Mittwoch, 14. Februar 2018

Gewalt gegen Frauen: Das sind die harten Fakten

Das Netzwerks gegen geschlechtsspezifische Gewalt, das sich aus öffentlichen und privaten sozialen Einrichtungen, den Ordnungskräften und dem Gericht zusammensetzt, hat am Mittwoch die Daten und Hintergründe zu den geschlechtsspezifischen Gewalttaten aus dem Jahre 2016 vorgestellt. Ergebnis: Im Jahr 2016 haben sich 170 Frauen an eine der Einrichtungen des Netzwerks für Frauen in Gewaltsituationen gewandt. Tendenz steigend.

Im Jahr 2016 haben sich 170 Frauen an eine der Einrichtungen des Netzwerks für Frauen in Gewaltsituationen gewandt. Tendenz steigend.
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Im Jahr 2016 haben sich 170 Frauen an eine der Einrichtungen des Netzwerks für Frauen in Gewaltsituationen gewandt. Tendenz steigend. - Foto: © shutterstock

Die Auswertung der erhobenen Daten wurden vom Amt für Familie, Frau, Jugend und Sozialförderung und vom Amt für Statistik im Beisein von Stadträtin Marialaura Lorenzini, Staatsanwältin Luisa Mosner, GEA-Präsidentin Gabriele Kusstatscher und zahlreicher Vertreter der Netzwerkpartner vorgestellt.

Am Bozner Rathausplatz fand zeitgleich eine Sensibilisierungskampagne der Staatspolizei mit einem Informationsstand statt. (STOL hat berichtet)

Verschiedene Kontaktstellen

In der Gemeinde Bozen ist die Kontaktstelle gegen Gewalt des Vereins GEA, die sich speziell um Frauen in Gewaltsituationen kümmert, nach wie vor die wichtigste örtliche Einrichtung für Personen, die Gewalt erlitten haben und Hilfe suchen. Über diese Anlaufstelle ist zirka die Hälfte der Hilfe suchenden Frauen in das Netzwerk aufgenommen worden, ein durchgehender Trend der vergangenen fünf Erhebungsjahre. 2016 hat die Kontaktstelle 86 Frauen betreut.

Die Frauen, die über die Kontaktstelle GEA im Netzwerk aufgenommen wurden, sind zum Großteil Opfer von psychologischer und körperlicher Gewalt. Es handelt sich meist um ledige oder verheiratete Frauen, die mit der Person, die die Gewalt ausübt, zusammenleben.

Die zweite Bozner Facheinrichtung, an die sich Hilfe suchende Frauen wenden, ist das Haus der geschützten Wohnungen, dessen Hauptziel die Unterstützung von Frauen ist, die Opfer von Gewalt sind. 2016 hat das Haus insgesamt 28 Frauen aufgenommen. Die am stärksten vertretene Form von Gewalt ist dabei die körperliche und/oder psychologische Gewalt von Seiten des Ehemannes bzw. des Partners.

Der öffentliche Sicherheitsdienst der Quästur - insbesondere der Streifenpolizei - spielte (wie bereits seit 2013) weiterhin eine wichtige Rolle. 2016 fanden insgesamt 24 Frauen, d.h. 14,1% der Gesamtanzahl, über die Polizei den Weg zum Netzwerk. Es handelte sich dabei vorwiegend um Frauen, die körperliche Gewalt erleiden und mit dem Gewaltausüber zusammen wohnen.

Der Verein La Strada - Der Weg hat über die Projekte der integrierten soziopädagogischen Gemeinschaft "St. Clara", dem Projekt "Junge Mütter" des Zentrums "Il Germoglio" und über das Projekt "Alba" im Laufe des Jahres 2016 insgesamt 17 Frauen aufgenommen hat, d.h. 10% aller Fälle. Das bedeutet einen starken Rückgang im Vergleich zum Vorjahr.
Anders als 2015 gingen im Jahr 2016 auch 11 Meldungen von Seiten der Sozialsprengel bei der Beobachtungsstelle ein.

Das Profil der Frauen

Nach wie vor nehmen den ersten Platz verheiratete oder in Partnerschaft lebende Frauen ein (48 Prozent), gefolgt von den ledigen Frauen (33 Prozent), Frauen mit Mittelschulabschluss oder beruflicher Fachausbildung oder Uniabschluss.

