Freitag, 02. Juli 2021

Getötete 13-Jährige in Wien – 2 Verdächtige in U-Haft

Das Wiener Landesgericht für Strafsachen hat am Freitag im Zusammenhang mit der am vergangenen Wochenende getöteten 13-Jährigen über 2 Tatverdächtige im Alter von 16 und 18 Jahren die U-Haft verhängt. Das gab Gerichtssprecherin Christina Salzborn auf APA-Anfrage bekannt. Die beiden aus Afghanistan stammenden Burschen hätten vor der Haftrichterin Angaben gemacht und sich nicht geständig gezeigt. Die U-Haft sei bis 16. Juli rechtswirksam, sagte Salzborn. Außerdem prangern Opferschutz-Expertinnen Versäumnisse in der Gewaltprävention an.

Im Fall der getöteten 13-Jähigen in Wien laufen die Ermittlungen.
Im Fall der getöteten 13-Jähigen in Wien laufen die Ermittlungen. - Foto: © APA / HERBERT NEUBAUER
Wie die Sprecherin erläuterte, wurde die U-Haft wegen des Verdachts auf Vergewaltigung mit Todesfolge verhängt. Demnach wird derzeit nicht wegen Mordes ermittelt, was sich jedoch jederzeit – sollte sich die Beweislage ändern – modifizieren lässt. Wesentlich dafür dürfte das schriftliche Obduktionsgutachten sein, das noch nicht vorliegt und von dem sich die Strafverfolgungsbehörden nähere Aufschlüsse zur Todesursache erhoffen. Nach Auffinden der Leiche hatte es seitens der Polizei geheißen, das Mädchen sei erstickt bzw. erstickt worden.

Dem Vernehmen bestreiten die in U-Haft genommenen Tatverdächtigen, Tötungshandlungen gesetzt zu haben. Sie behaupten, das Mädchen hätte aufgrund der konsumierten Drogen – es soll sich um eine größere Menge Ecstasy gehandelt haben – das Bewusstsein verloren.




Der 16-Jährige dürfte mit dem 13 Jahre alten Mädchen liiert gewesen sein. Sie soll sich mit dem Burschen am vergangenen Freitag zunächst am Donaukanal getroffen und diesen dann in die Wohnung des 18-Jährigen begleitet haben. Dort soll die 13-Jährige dem aktuellen Ermittlungsstand zufolge von zumindest 2 Verdächtigen missbraucht worden sein.

Suche nach möglichem vierten Tatbeteiligten

Offizielle Bestätigung seitens der Strafverfolgungsbehörden gab es dafür vorerst keine. Der 16-Jährige behauptet, er habe die Rettung gerufen, nachdem das Mädchen das Bewusstsein verloren habe. Er – und nicht der 18-jährige Wohnungsbesitzer, wie es zunächst geheißen hatte – soll die 13-Jährige dann aus der Wohnung getragen und auf einer davor befindlichen Grünfläche abgelegt haben.

Mittlerweile befinden sich in dieser Sache 3 mutmaßliche Täter bzw. Mittäter – neben dem 16- und dem 18-Jährigen ein Landsmann in Alter von 23 Jahren – in Haft. Nach einem möglichen vierten Tatbeteiligten aus Afghanistan – er ist 22 Jahre alt – wird über die Landesgrenzen hinaus gefahndet. Ob auch der am Mittwoch festgenommene 23-Jährige in U-Haft genommen wird, entscheidet sich am Wochenende.

Bezogen auf das allfällige Strafausmaß, das den Tatverdächtigen im Fall einer Anklageerhebung droht, würde es übrigens keinen Unterschied machen, ob sie wegen Mordes oder Vergewaltigung mit Todesfolge belangt werden. Die Obergrenze des Strafrahmens wäre dieselbe – der 16-Jährige müsste nach dem Jugendgerichtsgesetz (JGG) mit bis zu 15 Jahren, der 18-Jährige als junger Erwachsener mit bis zu 20 Jahren und die über 21-Jährigen mit 10 bis 20 Jahren oder lebenslanger Haft rechnen.

Der brutale Mord sorgt auch auf politischer Ebene für Entrüstung. Am Mittwoch fand Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz klare Worte in Bezug auf die Täter.

