<b>Von Johanna Torggler</b><BR /><BR /><b>Am 31. August 2014 kam der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Atzwang, Alexander Mayr, bei einem Unwetter-Einsatz tragisch ums Leben. 10 Jahre später möchten Sie über dieses Ereignis sprechen. Was hat Sie dazu bewegt, gerade jetzt Ihre Erlebnisse und Gedanken mit uns zu teilen?</b><BR />Rettungskraft: Jeder Mensch geht auf seine eigene Weise mit schwierigen Erlebnissen um und verarbeitet das Geschehene. Meiner Meinung nach kann man erst dann sachlich über einen so tragischen Vorfall sprechen und das Erlebte schildern, wenn man wirklich einen Abschluss gefunden hat und die Emotionen nicht mehr so stark überwältigend sind. <BR /><BR /><b>Und das ist Ihnen jetzt, 10 Jahre später, gelungen?</b><BR />R: Ja, genau. 10 Jahre nach dem Vorfall habe ich das Gefühl, dass ich innerlich abgeschlossen habe. Die Erinnerungen und Bilder sind nach wie vor präsent und werden es immer bleiben, aber sie sind jetzt nicht mehr so emotional aufgeladen wie früher. <BR /><BR /><b>Wie ging es Ihnen vorgestern, am 10. Jahrtag der Todesmure von Atzwang?</b><BR />R: Am 10. Jahrtag des Murenabgangs von Atzwang verlief der Tag für mich zunächst wie jeder andere. Doch als ich auf dem Heimweg von Bozen war und genau an der Unglücksstelle vorbeikam, hielt ich kurz an, um das Geschehene noch einmal zu reflektieren. Es war ein intensiver Moment der Erinnerung. Ich bin dankbar, dass wir damals heil herausgekommen sind, doch der Jahrtag hat mir erneut bewusst gemacht, wie unvorhersehbar das Leben sein kann. Besonders als Rettungskraft ist man sich stets der Unsicherheit bewusst – man weiß nie, welche Herausforderungen als nächstes auf einen zukommen oder in welcher Situation man sich wiederfindet. Und auch der heftige Regen gestern Abend erinnerte stark an das verheerende Unwetter vor 10 Jahren. <BR /><BR /><b>Wie erinnern Sie sich an die Ereignisse dieses Abends aus Ihrer Perspektive als Rettungskraft? Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vor Ort waren?</b><BR />R: Sobald die Alarmierung einging, wussten wir, dass es sich um eine Personenrettung handelte. Was uns genau erwarten würde, konnte zu diesem Zeitpunkt jedoch niemand erahnen. Schon auf dem Weg zum Einsatzort hatte ich ein mulmiges Gefühl. Während der Fahrt erfuhren wir, dass es sich um Kommandant Alexander Mayr handelte, der unter einer Mure begraben war. Da stellt man sich unweigerlich das Schlimmste vor.<BR /><BR />Als wir vor Ort eintrafen, war die Lage eindeutig. Die Kameraden waren erschüttert und emotional am Ende – trotz des Adrenalins, das bei einem eigenen Mann unvermeidlich ist. Sie waren wirklich fertig. Unsere Aufgabe war es, die erschöpften Kameraden abzulösen und den leblosen Körper von Alexander Mayr zu bergen, der unter der Mure erstickt war.<BR /><BR />Der Bach hatte sich etwas beruhigt und das Wasser war zurückgegangen, aber die Gefahr weiterer Murenabgänge blieb bestehen. Wir mussten den Kommandanten aus dem Geröll befreien und dabei teilweise mit den Händen graben. Obwohl wir bereits erhebliche Fortschritte gemacht hatten, wurden wir aufgefordert, zurückzukehren, da die Lage zu gefährlich geworden war. Trotz mehrfacher Warnungen vor den Risiken, setzten wir unsere Arbeit fort.<BR /><BR />Als die Situation schließlich eskalierte, mussten wir auf drastische Maßnahmen zurückgreifen. Den leblosen Körper des Kommandanten Alexander Mayr konnten wir nur noch mit Hilfsmitteln aus dem Geröll ziehen. Diese Bilder sind bis heute unvergessen. <BR /><BR />Nachdem unsere Aufgabe abgeschlossen war und wir in Sicherheit waren, begannen wir, die Kameraden zu betreuen und ihnen beizustehen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1067736_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie haben Sie und Ihre Kollegen die emotionalen Belastungen während und nach dem Einsatz bewältigt?