Freitag, 03. Dezember 2021

Geschlossen statt geholfen am Tag der Menschen mit Behinderung

Der Personalnotstand in Betreuungseinrichtungen trifft Menschen mit Behinderung und ihre Familien besonders hart. Anlässlich des Internationalen Tags der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember erinnert eine Plakat- und Videoaktion daran, die geltenden Rechte von Menschen mit Behinderungen auch umzusetzen. Rechte dürfen nicht nur toter Buchstabe bleiben, mahnt der Dachverband.

Der Alltag für Menschen mit Beeinträchtigung, gestaltet sich seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie als besonders schwierig.
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Der Alltag für Menschen mit Beeinträchtigung, gestaltet sich seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie als besonders schwierig. - Foto: © Shutterstock
„Wegen Personalmangel geschlossen“ – so sieht die traurige Situation derzeit in gleich mehreren Betreuungseinrichtungen in Südtirol aus, die sich um Menschen mit Behinderungen kümmern. Die Corona-Krise stellt die Betroffenen und ihre Familien damit erneut vor große Herausforderungen. Viele der Hilfen, die im Alltag die Angehörigen entlasten, fallen nun weg. Eltern müssen die Betreuung zu Hause irgendwie allein schaffen. Wichtige Therapien sind ausgesetzt.

Konkret sind derzeit mehrere Werkstätten, Tagesförderstätten oder Wohneinrichtungen teilweise oder ganz geschlossen, weil das Betreuungspersonal fehlt. „Schon vor Corona war die Personaldecke dünn“, sagt Dachverband-Präsident Wolfgang Obwexer, „aber nun führt die seit 10. Oktober geltende Impfpflicht zu zusätzlichen Personalausfällen. Deshalb können die Einrichtungen ihre Dienste nicht wie gewohnt aufrecht halten.“ Als Folge müssen die Menschen
mit Behinderungen bzw. auch viele Menschen mit psychischen Erkrankungen zu Hause bleiben und sind somit sich selbst überlassen.

Das bedeutet, die Angehörigen - meistens ihre Eltern - müssen die Betreuung daheim allein stemmen. Viele sind damit überfordert. Immerhin brauchen Menschen mit Behinderung oft eine Rundum-Betreuung, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Noch dazu sind die Eltern in der Regel selbst entweder berufstätig oder bereits in fortgeschrittenem Alter. Vielfach sind zudem besonders Frauen Leidtragende dieser Situation, einige von ihnen als Alleinerziehende.

Es fehlen Arbeitsstellen für Menschen mit Beeinträchtigung

Ulrich Seitz, Referent des Ehrenamtes im Gemeinderat Bozen für Menschen mit Beeinträchtigung, unterstreicht: „Auch in Bozen erlebe ich durch Rückmeldungen betroffener Familien, wie die rasant negative Entwicklung in den letzten 20 Monaten Pandemie bedingter Lockdowns in vielen Bereichen, in kürzester Zeit die zarten Erfolge der letzten Jahre zunichte gemacht hat. Nur in Bozen Stadt fehlen uns sicherlich rund 200 Arbeitsstellen für Menschen mit Beeinträchtigung, die nicht mehr zur Verfügung stehen. Eigentlich alles ein wenig paradox“.

Die Corona-Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind für Menschen mit Behinderung gravierend und machen derzeit jahrelange Bemühungen zunichte, auch hierzulande. Italienweit sind laut aktueller Schätzungen der zuständigen Ministerien rund 20 Prozent mehr Menschen mit Beeinträchtigungen ohne Arbeit als in den Jahren vor der Corona-Krise. Viele sind Langzeitarbeitslose.

Seitz meint weiterhin: „Auf der einen Seite kann man Stellen aus Mangel an Personalressourcen nicht nachbesetzen, oder überhaupt vergeben und bei den Schwächsten in der Gesellschaft schaffen wir es als Gemeinschaft nicht, neue Arbeitsmodelle wie Smart working oder bei Umschulungen durchzusetzen. Gerade die Gastronomie fällt immer öfters aus, oder auch Kleinstbetriebe, die sich nicht selten mit viel Engagement um ihre Arbeitnehmer mit Defiziten gekümmert haben. Vor allem zeigt sich aber ebenso, dass wir diesen Personen, die besonders unsere Unterstützung benötigen, Würde am Arbeitsplatz garantieren müssen, und nicht unterbezahlte Jobs mit teils sinnlosen Aufgaben wo es kaum Möglichkeiten der Weiterentwicklung gibt, fördern“.

Seitz hat sich bereits aktiviert einen fixen Runden Tisch mit Wirtschaftstreibenden und Eltern einzurichten, um in Zeiten wie diesen praktische Pakete zur Fortbildung von Menschen mit Behinderung für Tätigkeiten in Büros anzubieten, mit Fokus auf das Erlernen neuer digitaler Programme und Verbesserung von Sprachkenntnissen. „Da besteht ein enormes Potential“, versichert Seitz.

Dachverband für Soziales und Gesundheit startet Plakatkampagne

Unter dem Motto „Gemeinsam durch die Krise – Inklusion leben, Rechte garantieren“ wurde nun, anlässlich des 3. Dezember – dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen, eine Plakatkampagne zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit ausgearbeitet. Plakate und Videospots sollen darauf aufmerksam machen, dass Rechte nicht nur toter Buchstabe bleiben dürfen. Die Aktion ist ein Appell, Menschen mit Behinderung nicht zu vergessen. Rechte müssen umgesetzt werden.

An der Aktion mitgearbeitet haben die Selbstvertretungsgruppe People First, die Lebenshilfe, der Dachverband für Soziales und Gesundheit, der AEB - Arbeitskreis Eltern Behinderter, die Sozialgenossenschaft independent L., der Südtiroler Monitoring-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die Deutsche Bildungsdirektion und das Landesamt für Menschen mit Behinderungen.

stol