Frauen mit bis zu 30 Jahren haben einen Anteil von 35,3 Prozent, Frauen mit mehr als 50 Jahren 20,6 Prozent. Mehr als die Hälfte der Frauen hat eine italienische Staatsbürgerschaft. Der Anteil an Dienstnutzerinnen aus Zentral- und Osteuropa ist weiterhin signifikant (18,8%), knapp 15 Prozent der Frauen, die sich an die Netzwerkdienste gewandt haben, sind hingegen afrikanischer Herkunft.

Die verschiedenen Formen von Gewalt

Die am weitesten verbreitete Form von Gewalt gegen Frauen ist jene, die sich im Bereich der intimen Beziehungen entfaltet, also die häusliche Gewalt. Im Trend zu den Jahren 2013, 2014 und 2015 ist diese Form von Gewalt die weitaus häufigste bei den von den Diensten des Netzwerks betreuten Frauen.

Die Stalkingfälle belaufen sich auf 10 Prozent, ein Prozentsatz der jenem von 2014 und 2015 entspricht. Die Zufallsangriffe haben abgenommen, während die Gewaltfälle, die mit der sexuellen Ausbeutung zusammenhängen, einen stabilen Trend aufweisen.

Die häusliche Gewalt äußert sich vor allem in Form von körperlichen, psychischen und ökonomischen Misshandlungen

Im Dreijahreszeitraum 2014-2016 nimmt der Anteil an Frauen, die den Zeitpunkt, an dem die Gewaltausübung begonnen hat, nicht genau angeben können, zu. 2016 waren es 84 Prozent, während es 2015 69 Prozent waren.

Die Frauen, die hingegen den Beginn der Gewalt mit einem spezifischen Ereignis verbinden, geben insbesondere Geschehnisse im intimen Beziehungsleben dafür an: Die Schwangerschaft und die Geburt eines Kindes (10 Fälle) fallen oft mit dem Auftreten von Gewalt zusammen, insbesondere psychologischer Art. Auch eine Heirat bzw. das Zusammenziehen (9 Fälle), aber auch das Ende einer Beziehung öffnet oft der Anwendung von schlimmen Gewaltformen die Tür.

Die Form der ausgeübten Gewalt an Frauen

2016 führt, anders als im Vorjahr, die körperliche Gewalt die Rangordnung an und ist die häufigste und am meisten verbreitete Form von Gewalt gegen Frauen: Es wurden insgesamt 131 Fälle verzeichnet, d.h. 34,5 Prozent der gesamten eingeholten Antworten.

Am zweiten Platz rangiert die psychologische Gewalt (in all ihren Formen) mit 123 Fällen. Diese Formen von Gewalt zeichnen sich durch Wiederholungsmuster aus und sie treten häufig in Kombination mit anderen Formen von Gewalt auf.

Auch die ökonomische Gewalt kann zu den Gewaltformen gezählt werden, die Wiederholungscharakter aufweisen. Laut Daten der Beobachtungstelle von 2016 steht diese Form der Gewalt in Bozen mit 55 Meldungen an 3. Stelle.

Was die sexuelle Gewalt betrifft, wurden 2016 in Bozen 34 Fälle verzeichnet. 7,6 Prozent der Frauen haben sich an einen der Dienste des Netzwerkes gewendet, weil sie Opfer eines Stalkers geworden sind. Es wurden 5 Fälle von Zwangsheirat gemeldet.

Die Täter

Das soziodemografische Profil der Täter, das sich aus den Daten des Jahres 2016 ergibt, ist das folgende: Es wird ein größerer Anteil an erwachsenen und älteren Tätern verzeichnet, während die Gewaltausübung von Seiten von Männern mit weniger als 30 Jahren ein geringeres Ausmaß hat. 

Die Gruppe der 31 bis 45-jährigen Männer (mittleres Alter) erreicht einen Anteil von 43 Prozent. Besonders oft handelt es sich dabei um den aktuellen Partner des Opfers.
Die Anzahl der älteren Täter bleibt im Vergleich zum Vorjahr stabil (42 Prozent), dazu gehören besonders oft die ehemaligen Lebenspartner der Opfer.

