Brunecker Krankenhaus im Vorjahr verzeichnet. Das sind deutlich mehr als ein Jahr zuvor, aber auch als 2019, dem Jahr vor Corona, das häufig als Bezugspunkt genommen wird. Tendenz weiter steigend. Zumindest verheißen dies die Zahlen aus den ersten 3 Monaten des heurigen Jahres. Deutlich zunehmen vor allem jene, die ohne Not in die Notaufnahme kommen. Also Patienten, bei denen keine unmittelbare Notwendigkeit für eine Behandlung besteht (Kodex blau) bzw. deren Beschwerden keine dringliche medizinische Hilfe verlangen (Kodex grün). <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1029852_image" /></div> <BR /><BR />Hier brauche es unbedingt ein Umdenken, mahnt Dr. Günther Sitzmann an. Ein eingewachsener Zehennagel oder eine kleine Wunde, die nur ein Pflaster verlange, seien kein Fall für die Notaufnahme. Beides hat der Primar für Allgemeinchirurgie und Notaufnahme selbst dort erlebt. Und er stellt dabei keinen Unterschied mehr fest zwischen Stadt- und Landbevölkerung, zwischen Touristen und Einheimischen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-64805284_quote" /><BR /><BR />„Wir müssen wieder lernen, zwischen Lappalien, die in einer Notaufnahme nichts zu suchen haben, und tatsächlichen Notfällen zu unterscheiden.“ Dafür brauche es auch kein Medizinstudium, sondern mitunter nur etwas Hausverstand und Allgemeinbildung, „wie sie unsere Großmütter hatten“. Natürlich könne auch die Schule nicht für alles herhalten, „aber wenn dort ein paar Grundlagen über den eigenen Körper vermittelt würden, dann könnte uns das in 5 bis 10 Jahren vielleicht wirklich helfen“, sagt Dr. Sitzmann.<BR /><BR />Denn die Situation werde sich verschärfen. Die Bevölkerung werde immer älter und benötige immer mehr medizinische Hilfe und Pflege, während ein Ärzte- und Pflegekräftemangel zunehmen werden. „Man wird wohl oder übel die eigenen Egoismen dem Gemeinwohl zuliebe hintanstellen müssen“, sagt Dr. Sitzmann. Die Notaufnahme müsse für die dringenden, mitunter lebensbedrohlichen Fälle frei bleiben. <h3> An mehreren Stellschrauben zu drehen</h3>An der Entwicklung sei man selbst vielleicht nicht ganz unschuldig, bekennt der Primar. „Vielleicht haben wir die Patienten auch zu viel verwöhnt, indem wir ihre nicht dringlichen Probleme immer schnell und gut gelöst haben. Wir sind ja Ärzte geworden, um zu helfen. Und helfen deshalb auch, wenn jemand eigentlich nicht in die Notaufnahme gehört. Hier werden wir uns selbst strengere Regeln geben müssen.“ <BR /><BR />Nicht besonders hilfreich sei auch der Name „Erste Hilfe“, der im allgemeinen Sprachgebrauch immer noch verwendet werde. „Das vermittelt, dass es sich um die erste Anlaufstelle handelt, wenn mir was fehlt und sonst keiner da ist, der mir hilft“, sagt Dr. Sitzmann. „Notaufnahme“ sei deshalb die zutreffende Bezeichnung.<h3> „Nur das Ticket zu erhöhen, ist keine Lösung“</h3>Der Primar sieht aber auch Ansatzpunkte bei den Hausärzten, die zu Recht einige Schwachpunkte in ihrem Arbeitsumfeld beklagen (siehe dazu Interview unten). <BR /><BR />Einfach das Ticket für ungerechtfertigte Zugänge zu erhöhen, sieht Dr. Sitzmann kritisch. „Das gab es schon mal. Und die Folge war, dass die Patienten sofort Einspruch dagegen erhoben haben und der Arzt, der die Nicht-Dringlichkeit festgestellt hat, dies in seitenlangen Briefen rechtfertigen musste. Das tut sich kein Arzt öfter an.“ Wenn das Ticket erhöht werde, dann müsse man intern eine Lösung finden, indem Rekurse beispielsweise über die Verwaltung abgewickelt werden. <BR /><BR />Es sei auf jeden Fall an mehreren Stellschrauben zu drehen, um die Notaufnahmen zu entlasten, damit die Ressourcen auch künftig jenen zugute kommen können, die wirklich in Not sind. <h3> „Arzt zu sein, ist kein Job, sondern Berufung“</h3>Dr. Günther Sitzmann, Primar der Abteilung für Allgemeinchirurgie und Notaufnahme am Brunecker Krankenhaus, über die Hausärzte, Fachkräftemangel, IT-Sorgen und den Beruf des Arztes. <BR /><BR /><b>Dr. Sitzmann, wenn von überlasteten Notaufnahmen die Rede ist, dann wird oft auf die Hausärzte gezeigt. Zu Recht?