Hausärzte haben immer öfter nicht nur Kranke vor sich sitzen, die für ihre Symptome eine Ursache suchen, sondern zunehmend auch Gesunde, „die sich ihre Gesundheit bescheinigen lassen wollen“, erzählt Dr. Astrid Marsoner. Dafür verlangen sie, mitunter mit Vehemenz, das Verschreiben von Untersuchungen. Dann nämlich gibt es die Leistung im öffentlichen Gesundheitssystem nahezu kostenlos, nur das Ticket ist dafür zu bezahlen. Dass diesem Druck so mancher Hausarzt nachgibt, ist nachvollziehbar. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66451738_quote" /><BR /><BR />Einige Untersuchungen bei Gesunden müssten dringend überdacht werden, sagt die Hausärztin. Zum einen aus finanziellen Gründen. „Angesichts knapper Ressourcen nicht über Geld zu reden, ist unethisch.“ Zum anderen hätten viele Untersuchungen und Laborwerte eine geringe Aussagekraft über den Gesundheitszustand. Das sei bei einigen häufig verlangten Blutproben der Fall. Selbst wenn die Werte in Ordnung seien, bescheinige dies nicht absolute Gesundheit. „Auch hinter einem normalen Blutbild kann sich eine Leukämie verbergen“, bringt Marsoner ein Beispiel. „Viel wichtiger, ich würde sagen essenziell, ist das Arztgespräch. Wenn mir der Patient von Nachtschweiß, intermittierendem Fieber und Gewichtsverlust berichtet, bringt mich das auf die richtige Spur, dort sollte die Labordiagnostik erst ansetzen.“<h3> „Krebsvorsorge wahrnehmen“</h3>Sehr wohl wahrnehmen sollten Patientinnen und Patienten aber die vom Sanitätsbetrieb angebotenen Vorsorgeuntersuchungen, betont Prof. Guido Schumacher, Chirurgie-Primar in Brixen und Sterzing. Hier gebe es noch Luft nach oben. Generell nehmen mehr Frauen als Männer diese Untersuchungen in Anspruch wobei aber immer noch sehr viele die entsprechenden Einladungen nicht annehmen. <BR /><BR />Das sei zum Beispiel bei der Darmkrebsvorsorge der Fall. „Wenn jede und jeder zur Vorsorge ginge, wenn sie bzw. er dazu eingeladen wird, dann wäre Darmkrebs kein Problem mehr“, sagt Prof. Schumacher. „So aber ist er immer noch die vierthäufigste Tumorart.“ Dabei sei die Vorsorge mit Stuhltest und gegebenenfalls Darmspiegelung eine zuverlässige Methode, um erste Warnzeichen und Vorstufen von Krebs frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66451845_quote" /><BR /><BR />Einige Vorsorgeuntersuchungen müssten aber mit kritischem Blick betrachtet werden, wirft Dr. Marsoner ein. „Es kommt bei manchen Untersuchungen häufig zu Überdiagnosen. Man findet etwas, das nie Probleme bereitet hätte“, erklärt sie. Gesunde ohne Beschwerden würden nach einem Zufallsbefund oft weiteren Untersuchungen und Therapien unterzogen, auch auf eigenen Wunsch. Verbunden mit Sorgen, Ängsten und weiteren Kosten. Das sei zum Beispiel bei Mammografien mitunter der Fall oder beim PSA-Test. <BR /><BR />Ein negativer Befund wiege Patientinnen und Patienten oft in falscher Sicherheit, was dazu führe, dass sie klinische Warnsymptome ignorieren. „Das heißt nämlich nicht, dass nichts ist“, sagt Dr. Marsoner. „Große cochrane Metaanalysen haben ergeben, dass unspezifische Gesundenuntersuchungen tatsächlich nur wenige Tumore herausfiltern.“ Bei anderen Vorsorgeuntersuchungen hingegen ist das Ergebnis sehr positiv – wie bei der Darmkrebsvorsorge.<h3> „Hyperdiagnostik bringt nichts“</h3>„Es muss uns bewusst sein, dass eine Hyperdiagnostik aus gesunden Patienten kranke macht“, sagt die Hausärztin und bringt noch ein Beispiel. „Natürlich kann ich bei mir ein MRT machen lassen und man wird an manchen Gelenken Arthrose feststellen. Das hat aber keinerlei Relevanz, wenn ich keine Beschwerden habe und es mir gut geht.“<h3> Die beste Vorsorge hat jeder selbst in der Hand</h3>Hier sei ein gesunder Mittelweg nötig und der Hausarzt die Schlüsselfigur. „Er kennt den Patienten oft seit langem und zwar den gesamten Menschen, nicht nur einen Fachbereich. Ihm sollte man vertrauen, welche Untersuchung oder welcher Laborwert wichtig ist.“ Nur weil es auf Rezept die Leistungen nahezu kostenlos gebe, erwachse daraus kein Recht auf bestimmte Untersuchungen.<BR /><BR />Auch sei es allemal besser, einen gesunden Lebensstil zu pflegen, als wahllos Untersuchungen zu verlangen. „Die wichtigste Vorsorge hat nämlich jeder selbst in der Hand“, sagen Dr. Marsoner und Prof. Schumacher. „Das ist ein gesundes Leben mit regelmäßiger Bewegung, ausgewogener Ernährung, ohne gesundheitsschädigende Substanzen wie Nikotin oder Alkohol, und allem, was unserer psychischen Gesundheit guttut.“