Auch was die Herkunft der Täter betrifft, gibt es Unterschiede zu den Vorjahren: Die Italiener sind, wie bereits in den vorherigen Erhebungen, die absolute Mehrheit (57 Prozent), doch sie nehmen sowohl im Vergleich zum Vorjahr als auch zu den weiteren Vorjahren ab. Auch die Täter aus Osteuropa nehmen bedeutsam ab (-8 Prozentpunkte), während jene aus Afrika zunehmen (+6 Prozentpunkte).

Betrachtet man die Beziehung, die zwischen Täter und Opfer besteht, so steht an erster Stelle - in zirka der Hälfte der Fälle - der Ehemann oder der Verlobte bzw. der derzeitige Lebenspartner der Frau als Haupttäter. Eine Gewalttat von fünf ist hingegen dem ehemaligen Partner zuzuschreiben (19 Prozent), gefolgt von Verwandten (13 Prozent) und Freunden (2 Prozent). Die Gewalttaten, die von Männern außerhalb des Verwandten- und Freundes- bzw. Bekanntenkreises ausgeübt werden (Zuhälter und Unbekannte) nehmen einen unbedeutenden Platz ein.

In 60 Prozent ist der Partner der Täter

Die Gewalttaten, die von ehemaligen Partnern ausgeübt werden, erreichen einen Anteil von 19 Prozent (vor vier Jahren waren es noch 14 Prozent). Die ehemaligen Partner sind insbesondere gegenüber alleinstehenden, älteren Frauen mit italienischer Staatsbürgerschaft und mittlerem-höherem Schulabschluss gewalttätig.

Die Gewaltfälle, für die der derzeitige Partner verantwortlich ist, betragen immer noch zirka 60 Prozent und bleiben weiterhin an erster Stelle der Rangordnung in Bezug auf den Täter. Die Mehrheit der Fälle ökonomischer, körperlicher oder psychischer Gewalt können dem Ehemann oder dem Lebenspartner angelastet werden.

Miterlebte Gewalt

In Bozen leben in 58 Prozent der Gewaltfälle mit der Frau, welche Gewalt erlitten hat, auch minderjährige Kinder zusammen: In 97% der Fälle sind es Söhne und Töchter des Opfers, nur selten handelt es sich um andere Verwandte (Brüder oder Schwestern). Die meisten dieser Kinder erleiden auch ihrerseits Gewalt, nur 16 Prozent bleiben davon unberührt. Die Mehrheit der Kinder wird Opfer miterlebter Gewalt (64 Fälle), während nur 8 Fälle direkte Gewalt erfahren.

Ein Zehntel (10 Fälle) ist hingegen Opfer beider Formen von Gewalt. Es muss hervorgehoben werden, dass der Täter, der die Kinder misshandelt, in 97 Prozent der Fällen der gleiche ist, der auch Gewalt gegen die Mutter ausübt.

Diese Daten bestätigen erneut, wie stark Kinder in Gewaltgeflechten einbezogen sind, die ihre körperliche und psychische Unversehrtheit gefährden.

Zunahmen der Anzeigen bei Behörden

Im Jahr 2016 haben sich 170 Frauen an eine der Einrichtungen des Netzwerks für Frauen in Gewaltsituationen gewandt. Im Vergleich zu den Vorjahren wurde somit ein erhebliche Zunahme verzeichnet (2015 waren es 135, 2014 154, 2013 155 und 2012 145). 

Zirka die Hälfte der Frauen, die von den Diensten des Bozner Netzwerkes gegen Gewalt an Frauen betreut wurden, hat wegen der erlittenen Gewalt Anzeige erstattet. Dies bedeutet eine Zunahme im Vergleich zum Vorjahr.

Die Opfer von sexueller, körperlicher und psychologischer Gewalt sowie Stalking erstatten eher Anzeige als die Opfer von ökonomischer Gewalt.
Im Vergleich zu 2014 und 2015 haben auch die Anzeigen beim ordentlichen Gericht zugenommen, dasselbe gilt auch für die Anzeigen beim Jugendgericht.

Was die Anzeigen beim Jugendgericht anbelangt, wird insbesondere in Fällen körperlicher und sexueller Gewalt davon Gebrauch gemacht, während das ordentliche Gericht vornehmlich von Opfern sexueller und körperlicher Gewalt sowie Stalking aufgesucht wird, sowie von den wenigen Opfern einer Zwangsheirat.

stol

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