Im Rahmen eines gemeinsamen Projekts der Universitäten Innsbruck und Bozen haben Historiker knapp 150.000 Akten aus den Optionskarteien, die in Nord- und Südtirol aufbewahrt werden, digitalisiert und sie so für alle zugänglich gemacht.<BR /><BR />Gehen oder bleiben: Die Südtiroler Bevölkerung wurde im Jahr 1939 vor diese schwierige Wahl gestellt. Über 80 Prozent entschieden sich damals fürs Gehen. Nicht alle setzten ihre Entscheidung tatsächlich um. Vielen Nachkommen der damaligen Optanten ist nicht wirklich bekannt, wie sich ihre Eltern, Groß- oder Urgroßeltern entschieden haben.<BR /><BR /> Wer Genaueres erfahren wollte, musste sich bislang ins Tiroler Landesarchiv oder Bozner Staatsarchiv begeben und Akten wälzen. Dies gehört nunmehr der Vergangenheit an, denn im Rahmen eines groß angelegten Projekts sind ab sofort 150.000 Akten aus Optionskarteien online einsehbar. Ein Team, zusammengesetzt aus Experten der Universitäten Innsbruck und Bozen, hat die Akten eingescannt. <BR /><BR /> Eva Pfanzelter, Professorin für Zeitgeschichte an der Uni Innsbruck, leitet das Projekt, an dem für die Uni Bozen auch Andrea Di Michele federführend beteiligt war. Wie Prof. Pfanzelter den „Dolomiten“ erzählt, haben die Forschenden auf 120.000 Akten aus dem Tiroler Landesarchiv sowie auf 30.000 aus dem Bozner Staatsarchiv zugegriffen.<BR /><BR /> „Bei den Unterlagen aus Innsbruck handelt es sich um Anträge für die deutsche Staatsbürgerschaft. Also jene Südtiroler, die sich für die Auswanderung ins Dritte Reich entschieden haben“, erklärt Pfanzelter. Die 30.000 aus dem Bozner Archiv sind Rückoptions-Anträge: Südtiroler, die effektiv ausgewandert waren, nach dem Krieg aber wieder in die Heimat zurückkehren wollten.<h3> 150.000 Akten und Anträge von weit mehr Personen</h3>Die Anträge auf die Beibehaltung der italienischen Staatsbürgerschaft, also jene der Dableiber, scheinen im neuen Online-Archiv nicht auf. „Um auch diese Akten einzuscannen, fehlt es derzeit sowohl an Zeit als auch an finanziellen Mitteln“, sagt Pfanzelter. Dennoch gilt: Wer seine Verwandten nicht im Online-Archiv findet, weiß, dass sie entweder für die Beibehaltung der italienischen Staatsbürgerschaft angesucht oder gar keinen Antrag eingereicht haben. <BR /><BR />Ebenso wichtig zu erwähnen: Eine Akte bzw. Kartei ist nicht gleich eine Person. „Einzelpersonen haben für sich selbst angesucht. Ein Familienoberhaupt reichte hingegen den Antrag für die ganze Familie ein“, führt Pfanzelter aus. In den 150.000 Akten sind also die Anträge von weit mehr Personen zusammengefasst. Selbstständig wählen durften Südtirolerinnen und Südtiroler ab 21 Jahren. <BR /><BR />Eingescannt wurden auch nicht die gesamten Personalakten, sondern lediglich das Karteiblatt – also das Dokument, das auf die Entscheidung zwischen Auswandern oder Dableiben hinweist. Viele Ordner, die die Personalakten enthalten, sind deutlich praller gefüllt. „Die Bandbreite reicht von zehn bis 200 Seiten“, sagt Pfanzelter. <BR /><BR />In diesen nicht eingescannten Dokumenten findet sich auch Auskunft darüber, wohin Personen ausgewandert sind, was sie an Hab und Gut mitgenommen haben und viele weitere Informationen. Familienangehörige können Einsicht auf diese übrigen Akten, die weiterhin analog im Tiroler Landes- oder Bozner Staatsarchiv gelagert werden, beantragen. <BR /><BR />Wie Pfanzelter informiert, haben die Forschenden bereits 2021 mit dem Projekt begonnen. 2024 waren alle Dokumente eingescannt, woraufhin man mit der Einrichtung des Online-Archivs loslegen konnte. „Seit Mai dieses Jahres ist die Webseite im Netz zu finden“, sagt Pfanzelter. „Derzeit werden noch Feinheiten angepasst und Verbesserungen vorgenommen.“ <BR /><BR />Die Informationen wurden nämlich mit einem automatischen Tool von den Karteien abgelesen und übertragen, wodurch sich einige Fehler eingeschlichen haben. Diese werden bis Ende Juli überarbeitet. „Danach geht es an die manuelle Korrektur – hoffentlich in Zusammenarbeit mit den Chronistenverbänden“, schließt Pfanzelter.<h3> Online-Archiv bereits im Netz zu finden</h3>Über den Link https://bit.ly/4bpeq7h können Interessierte auf die neue Webseite der Uni Innsbruck einsteigen und nach der Optionskartei ihrer Familienangehörigen oder Verwandten suchen. Die Suche im Online-Archiv erfolgt mittels Name, Beruf oder Heimatort. Zu bedenken ist, dass stets das Familienoberhaupt für die gesamte Familie angesucht hat – Südtirolerinnen und Südtiroler unter 21 Jahren konnten damals keine eigene Erklärung abgeben. Um die Such- und Filteroption auf der Webseite zu verbessern, werden derzeit die Feinheiten angepasst. Bis Ende Juli soll die Webseite überarbeitet sein.