Die Mitglieder der Jugendbanden, die gewalttätig werden und identifiziert werden, werden nicht nur bei den Behörden erkennungsdienstlich erfasst, auch Sozialdienste bzw. die Jugendpsychiatrie versuchen, sie an die Hand zu nehmen. „Wir können nicht alle retten“, räumt die Primaria ein. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="740417_image" /></div> <b>Frau Dr. Arcangeli, letzthin hat es immer wieder Übergriffe von Jugendbanden gegeben. Woher kommt diese Gewaltbereitschaft, wo wächst Aggression?</b><BR />Dr. Donatella Arcangeli: Der Ursprung ist sicherlich in einer nicht altersgerechten Erziehung bzw. einem nicht altersgerechten Alltag des Kindes zu suchen: Gibt es kulturelle Ursachen, einen problematischen Migrationshintergrund? Haben die Eltern psychiatrische Probleme, Abhängigkeitserkrankungen? Gibt es finanzielle Probleme, schwerwiegende Konflikte in der Familie, in der Beziehung der Eltern? Die Erfahrungen in den ersten Lebensjahren haben großen Einfluss auf das Verhalten. Wir bewerten die Situation der Minderjährigen, die zu uns kommen, in erster Linie aufgrund dieser Kriterien und dann, ob ein Jugendlicher auch im schulischen Umfeld Verhaltensauffälligkeiten zeigt. <BR /><BR /><b>Das bedeutet, nicht jeder trägt Gewalt oder Aggressionsbereitschaft in sich?</b><BR />Dr. Arcangeli: Es gibt 2 Formen der Aggression: Einerseits eine Art Jagdinstinkt, die geplante Verfolgung, die vorsätzliche Aggression. Das ist jene Form der Aggression, von der wir bei Jugendbanden ausgehen. Dann gibt es den Abwehrinstinkt, den tragen wir alle in uns, um uns in Gefahrensituationen zu wehren. <BR /><BR /><embed id="dtext86-53066381_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Ein Kind, das in gesunden Verhältnissen aufwächst, ist also nicht gefährdet, Mitglied einer Jugendbande zu werden?</b><BR />Dr. Arcangeli: Ich muss etwas ausholen. Wer Kinder hat, weiß, dass Geschwister auch mit Händen und Füßen aufeinander losgehen, wenn es Probleme gibt, es ist ihre instinktive Art, Frust, Wut oder emotionales Unwohlsein herauszulassen. Es sind dann die Eltern, die eingreifen und den Kindern beibringen, ihre Impulse zu kontrollieren. Es gibt nur sehr wenige Kinder, denen das nicht gelingt. Aber es gibt auch Kinder, die das nicht vermittelt bekommen. Eine Jugendbande entsteht, weil es einen selbst ernannten Leader gibt, und andere beschlossen haben, ihm zu folgen. Unsere Gesellschaft hat zudem mit einem – ich nenne ihn mal so – dritten Elternteil zu kämpfen, das auch in Jugendbanden zunehmend eine Rolle spielt: Internet. <BR /><BR /><b>Inwiefern?</b><BR />Dr. Arcangeli: Nehmen Sie als Beispiel die Vorfälle in der Silvesternacht in Mailand. Laut den Ermittlern haben sich die Täter über Soziale Netzwerke an einem bestimmten Treffpunkt verabredet. Sie haben die Vorfälle gefilmt und online gestellt. <BR /><BR /><b>Warum machen sie das? Sehen sie das in Computerspielen, in Filmen?</b><BR />Dr. Arcangeli: Die Sache ist viel einfacher: Die Jugendlichen haben eine Persönlichkeit oder einen You-Tuber, dem sie in den Netzwerken folgen. Und diese Person prahlt damit, was ihr gelungen ist – jeder kann ja heutzutage problemlos Filme ins Netz stellen und verbreiten, was er möchte. Und das machen die Jugendlichen nach – oft wissend, dass sie ohnehin keine Strafe zu erwarten haben. <BR /><BR /><embed id="dtext86-53066382_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Das ist der Grundsatz des Jugend-Strafgesetzes in Italien: Eine Chance geben, auf den richtigen Weg bringen. Ist das dann der falsche Weg?