</b><BR />R: Während eines solchen Einsatzes funktioniert man einfach. Ich kann mich in Momenten wie diesen auf das Wesentliche konzentrieren und die notwendigen Schritte ausführen, ohne mich von den Emotionen ablenken zu lassen. <BR /><BR />Nach dem Einsatz haben wir als Rettungskräfte dann die Möglichkeit, mit der Einsatzseelsorge zu sprechen, um die emotionalen Belastungen besser zu bewältigen. <BR /><BR />Das sind definitiv Einsätze, bei denen uns Rettungskräften bewusst wird, wie schnell es gehen kann. <BR /><BR /><b>Wie waren die ersten Tage danach?</b><BR />R: Als ich gegen 2.30 Uhr morgens vom Einsatz nach Hause kam, habe ich sofort begonnen, über das Erlebte zu sprechen. Das Reden tat mir gut. In den folgenden Tagen dachte ich immer wieder über den tragischen Einsatz nach und tauschte mich auch mit anderen Einsatzkräften darüber aus.<BR /><BR />Der emotionalste Moment war sicherlich die Beerdigung von Alexander Mayr in Atzwang wenige Tage später. Das Sirenenheulen als letzten Gruß hat uns alle tief bewegt. Auch jetzt verspüre ich noch eine Gänsehaut, wenn ich an den bewegenden Abschied von Alex zurückdenke. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1067739_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie haben Sie nach diesem traumatischen Ereignis Ihre berufliche Zukunft als Rettungskraft gesehen? Hatten Sie Überlegungen, Ihren Dienst aufzugeben?</b><BR />R: Für mich war von Anfang an klar, dass ich meinen Weg als Rettungskraft fortsetzen möchte. Zwar gab es Momente, in denen ich ernsthaft darüber nachdachte, aufzuhören, doch die vielfältigen Erfahrungen, die ich sowohl beim Weißen Kreuz als auch bei der Feuerwehr mache, haben mir gezeigt, wie wertvoll dieser Dienst ist.<BR /><BR />Es gibt Einsätze, bei denen man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist und sieht, dass man einen Unterschied gemacht hat. Diese Erfahrungen motivieren mich immer wieder, weiterzumachen.<BR /><BR />Ein besonders eindrucksvoller Moment waren 2 Einsätze an einem Tag, welche mich von einem tödlichen Unfall direkt zu einer Geburt führten. Diese Ereignisse verdeutlichen, wie nah Leben und Tod beieinanderliegen. <BR /><BR /><BR /><b>Wie haben Sie sich nach diesem tragischen Ereignis gefühlt, als Sie zum ersten Mal wieder im Einsatz waren? Haben Sie damals eine Pause als Rettungskraft gebraucht?</b><BR />R: Ich habe mich entschieden, direkt weiterzumachen, da ich der Meinung bin, dass man das Geschehene dadurch am besten verarbeiten kann. Im Team und in der Gruppe war ich mit meinen Gefühlen nicht alleine, ich konnte mit meinen Kameraden über das Erlebte reden. <BR /><BR />An den ersten Einsatz nach dem Murenabgang in Atzwang kann ich mich sehr gut erinnern. Es handelte sich glücklicherweise um eine kleinere Aufgabe, eine Straßenreinigung. Niemand war in Gefahr. <BR /><BR /><BR /><b>Gab es in den letzten 10 Jahren Momente, in denen Sie das Erlebte in Ihrer Arbeit als Rettungskraft erneut konfrontiert hat?</b><BR />R: Nein, gottseidank nicht. Der Einsatz in Atzwang bleibt auf tragische Art und Weise einzigartig.<BR /><BR /><b><BR />Wie geht es Ihnen heute, wenn Sie an das Unglück zurückdenken?