</b><BR />Dr. Günther Sitzmann: Gerade bei uns im Pustertal hatten in letzter Zeit viele Patienten gar keinen Hausarzt mehr, weil er länger ausgefallen ist oder bei Pensionierung nicht gleich nachbesetzt werden konnte. Diese Patienten kamen dann unweigerlich zu uns, auch nur um ein Rezept ausgestellt zu bekommen. Das ist in der Zwischensaison zu schultern, in der Hochsaison aber nicht mehr. Wir haben im Pustertal 80.000 Einwohner, an Spitzentagen sind aber 400.000 Menschen im Tal. Das bedeutet mehr Unfälle, aber auch mehr Erkrankungen. Wenn wir die Notaufnahme am Innichner Krankenhaus nicht hätten, dann würden wir es in Bruneck sicher nicht mehr schaffen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-64805700_quote" /><BR /><BR /><b>Sind die Hausärzte zu wenig erreichbar für ihre Patienten?</b><BR />Dr. Sitzmann: Einige der Patienten, die in die Notaufnahme kommen, bräuchten oft nicht einmal einen Hausarzt. Bei anderen könnte auch der Hausarzt helfen. Oft suchen die Patienten aber aus eigener Initiative die Notaufnahme vor dem Hausarzt auf. Es stimmt aber, dass selbst für einen Hausarzt die Dringlichkeit nicht immer einschätzbar ist, weil er nicht jedes diagnostische Instrument hat. Ich verstehe auch, wenn Hausärzte beklagen, dass sie sich jedes Gerät auf eigene Kosten anschaffen müssen und die Leistung, die sie damit erbringen, nicht vergütet bekommen. Das ist in Österreich und Deutschland anders. Wenn Hausärzte bestimmte Leistungen abrechnen könnten, dann wäre das ein Dienst am Bürger, würde die Krankenhäuser entlasten und den Beruf des Hausarztes attraktiver machen. <BR /><BR /><b>Stichwort Personalmangel, der sich bei Ärzten und Pflegekräften abzeichnet. Was tun?</b><BR />Dr. Sitzmann: Das ist ein Problem, das die Politik lösen muss. Es gibt Überlegungen, die Zugangsbeschränkungen zum Studium zu lockern. Das sehen wir Ärzte kritisch, weil die Gefahr besteht, dass die Qualität der Ausbildung leidet. Irgendwann sind wir selbst Patienten und wollen dann nicht von einem Arzt behandelt werden, der das Studium nur geschafft hat, weil wir zu wenig Ärzte hatten. An derzeitigen Standards festzuhalten, ist sicher der richtigere Weg. Allerdings ist Arzt nicht gleich Arzt…<BR /><BR /><embed id="dtext86-64805701_quote" /><BR /><BR /><b>Können Sie das erklären?</b><BR />Dr. Sitzmann: Die Situation ist von Fachbereich zu Fachbereich unterschiedlich. Die Chirurgie ist ein Bereich, in dem derzeit 60 Prozent der Ausbildungsplätze frei bleiben. Wer Chirurg werden will, hat nach dem Medizinstudium offiziell noch 5 Jahre, de facto aber mindestens 10 Jahre Ausbildung vor sich und trägt danach eine große Verantwortung, weil ein Patient am OP-Tisch sterben kann. Dass das viele nicht mehr wollen, kann ich nachvollziehen. Wobei ich mich auf meiner Abteilung nicht über mangelnden Nachwuchs beklagen kann, aber längerfristig könnte sich das ändern.<BR /><BR /><b>Ist Arzt noch ein anzustrebender Beruf?</b><BR />Dr. Sitzmann: Ja, ich würde diesen Weg immer wieder gehen. Arzt zu sein, ist kein Job, sondern Berufung. Menschen helfen zu können, das gibt einem sehr viel zurück, es ist eine sinnstiftende Arbeit – und das jeden Tag. <BR /><BR /><embed id="dtext86-64805702_quote" /><BR /><BR /><b>Sie sind auch Präsident der Primargewerkschaft ANPO. Wo drückt noch der Schuh?</b><BR />Dr. Sitzmann: Die Privacy-Bestimmungen erschweren die Arbeit des Arztes und die Ausbildung der jungen Kollegen und verursachen viel Bürokratie. Ein zweites Problem ist das IT-System. Im Pustertal arbeiten wir gut mit dem IKIS-System, das durch das NGH-System ersetzt werden soll, das sich in Meran als sehr schwerfällig und nicht einsetzbar erweist. Ich habe alles, was dazu zu sagen ist, bis in die höchste politische Ebene deponiert und sage nur mehr so viel: Wenn ein System missbraucht wird, wie es beim IKIS passiert sein soll, dann ist nicht das System schuld, ebensowenig wie das Auto schuld ist, wenn mit ihm zu schnell durchs Stadtgebiet gefahren wird. Die Entscheidungsträger werden die Entscheidungen treffen, aber dann auch dafür die Verantwortung tragen müssen. <BR />