</b><BR />Dr. Arcangeli: Unter 14 Jahren sind die Jugendlichen ja nicht straffähig. Ab 14 gibt es Möglichkeiten, aber die Konsequenz folgt leider nicht unmittelbar auf die Handlung. Das hat nichts damit zu tun, dass nichts getan wird. In Zusammenarbeit mit den Behörden werden wir unmittelbar aktiv, allerdings nimmt es Zeit in Anspruch, die Hintergründe zu ergründen, es ist eine komplexe Teamarbeit zwischen Jugendgericht, Behörden, Sozialdiensten und Sanität. <BR /><BR /><b>Was ist dann die Lösung – elektronische Fußfesseln, wie es der langjährige Richter Edoardo Mori vorschlägt?</b><BR />Dr. Arcangeli: Ich habe keine juridische Ausbildung, ich kann nicht bewerten, ob das gesetzlich möglich ist. Sicherlich könnte es in ausgewählten Fällen eine Möglichkeit für die Gerichtsbarkeit sein. Das Wichtigste ist aus meiner Sicht aber: Jeder Vorfall muss gemeldet werden, so dass die Dinge dokumentiert werden können, ein Faszikel angelegt werden kann. Aufgrund der Meldungen können die Ordnungskräfte aktiv werden, können die Orte, wo sich Jugendbanden treffen und aufhalten, verstärkt im Blick halten und zudem auf dem aktuellen Stand bleiben, wer in dem Milieu unterwegs ist, wer Kontakte pflegt. <BR /><BR /><b>Hat Corona die Aggression der Jugendlichen gefördert, wird Fasching heuer gefährlich?</b><BR />Dr. Arcangeli: Ich fürchte es. Die Sicherheitskräfte haben das sicher auch schon auf dem Schirm. Der massive Alkoholkonsum ist ein großes Problem. In den letzten 10 Jahren ist es gewachsen. Es wird nicht getrunken, um Spaß zu haben, Ziel des Alkoholkonsums ist es, betrunken zu sein. Schon vor den Festen wird massiv Alkohol in sich hineingeschüttet. Die Folgen kennen wir ja. <h3> „Mit ihnen müssen wir streng sein“</h3><b>Landen die Mitglieder der Jugendbanden alle bei Ihnen?</b><BR />Dr. Arcangeli: Hier gibt es 2 Gruppen von Jugendlichen. Einerseits die Mitläufer, die in der Schule nicht auffällig sind und die noch nie bei den Sozialdiensten gemeldet wurden. Sie werden in der Regel von den Sozialdiensten betreut. Dann gibt es Jugendliche, die wir als Psychiatrische Dienste bereits kennen, weil sie schon Probleme haben. Mit ihnen müssen wir streng sein, nichts durchgehen lassen. Gewalt darf in der Schule und in der Gesellschaft nicht geduldet werden, Gewalt gehört nicht zu einem zivilen Leben. <BR /><BR /><b>Hilfe wirkt aber nur, wenn die Betroffenen und im Idealfall ihre Familie bereit ist, sie anzunehmen. Was passiert, wenn jemand nicht mitarbeiten will?</b><BR />Dr. Arcangeli: Wenn wir feststellen, dass die Eltern zur Zusammenarbeit nicht bereit sind oder aus den unterschiedlichsten Gründen nicht fähig sind, die Bedürfnisse ihrer Kinder zu erfüllen, kann das Jugendgericht die Jugendlichen in eine geschützte Gemeinschaft einweisen. Hier gibt es Heime für Jugendliche, die ausschließlich familiäre Probleme haben, dann gibt es Therapieeinrichtungen für Jugendliche, die auch psychiatrische Probleme haben. Sie werden vom Sanitätsdienst betreut. <BR /><BR /><b>Wie viele Jugendliche befinden sich in Therapieeinrichtungen, wie viele haben einen kriminellen Hintergrund?</b><BR />Dr. Arcangeli: Derzeit sind es über 70 Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren, einige auch außerhalb des Landes. Etwa 10 sind straffällig geworden. Die Projekte, in die sie eingebunden werden, dauern zwischen 6 Monate und 2 Jahre. <BR /><BR /><b>Können Sie denn alle gewalttätig oder straffällig gewordenen Jugendlichen retten?</b><BR />Dr. Arcangeli: Vor Jahren war ich optimistisch und hätte ja gesagt. Heute muss ich sagen: Nein, alle können wir nicht auffangen. Es kommt auf den Grund an, aus dem sie es wurden. Sind sie es vorsätzlich und aufgrund ihrer Erfahrungen und ihres Umfeldes, ist es ein schwieriges Unterfangen, oft unmöglich. <BR /><BR />