Denn: „Wer morgen hier leben soll, plant am besten heute schon mit“, sagt Rier.<BR /><BR /><b>Herr Rier, wie haben sich Südtirols Dörfer in den letzten Jahrzehnten verändert?</b><BR />Philipp Rier: Die Dörfer sind extrem gewachsen. In vielen hat sich die Siedlungsfläche um das Fünf- bis Zehnfache vergrößert. Genauso haben sich die Einwohnerzahlen vielerorts verdoppelt oder sogar verdreifacht. Südtirols Dörfer sind also stark gewachsen, doch trotz dieser Entwicklung nicht lebendiger geworden – eher im Gegenteil.<BR /><BR /><b>Klingt nach einem Widerspruch... Wie kann das sein?</b><BR />Rier: Das hängt einerseits mit Raumplanung, vor allem aber mit Raumnutzung zusammen. Deren Prinzip war bis vor kaum 70 Jahren ein anderes. Straßen, Plätze und die Zwischenräume zwischen den Häusern wurden wie selbstverständlich geteilt – Handwerker arbeiteten vor der Werkstatt, Kinder spielten auf der Straße, abends saß man vor dem Haus. Was nicht drinnen stattfand, fand draußen statt. Diese Räume gehörten allen. Heute werden Flächen strikt nach Nutzung getrennt – hier Wohnen, dort Gewerbe, da Spielplatz oder Parkplatz. Was dabei verloren geht, sind jene offenen Zwischenräume, die ein Dorf und eine Dorfgemeinschaft erst ausmachen. Darunter leiden vor allem die Jungen.<BR /><BR /><b>Inwiefern?</b><BR />Rier: Es geht weniger darum, dass es gar nichts gibt, Jugendtreffs und Sportanlagen existieren in vielen Gemeinden. Was fehlt, sind fuß- und radläufig erreichbare Räume, in denen Jugendliche einfach selbst entscheiden können, was sie gerade tun möchten, ohne Öffnungszeiten, ohne Konsumzwang, ohne dass jemand vorgibt, wofür der Raum da ist. Genau diese Art von Freiheit, die früher ganz selbstverständlich z.B. auf der Straße oder dem Dorfplatz stattgefunden hat, findet heute kaum mehr statt.<BR /><BR /><b>Jugendliche brauchen mehr Raum – aber wo soll der herkommen?</b><BR />Rier: In vielen Gemeinden gibt es erheblichen Leerstand. Es braucht nicht zwingend neue Bauten, es braucht den Mut, das, was bereits da ist, auch für die Jugend zu öffnen und sie mitentscheiden zu lassen.<BR /><BR /><b>Heute finden Jugendliche auf Gemeindeebene oft zu wenig Gehör... Aber das war wohl auch vor 50 Jahren kaum anders?</b><BR />Rier: Die Stimme junger Menschen war aber stärker. 1985 war knapp ein Viertel der Südtiroler Bevölkerung unter 15 Jahre alt, elf Prozent hingegen über 65. Heute ist das Verhältnis nahezu umgekehrt: Jugendliche machen 15 Prozent aus, die Generation 65+ bereits 22 Prozent – und diese Kluft wird sich weiter vergrößern. Hinzu kommt, dass viele junge Südtirolerinnen und Südtiroler ins Ausland ziehen. <BR /><BR /><b>Laut ASTAT-Jugendstudie entscheiden sich 1.500 junge Menschen pro Jahr, wegzuziehen: Weil ihnen in ihrer Heimatgemeinde zu wenig geboten wird, oder warum?</b><BR />Rier: Ohne Zweifel auch deswegen, und jeder Wegzug ist einer zu viel. Noch eine Zahl, um den Ernst der Lage zu verdeutlichen: Seit 2010 hat die Abwanderung von jungen Südtirolern um 500 Prozent zugenommen.<BR /><BR /><b> Sind sie der Heimat vielleicht auch einfach weniger verbunden?</b><BR />Rier: Sehr viele geben an, dass sie wieder nach Südtirol und in ihre Heimatgemeinde zurückkehren wollen. Mindestens genauso viele fühlen ihre Bedürfnisse von der Gemeindepolitik aber nicht berücksichtigt.<BR /><BR /><b>Was können die Gemeinden tun?</b><BR />Rier: Die Gemeinden müssen Formate schaffen, in denen Jugendliche wirklich mitbestimmen können, ob das ein Jugendbeirat ist, jährliche Workshops oder das Gemeindeentwicklungsprogramm. Dann gilt es, intensiver in die Vorschläge der Jugendlichen zu investieren. Sonst werden die Abwanderung und der demografische Wandel bald ein riesiges Problem darstellen. <BR /><BR /><b> Welche Strukturen braucht die Jugend?</b><BR />Rier: Als Planungsbüro versuchen wir konsequent, die Bevölkerung einzubinden – mit besonderem Augenmerk auf jüngere Menschen. Und wir erleben immer wieder dasselbe: Wenn wir die Jungen fragen, was sie brauchen, zögern viele – nicht, weil sie keine Bedürfnisse hätten, sondern weil sie es nicht gewohnt sind, gefragt zu werden. Das sagt eigentlich schon alles. <BR /><BR />Was die Strukturen betrifft: Südtirol ist gut aufgestellt bei Sportanlagen. Was fehlt, sind Orte, die verschiedene Funktionen vereinen – Arbeiten, Begegnung, Kreativität, Freizeit – und die für unterschiedliche Generationen gleichzeitig funktionieren. Die Basis in Schlanders zeigt, dass das möglich ist. Auch der Jugendhaushalt Turbo ist ein ermutigendes Signal. Aber Einzelinitiativen reichen nicht. Am Ende ist es eine Frage der Haltung: Nehmen wir die Bedürfnisse junger Menschen ernst, oder reden wir nur darüber? Was wir nie vergessen dürfen: Die Jugend ist unsere Zukunft. Und sie selbst weiß am besten, was sie morgen braucht.