<b><BR />STOL: Die Olympischen Spiele sind eröffnet. Wie ist es für Sie – selbst erfolgreiche Olympionikin –, aus der Ferne zuzusehen?</b><BR />Gerda Weißensteiner: Die Olympischen Spiele – es sind die Athleten. Sie haben sich lange und intensiv auf diese Zeit vorbereitet. Sie leben den Traum, eine Medaille zu gewinnen. Ich weiß, wie sehr jeder von ihnen den Wettkämpfen entgegenfiebert. Ich denke das ganze Jahr an die Spiele und bin selbst heuer nervös geworden, als ich im Fernsehen den Turm mit den Olympischen Ringen gesehen habe. Der Zauber von Olympia ist nach wie vor da. Schon mit 10 Jahren habe ich mir gewünscht, dort eine Medaille zu holen. Das begleitet mich bis heute. Ich fiebere mit vielen Athleten mit. Olympia ist der wichtigste Moment – gerade auch für Sportarten, die sonst nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen. Die ganze Welt schaut zu. Und für Athleten ist es eine Gelegenheit, auch Kollegen anderer Sportarten kennenzulernen.<BR /><BR /><BR /><b>Sport und Politik sind eng verwoben – das hat sich gerade heuer gezeigt. Belastet das die Olympia-Teilnehmer?</b><BR />Weißensteiner: Der Sport sollte neutral sein, die Olympischen Spiele unbeschwert. Für politische Diskussionen gibt es Manager und Direktoren in den verschiedenen Bereichen. Ich finde, man sollte das nicht auf den Schultern der Sportler austragen. Ein Sportler hat keine diplomatische Ausbildung. Ich wollte als Sportlerin über Sport sprechen. Für die Politik fehlt mir die Kompetenz – sonst wäre ich in die Politik gegangen.<BR /><BR /><BR /><b>Sie haben gesagt, es ist der Traum, eine Medaille zu gewinnen. Ihnen ist das zweimal gelungen. Oder ist auch Dabeisein alles?</b><BR />Weißensteiner: Jede Medaille hat 2 Seiten. Auf der einen Seite sind Erfolg, Aufmerksamkeit. Auf der anderen aber auch Neid und Missgunst. Wenn man erfolgreich ist, kann das auch ein Anstoß zu Mobbing sein. Das ist in allen Bereichen so: Auch ich habe Schmerzhaftes erlebt, über das ich heute noch traurig bin, das mich auch geprägt hat. Ich habe als amtierende Weltcupsiegerin mit dem Rodelsport aufgehört, alles hingeworfen. 1994 nach der Medaille ist das Leben für mich nicht leichter, sondern schwieriger geworden. Ich habe dann 2 Jahre als Juniorentrainerin gearbeitet und dann mit dem Bobfahren angefangen. Das war eine unbeschreibliche Erfahrung für mich: ein neuer Stil, eine neue Chance. Der nationale Wintersportverband hat mich immer unterstützt, sodass ich mich sportlich ausdrücken konnte – in jeder Situation, als Athlet und als Trainer. Auf diese Weise hat auch die dunkle Seite der Medaille zu glänzen begonnen. Heute weiß ich: Kämpfen ist gut, aber es verlangt auch Mut, aus verrannten Situationen herauszugehen und einen neuen Weg einzuschlagen. Ich habe einen großen Respekt davor, was die Leute leisten.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="732425_image" /></div> <BR /><BR /><b>Aber gewinnen kann am Ende immer nur einer…</b><BR />Weißensteiner: Bei Olympia gewinnen wollen alle – das ist klar. Das ist eine harte Geschichte. Jedem Athleten ist das auch bewusst, jeder gibt das Maximum. Ich habe 6 Mal Olympische Spiele mitgemacht. Wenn ich es nicht geschafft habe, hat mir der Gedanke Trost gegeben: Die anderen sind auch nicht ohne. Akzeptieren und respektieren – das ist entscheidend. <BR /><BR /><BR /><b>Mit dem ständigen Risiko eines positiven Tests ist wohl auch bei einigen die Sorge groß, dass es kurz vor dem Ziel nichts wird aus dem Start bei Olympia.</b><BR />Weißensteiner: Wenn jemand nicht mitmachen kann, weil er kurzfristig positiv getestet wird, das macht mich traurig. Ich kann mich hineinversetzen in die Enttäuschung. Als Außenstehender kann man kaum nachfühlen, wie viel Einsatz es braucht, was alles dahintersteckt, dass ein Sportler so weit kommt. Die Eltern, die sich Zeit nehmen und ihr Kind zum Training und zu Wettkämpfen fahren, die den Kontakt zum Verein herstellen, die Leute in den Vereinen und im Umfeld der Athleten, die Trainer, die sie das ganze Jahr über mittragen: Das sieht man als Zuseher nicht. Ich trainiere selbst junge Sportler; einige, die ich eine kurze Strecke ihres Weges begleiten durfte, haben es auch weit gebracht. Aber stolz ist man genauso auf jene, die mit sportlicher Einstellung in einem tollen Beruf arbeiten. Meine Ex-Athleten arbeiten als Köche, Mechaniker, Elektriker. Es sind tolle Leute, die durch den Sport gelernt haben zu kämpfen. Der Sport gibt den Menschen eine bestimmte Erziehung, er lehrt Disziplin. Wer von klein auf sportelt, ist es gewohnt, auch am Wochenende früh aufzustehen, an freien Tagen zu trainieren, wo andere vielleicht ausschlafen oder mit Familie etwas unternehmen: Unser Wintersportnachwuchs muss in der Kälte ab auf die Piste.