Montag, 02. März 2020

Geheimakten über Pius XII. sind offen

Forscher dürfen nun in das Archiv des Vatikans. Sie wollen die Rolle der Kirche während des Zweiten Weltkriegs beleuchten. Deutsche Forscher landen einen ersten Treffer und erfahren eine Ernüchterung.

Im vatikanischen Archiv lagern Millionen von Dokumenten, die die Ära Pius XII. dokumentieren.
Im vatikanischen Archiv lagern Millionen von Dokumenten, die die Ära Pius XII. dokumentieren. - Foto: © FIRO/SID
Es sind meterdicke, hohe Mauern, die den Vatikan von der Außenwelt trennen. Hinter diesen Mauern lagern Millionen von Dokumenten aus der historisch brisanten Ära von Papst Pius XII. – es geht um die Jahre des 2. Weltkriegs und danach. Im Apostolischen Archiv durften jahrzehntelang nur wenige Kirchenleute zu einem der umstrittensten Päpste der Weltgeschichte forschen.

Unabhängige Historiker und die Öffentlichkeit dagegen liefen mit ihren Fragen ins Leere: Was genau wusste Pius XII. über den Holocaust? Warum protestierte die katholische Kirche nicht lauter gegen den millionenfachen Judenmord und andere Nazi-Verbrechen?

Am Montag steht der deutsche Kirchenhistoriker Hubert Wolf vor einem großen, offenen Metalltor seitlich vom Petersplatz. Der Professor von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster ist mit einem Team junger Forscher und Forscherinnen angereist. „Wir alle sind wahnsinnig gespannt“, sagt der 60-Jährige. „Was hat der Vatikan gewusst, hat er überlegt zu schreien, warum hat er dann nicht geschrien? Das ist eine zentrale Frage. Vor allem jetzt, wenn wir daran denken, wie Antisemitismus wieder grassiert.“

Deutsche Forscher landen „1. Treffer“

Wolf und seine Mitarbeiter haben am 1. Tag schon einen „richtigen Treffer“ gelandet, wie er sagt. Aus der Vatikan-Botschaft in der Schweiz hätten sie Fotos von der Ermordung von Juden im Osten gefunden. „Das heißt, die wussten hier mit Bildmaterial, was da passiert.“

Kirchenobere hatten das Ende der Geheimhaltung als historisches Ereignis angekündigt. Wissenschaftler mussten Anträge stellen und bekamen die Zugangserlaubnis für den 1. Tag.

„Wir bleiben jetzt mal 3 Wochen. Dann sind wir wieder 2 Wochen in Deutschland, um das Ganze auszuwerten – dann kommen wir wieder 3 Wochen“, sagt Wolf. Allerdings gab es am 1. Tag auch schon Rückschläge.

Einige der erhofften Dokumente seien nicht da gewesen, wie zum Beispiel die Weihnachtsansprache von Pius aus dem Jahr 1942. „Das interessiert uns jetzt, wo ist die hingekommen?“ Man müsse sich „in Geduld üben“, es sei eine Arbeit „wie Troja ausgraben“. Die Archivmitarbeiter des Vatikans seien sehr kooperativ.

Arbeit im Akkord


Es gibt Slots, damit Forscher aus der ganzen Welt möglichst gerecht Zugang bekommen. „In dem Archiv gibt es nur 70 Arbeitsplätze. Und davon sind 30 jetzt für Pius XII. reserviert“, berichtet Wolf. Jeder im Team sollte schnell 3 Schachteln für die 1. Stunden bestellen. „Und für den Nachmittag noch mal 2.“

Wolf hat trotz intensiver Beschäftigung mit Pius XII. noch viele offene Fragen zur Kirche damals. „Warum hat sie sich nicht viel deutlicher vom Nationalsozialismus abgegrenzt und zum Beispiel katholischen Soldaten verboten, den Treueeid auf den Führer zu leisten?“

Auch aus anderen Ecken der Erde machten Historiker seit Jahren Druck auf den Vatikan, sein ehemaliges Geheimarchiv zu öffnen. Sie fragten zum Beispiel, wie Pius dazu stand, dass sich Naziverbrecher mit vatikanischen Pässen aus Europa absetzen konnten, etwa nach Argentinien. Und was war die Position zur Gründung des Staates Israel? Und zur europäischen Einigung?

Die Italiener lebte während seiner Kirchenlaufbahn auch länger in Deutschland. Pacelli, geboren am 2. März 1876, wirkte in den 1920er Jahren unter anderem als päpstlicher Nuntius in München und Berlin. Er bekam mit, wie die Nazis die Macht übernahmen. Und er warnte vor ihnen, wie Experten betonen. Zurück in Rom, war er für den Vatikan wegen seiner Deutschkenntnisse eine zentrale Person bei den Kontakten nach Deutschland.

Doch dann, im Papst-Amt, so bemängeln Kritiker, blieb eine aufrüttelnde Rede gegen den Nazi-Terror aus. Andere wiederum halten ihm zugute, dass die Kirche römische Juden vor ihren Verfolgern versteckt und gerettet habe. Seit längerem läuft in der katholischen Kirche ein Prozess, der zur Seligsprechung von Pius XII. führen soll.

Der vatikanische Außenminister, Erzbischof Paul Richard Gallagher, sagte jetzt der Medienplattform des Vatikans, „Vaticannews“, Pius sei im Weltkrieg „ein mutiger Diplomat“ gewesen. Er habe „grenzenlose Nächstenliebe“ gezeigt, die im Vatikan aber „nicht von allen verstanden und geteilt“ worden sei.

Das Öffnen der Archive war nach Angaben der Kirche 14 Jahre vorbereitet worden. Der deutsche Papst Benedikt XVI. habe das Sortieren und Digitalisieren angestoßen. Sein Nachfolger Franziskus gab 2019 der Signal, die Wissenschaftler zuzulassen.

Wolf weiß, dass es bis zu einem fundierten Urteil über Pius XII. noch Jahre dauern dürfte. Trotzdem hatte er schon am frühen Morgen vor dem Tor gesagt: „Wenn ich nachher die erste Schachtel aufmache und ein richtig kleines Nugget (Goldklumpen) finde, dann bin ich richtig glücklich.“

dpa