<h3> von Florian Mair</h3>Hubert Bacher nimmt ein Büschel Gamshaare in die Hand und lässt die Spitzen langsam durch seine Finger gleiten. Für ihn ist schnell erkennbar, was für andere kaum einen Unterschied macht: Ist das Haar kräftig? Hat es den begehrten Reif? Eignet es sich für einen Gamsbart? <BR /><BR />„Ja, man muss einfach ein Gefühl dafür entwickeln“, sagt Bacher. Er ist einer der wenigen Bartbinder im Land. Für einen Laien mögen die Haare der Gamsböcke unscheinbar wirken. Für den Reiner ist jedes einzelne Haar wertvoll. Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt er sich mit dieser besonderen Handwerkskunst. „1993 habe ich mit dem Bartbinden begonnen. Ich musste bei null anfangen“, erzählt er. Bacher schaute einem erfahrenen Gamsbartbinder bei der Arbeit zu und versuchte es anschließend selbst.<BR /><BR />Aller Anfang war aber schwer. „Mit der Zeit habe ich meine eigene Technik entwickelt“, blickt er zurück. „Und immer noch feile ich an ihr, denn man kann nur besser werden.“<BR /><BR />Aus dem anfänglichen Ausprobieren wurde schließlich sein ganz persönliches Handwerk. Heute ist der Name Bacher weit über Rein in Taufers hinaus bekannt. Es gibt wohl keine jagdliche Veranstaltung im Land, bei der nicht der eine oder andere Jäger oder auch eine Jägerin einen Gamsbart aus dem Hause Bacher am Hut trägt. „Das freut mich natürlich“, sagt er und widmet sich wieder seinen Haarbüscheln. „Ich erkenne meine Bärte sofort.“<h3>Haare aus dem Aalstrich</h3>Eines stellt Hubert Bacher gleich zu Beginn klar: „Die Haare kommen nicht vom Bart der Gämsen – denn die haben ja gar keinen“, sagt er mit einem Schmunzeln. Gewonnen werden die Haare aus dem sogenannten Aalstrich, der sich vom Genick bis zum Wedel eines Gamsbockes zieht. Der 69-Jährige erzählt auch, dass die Haare oft in unterschiedlichem Zustand bei ihm ankommen und sich auch nicht alle für einen Gamsbart eignen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1356141_image" /></div> <BR />Manche Jäger gehen mit der Gamsdecke sorgfältig um, andere weniger. Die langen Leithaare dürfen nicht geknickt werden, und die Haare sollen möglichst alle in die gleiche Richtung zeigen. Selbst die kurzen Haare benötigt der Waidmann später beim Binden. Während Bacher spricht, zeigt er mit einer Flachzange die richtige Technik zum Rupfen aus dem sogenannten Aalstrich. Jede Bewegung wirkt selbstverständlich, jeder Handgriff sitzt. Man merkt, dass er diese Arbeit schon unzählige Male gemacht hat.<BR /><BR /><embed id="dtext86-76204228_gallery" /><BR /><BR />Lange bevor aus den Haaren ein Gamsbart entsteht, steckt also schon viel Arbeit dahinter. Sie müssen gewaschen, getrocknet und sorgfältig ausgekämmt werden. Das allein verlangt enorme Geduld, die Bacher zweifelsohne hat. Denn stundenlang sitzt er am Tisch, kämmt, sortiert und richtet jedes Haar aus. Vor ihm steht ein schmales Glas. Behutsam steckt er die Haare mit den Spitzen nach oben hinein und klopft das Glas immer wieder auf die Tischplatte.<BR /><BR />Die Bewegungen wirken monoton, doch sie haben einen ganz bestimmten Zweck: Alle Haare sollen am Ende exakt bündig stehen. Erst dann beginnt die eigentliche Sortierarbeit. Die längsten Haare kommen in ein Büschel, die etwas kürzeren ins nächste. Rund 250 gleich lange Haare bilden jeweils eine Einheit. Hunderte solcher Büschel braucht es schließlich für einen einzigen prächtigen Gamsbart.<BR /><BR />Besonders faszinierend ist der sogenannte Reif am Gamsbart. Dabei handelt es sich um die hellen Spitzen der Rückenhaare. Weil dort keine Pigmente eingelagert sind, erscheinen sie silbrig und verleihen dem Bart seinen zweifelsohne charakteristischen Ausdruck. Sind die Haare nicht „silbrig“, gelten sie als weniger wertvoll und sind für einen hochwertigen Gamsbart nicht das, was man sich wünscht. „Das sind blinde Haare“, erklärt Bacher. <h3>Büschel für Büschel</h3>Aber zurück zum Bartbinden: Sind alle Haare vorbereitet, wird jedes einzelne Büschel wenige Millimeter tief in flüssiges Wachs getaucht. Dadurch halten die Haare zusammen. Anschließend werden die Bündel um eine eigens angefertigte Holzspindel gewickelt. „Die Spindel, die es in verschiedenen Größen gibt, habe ich über die Jahre entwickelt“, erzählt Bacher. Die kürzesten Büschel bilden den Anfang. Danach folgen Schritt für Schritt die längeren. Langsam, aber sicher wächst die Form des Bartes heran. Was einfach klingt, erfordert höchste Konzentration. Ein Fehler im Aufbau ist später fast nicht mehr zu korrigieren. Jedes Büschel muss an der richtigen Stelle sitzen, damit der „Bart“ am Ende gleichmäßig und dicht wirkt. Hubert Bacher schätzt, „dass in einem großen Gamsbart mindestens 30 Stunden Arbeit stecken“.<h3>Wetter als Einfluss </h3>Bacher erzählt, dass Wetter, Luftfeuchtigkeit und sogar der Mond Einfluss auf die Haare nehmen können. „Wenn sie sich elektrisch aufladen, machen sie, was sie wollen“, sagt er und lacht verschmitzt. Als der Bart schließlich fertig vor einem liegt, wird deutlich, welche Arbeit hinter dem Kunstwerk steckt. Bachers Können vereint jagdliche Erinnerungen, Geschick und unzählige Arbeitsstunden. <BR /><BR />Für den Reiner liegt die ideale Länge eines „Bartes“ bei etwa 18 Zentimetern, die Spitzen sollten silbrig und der Rest der Haare schwarz sein. Doch Länge und Farben allein machen noch keinen guten Gamsbart. Entscheidend sind für ihn die Qualität der Haare – und seiner Arbeit. „Für einen größeren Gamsbart brauche ich 180 bis 220 Büschel, die insgesamt zwischen 40.000 und 45.000 Haare beinhalten“, erklärt er.<h3>Trophäe mit Eleganz</h3>Bacher ist keiner, der sein Wissen für sich behalten möchte. Im Gegenteil. „Es braucht Nachwuchs, damit das Bartbinden nicht ausstirbt. Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste“, sagt er. Deshalb gibt er sein Können an der Forstschule Latemar weiter. Dass es Interesse an dem alten Handwerk gibt, merkt Bacher durchaus. „Interesse und das Ausüben des Bartbindens sind aber zwei Paar Schuhe“, sagt er.<BR /><BR />Nicht jeder, der sich für diese Tradition interessiert, hat auch die Geduld, stundenlang zu sortieren, auszurichten und Büschel für Büschel zusammenzusetzen. „Ich hoffe, dass ich den einen oder anderen, aber auch die eine oder andere für das Bartbinden begeistern kann.“ Übrigens: Ein Gamsbart wird mit einer Hülse am Hut befestigt.