Versäumnisse in der Gewaltprävention angeprangert

Opferschutz-Expertinnen prangern Versäumnisse in der Prävention von Gewalt an. Da zumindest 3 der 4 Verdächtigen polizeibekannt bzw. vorbestraft waren, liege der Verdacht nahe, dass diesbezügliche Warnsignale übersehen oder nicht ernst genug genommen worden sein könnten, hieß es bei einer Pressekonferenz der Allianz Gewaltfrei leben, der rund 30 Frauen- und Opferschutzorganisationen angehören.

Rosa Logar von der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie forderte frühzeitige Gewalt-Screenings, die alle beteiligten Einrichtungen, von der Polizei über die Spitäler bis zur Bewährungshilfe, aktiv durchführen müssten. „Man muss solchen Hinweisen nachgehen, auch wenn ein anderes, etwa ein Drogendelikt, angezeigt wird“, forderte sie. Wird jemand wegen einer mit einer höheren Strafe bedrohten Tat, etwa Drogenhandel, verurteilt, kämen Hinweise auf Gewaltbereitschaft „dahinter“ gar nicht mehr vor.

Mit dem durch Screenings erlangten Wissen müsse man aber auch etwas tun können: „Es gibt derzeit kein Gremium, es gibt keine 'Gewalt-Lawinenkommission', die sich dann zusammensetzt“, kritisierte Logar. Sie fordert solche Kommissionen, die laufend tagen und sich mit Hochrisikofällen auseinandersetzen sollen, für jedes österreichische Bundesland.

Im Fall der 13-Jährigen stelle sich ihr die Frage, ob Jugend- und Bewährungshilfe „zu sehr auf die Drogendelikte geschaut“ hätten und „frauenfeindliches Gedankengut nicht aufgefallen ist“, gab auch Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF), zu bedenken: „Morde kündigen sich immer an.“

Es sollten daher viel mehr Gefährlichkeitseinschätzungen vorgenommen werden. „Wir müssen 'dahinter' schauen und das Gewalt- und Aggressionspotenzial im Blick haben“, appellierte Logar. „Gewalt wird oft unter 'ferner liefen' gehandelt, daraus kommt aber die Eskalation.“
Zu oft würden Opfer hören, „die Suppe ist zu dünn“, 8 von 10 Anzeigen wegen Gewaltdelikten würden eingestellt, erinnerte Logar, die die größte heimische Opferschutzeinrichtung mit mehr als 6000 Fällen jährlich leitet. Beschuldigte bekämen dann den Eindruck, es handle sich „um Bagatelldelikte“.

Präventive Arbeit im Asylbereich und Stärkung der Opfer

Sabine Weninger-Bodlak, heute Leiterin des Zentrums Insel in Scharnstein, schilderte ihre Erfahrungen als Flüchtlingsbetreuerin: Eine Arbeitskraft mit 25 oder 30 Wochenstunden sei in einem 50-Personen-Quartier für Kinder, Familien, Einzelpersonen und Traumatisierte zuständig, Sozialarbeiterinnen hätten Screenings so gut wie möglich aus eigenem Antrieb gemacht, Unterstützung von außen habe es nicht gegeben.

Bei Wertekursen sei es darum gegangen, Frauen zu grüßen und nicht nachzupfeifen, „und das war es dann aber schon im Großen und Ganzen“. Ihrer Meinung nach sei die Arbeit im Asylbereich diesbezüglich „noch ganz am Anfang“: „Hier präventiv zu arbeiten, das wäre extrem wichtig.“

Eine wichtige Säule der Gewaltprävention sei zudem die Stärkung der Opfer. In der Wiener Interventionsstelle habe man nach wie vor pro Opfer und Jahr nur 5 Betreuungsstunden zur Verfügung, beklagte Logar einmal mehr eine jahrelange Notlage. Margarete Bican vom Verein Sprungbrett zählte auf, was es unter anderem brauche: mehr fest verankerte Präventionsangebote in Schulen, mehr Beratungslehrerinnen und regelmäßige Sozialarbeit sowie kostenlose Eltern- und Erziehungsberatung und bessere Bedingungen für die Arbeit der Frauen- und Mädchen- sowie der Familienberatungsstellen.

Gleichzeitig äußerten sich die Opferschutzexpertinnen „besorgt über die Verquickung der Asyl- und Abschiebe-Debatte mit Gewaltschutz“, dessen wichtige Anliegen dabei verloren gingen. Bei Gewalt an Frauen und Mädchen gehe es vielmehr um Machtungleichheit sowie patriarchale und toxische Denkmuster. Abschiebungen sollten aber durchgeführt werden, sofern die Gesetzeslage das hergibt.

apa/stol