</b><BR />R: Jedes Mal, wenn ich am Unglücksort vorbeifahre, denke ich unweigerlich an das Geschehene. Das passiert ganz automatisch, und ich glaube, das ist das Mindeste, was ich Alex schuldig bin. Er ist als Retter gekommen und nicht mehr zurückgekehrt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1067742_image" /></div> <BR /><BR />Natürlich habe ich das Ereignis immer im Kopf. Es ist geschehen, und man kann es nicht rückgängig machen. Aber irgendwann kommt der Moment, an dem man lernen muss, loszulassen. Man soll es niemals vergessen, aber man muss einen Abschluss finden. Das hat seine Zeit gebraucht.<BR /><BR />In der Zwischenzeit habe ich an Hochwasser-Einsätzen teilgenommen, und der 31. August 2014 bleibt dabei immer ein prägender Gedanke im Hinterkopf.<BR /><BR /><b>Was hat Ihnen persönlich geholfen, mit diesem Trauma umzugehen?</b><BR />R: Mehrere Faktoren haben hier zusammengespielt: In erster Linie war der Verein entscheidend – wir sind ein Team, egal was passiert. Auf meine Kollegen kann ich mich immer verlassen. Außerdem haben mich die positiven Einsätze, die ich seither hatte, wieder motiviert.<BR /><BR />Das Reden über das Geschehene tat mir ebenfalls gut. Die Gruppengespräche in der Einsatznachsorge waren nicht nur im Moment hilfreich, sondern auch eine Bereicherung für mein Leben. Letztlich musste einfach genug Zeit vergehen, bis ich loslassen konnte und heute offen über das Erlebte sprechen kann.<BR /><BR />Ob man ein solches Ereignis jemals vollständig überwinden kann, ist fraglich. Gewisse Erlebnisse kann man zwar verarbeiten, doch sie bleiben unvergessen – und das sollten sie auch. Einige Bilder wird man nie vergessen … nie.<BR /><BR /><BR /><b>Inwiefern hat dieses Ereignis Ihr Leben und Ihre Arbeit bis heute geprägt?</b><BR />R: Das Ereignis hat mich vorsichtiger gemacht. Im Einsatz achten wir nun verstärkt auf das Gesamtumfeld. Wenn mir etwas zu gefährlich erscheint, unterlasse ich es.<BR /><BR />Würde ich heute wieder in einer vergleichbaren Situation wie vor 10 Jahren in Atzwang geraten, in der es zu riskant wurde, den Leichnam weiter zu bergen und wir sogar von anderen Einsatzkräften aufgefordert wurden, aufzuhören, wüsste ich jetzt, dass wir damals die richtige Entscheidung hätten treffen müssen, nämlich zurückzukehren.<BR /><BR />Es ist eine Sicherheitsmaßnahme, die beachtet werden muss. In solchen Momenten konzentriert man sich als Einsatzkraft nur auf das Geschehen. Durch den Adrenalinschub vergisst man leicht, was um einen herum passiert. Heute achten wir darauf sicherlich stärker.<BR /><BR /><b>Das heißt, Sie und ihre Kameraden haben auch Lehren aus diesem tragischen Ereignis gezogen, die heute noch Ihre Arbeit beeinflussen?</b><BR />R: Ja, die größte Lehre war, dass man als Einsatzkraft auf einem Schuttkegel nichts zu suchen hat. Oft neigt man dazu, sich direkt auf den Schuttkegel zu begeben, um die Mure aus der Nähe zu betrachten. Doch dieser Fehler kann fatale Folgen haben, wie der Vorfall in Atzwang deutlich gezeigt hat: Eine 2. Mure donnerte zu Tal und riss den Kommandanten Alexander Mayr mit sich.<BR /><BR />Heute kommen glücklicherweise immer häufiger Drohnen zum Einsatz. Diese ermöglichen es, den Unfallort aus sicherer Entfernung zu überwachen und potenzielle Gefahrenstellen zu identifizieren.<BR /><BR />Ich glaube jeder hat aus dieser Situation gelernt. Wichtig ist, dass man als Rettungskraft manchmal „STOP“ sagen muss – bis hierher und nicht weiter. Wir Einsatzkräfte müssen uns eingestehen, dass wir in gewissen Situationen machtlos sind. Die Natur ist unberechenbar. <BR /><BR /><b>Gibt es noch etwas, das Sie zum Abschluss teilen möchten?</b><BR />R: Ja, als Einsatzkräfte müssen wir uns stets bewusst machen, dass zu Hause Menschen auf uns warten, die mit uns mitfiebern und immer hoffen, dass wir sicher zurückkehren.