<BR /><BR /><BR /><b>Wie haben Sie das alles erlebt, als Sie selbst noch ganz am Anfang gestanden sind? Wer hat Sie gefördert?</b><BR />Weißensteiner: Bei uns zuhause ist es einfach zugegangen – was wir brauchten, das hatten wir. Meine Eltern haben mich psychologisch gefördert. Druck gemacht haben sie nie. Kam ich von einem Wettkampf nach Hause: Sie haben keinen Unterschied gemacht, ob ich gesiegt habe oder unterlegen bin. Ich frage mich heute oft: Was ist Förderung? Man kann Kinder in verschiedener Hinsicht fördern. Auf die Art, wie es meine Eltern gemacht haben, war ich keinem zusätzlichen Stress ausgesetzt. Daheim konnte ich den Stecker ziehen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="732419_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Heißt das, manchmal ist weniger mehr – gerade, was die Förderung von Kindern betrifft?</b><BR />Weißensteiner: Jeder Elternteil versucht nach reinem Wissen und Gewissen zu handeln. Ich denke, am besten ist es, die Kinder zu unterstützen, in dem, was sie gern machen; zu versuchen zu verstehen, wo das Kind Talent hat. Es ist beim Sport wie in der Schule: Man kann ein Kind unterstützen, es hat sich bemüht, aber es bringt keine guten Noten heim. Es ist ihm wenig geholfen, wenn man Druck macht und schimpft. Ich bin selbst Mutter eines 13-jährigen Sohnes und frage mich jeden Tag: Wie kann ich mein Kind richtig unterstützen? Das ist gar nicht so einfach. Gerade die Corona-Zeit hat den Kindern viel abverlangt. Der Sport ist eine Gelegenheit, das auszugleichen und in gute Bahnen zu lenken. Er lehrt mentale Stärke.<BR /><BR /><BR /><b>Mentale Stärke braucht man auch, wenn es dann darauf ankommt, tatsächlich eine Leistung punktgenau abzurufen. Woher haben Sie sie genommen?</b><BR />Weißensteiner: Ich habe immer Freude an dem gehabt, was ich mache. Beim Sport kam meine Motivation von innen heraus. Ich habe mir die Ziele gesteckt. Ich wollte Leistung bringen, mich Schritt für Schritt an die Weltspitze arbeiten. Aus meiner Familie kam dabei kein Druck, keine Diskussion, wenn es schlecht gegangen ist. Das hat es erlaubt, dass der Antrieb von mir kommen konnte. Man braucht die Chance, in etwas hineinzuwachsen.<BR /><BR /><b>Corona hat das gesellschaftliche Leben in den vergangenen 2 Jahren in vielen Bereichen zum Erliegen gebracht. Auch der Sport hatte mit großen Auflagen zu kämpfen. Wie ist es Ihnen ergangen?</b><BR />Weißensteiner: Es nutzt nichts, zu raunzen. Man muss sich moralisch aufbauen. Es war für alle total schwierig. Auch für das Training waren die vielen Regeln ein Mehraufwand: Ich habe versucht, ruhig zu bleiben, die Kriterien zu erfüllen, dem eigenen Kind oder den Sportlern, für die man Verantwortung hat, Normalität zu ermöglichen. Der Sitz unseres Sportverbandes ist in der Lombardei – jeder erinnert sich an die dortigen Bilder vom Anfang der Pandemie. Wir waren deshalb schon ganz früh mit Tests konfrontiert und hatten ganz extrem professionell ausgearbeitete Programme. Als Trainer und Betreuer musste man aber immer abwägen: Übernimmt man die Verantwortung? Was kommt auf uns zu? Was wäre, wenn ein Fall auftaucht – bin ich da in Ordnung? Darüber habe ich viel nachgedacht. Gleichzeitig hat sich gerade in der Pandemie gezeigt, wie wichtig der Sport ist: Familien, die mich mit der Rodeljugend im Sommer beim Training im Freien gesehen haben, haben mich gefragt, ob ich ihnen die Kinder mal abnehmen würde. Das ist mir vorher noch nie passiert, dass mich beim Training der Sportgruppe jemand angesprochen hätte. Während Corona dann gleich mehrmals. Ich finde das positiv, wenn Kinder und Eltern den natürlichen Interessen nachgehen. Man sollte Kinder so viel wie möglich Unterschiedliches probieren lassen: Kennt man die Grundtechnik verschiedener Sportarten, kann man leichter in eine hineinwachsen, in der man sich spezialisieren will. Natürlich ist das nicht einfach für Eltern, so viele Möglichkeiten zu bieten. Aber in Südtirol gibt es ein breites Angebot. Das gilt auch für andere Bereiche. Ich finde es immer ganz toll, wenn die Feuerwehr oder andere Organisationen sich den Kindergartenkindern vorstellen. Die Vielfalt macht es aus.<BR />