<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1229598_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sie sprechen vom Risiko einer „Destabilisierung der Gesellschaft“ – warum spielt die Geburtenrate dabei eine so wichtige Rolle?</b><BR />Christa Ladurner: Die Geburtenrate ist zentral, weil unser Rentensystem darauf basiert, dass die arbeitende Generation die Renten der älteren finanziert. Wenn wir ein Ungleichgewicht zwischen Jung und Alt haben, eine demographische Krise, stehen nicht nur die Renten auf dem Spiel – das gesamte Versorgungssystem für ältere Menschen gerät unter Druck. Gerade in Südtirol übernimmt die Familie bislang einen Großteil der Pflege und Versorgung der älteren Generation. Wie soll man das bewältigen mit weniger Kindern und kleineren Familien?<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-71987938_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Sehen Sie Ansätze aus anderen Ländern, die für Südtirol oder Italien Modellcharakter haben könnten? Gibt es Best Practices?</b><BR /><BR />Ladurner: Für Italien kommt vieles zu spät – vor allem im Bereich Familienpolitik. Dort wurde lange auf innerfamiliäre Betreuung gesetzt, was dazu geführt hat, dass sich immer weniger Menschen für Kinder entscheiden. Dabei ist der Kinderwunsch mit über zwei Kindern pro Frau durchaus vorhanden, doch viele trauen es sich schlicht nicht zu. <BR /><BR />Die Gründe sind vielfältig: Wer Kinder hat, kann oft nicht voll berufstätig sein, hat ein geringeres Einkommen, höhere Ausgaben und schlechtere Aussichten auf Rente – das ist ein Teufelskreis. Hinzu kommen Zukunftsängste und die Schwierigkeit, bezahlbaren Wohnraum zu finden. <BR />Das führt dazu, dass man oft ganz auf Kinder verzichtet.<BR />Wenn die Betreuungsstrukturen nicht ausreichend ausgebaut sind, heißt es für viele: „Nein danke.“ Tendenziell stehen Länder wie Frankreich oder die nordischen Staaten besser da – dort gibt es eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Aber auch dort sehen wir inzwischen einen Abwärtstrend. Es ist ein sehr komplexes Phänomen.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-71988292_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Wo müsste der Staat ansetzen, um dem Trend entgegenzuwirken?<BR /></b>Ladurner: Wir dürfen nicht vergessen, dass das, was der italienische Staat entscheidet, auch auf Südtirol großen Einfluss hat: Rente, Steuererleichterungen, Familienförderung. Gerade bei ganzjähriger Kinderbetreuung, finanzieller Unterstützung für Familien und Renten gibt es in Italien massive Lecks. Frauen, die sich für die Familie entscheiden, haben oft sehr schlechte Renten. Ein massiver Schub an Maßnahmen ist nötig, denn der Geburtenrückgang wird schwer zu stoppen sein – dafür ist es eigentlich schon sehr spät. Bereits jetzt gibt es immer weniger Frauen im gebärfähigen Alter und diese bekommen zunehmend weniger Kinder. Zumindest diejenigen, die Kinder möchten, sollte man also sehr gut unterstützen.<BR /><BR /><BR /><b>Wie sieht es im Vergleich dazu in Südtirol aus? <BR /></b>Ladurner: Südtirol hat noch eine relativ stabile Geburtenrate, auch wenn in den vergangenen Jahren deutlich weniger Kinder geboren wurden. Im Vergleich zum restlichen Italien wurde deutlich mehr investiert: Es gibt Leistungen, die im Staat nicht existieren. Wir haben einen starken Ausbau der Kinderbetreuung erlebt, es gibt Familiengeld und Kindergeld, auch eine rentenmäßige Absicherung der Erziehungszeiten ist möglich. Junge Menschen wissen, dass Unterstützung da ist – oft auch innerhalb der eigenen Familien – und das gibt ihnen Mut.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-71988350_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Aber...<BR /></b>Ladurner: Aber auch in Südtirol spüren junge Familien großen Druck, etwa während der langen Ferienzeiten in Kindergarten und Schule, durch die hohen Lebenshaltungskosten und wegen der Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche. Junge Frauen und Männer denken sehr genau darüber nach, wann und ob sie Kinder bekommen: Erst Ausbildung, dann Berufseinstieg und schließlich die Entscheidung für oder gegen Kinder.<BR /><BR />Traditionell gibt es zudem kaum gleichwertige Arbeitsmodelle, meist gehen Frauen in Teilzeit und nehmen dafür erhebliche Nachteile bei Entlohnung und Rente in Kauf – das schiebt die Entscheidung für Kinder oft auf die lange Bank.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Was ist zu tun?<BR /></b>Ladurner: Entscheidend ist, Familiengründung wieder zu erleichtern und massiv in junge Menschen zu investieren. Betreuung und Bildung müssen ausgebaut und Sorgearbeit finanziell abgesichert werden. Wer Kinder möchte, dem sollte das möglich sein – Staat und Land müssen die Voraussetzungen dafür schaffen.