Und dafür findet der Oberst klare Worte – zu den Schlagzeilen um Jugendbanden und über den Zusammenhang zwischen Einwanderung und Kriminalität. <BR /><BR /><b>Jugendkriminalität war 2021 bei Ihrem Dienstantritt ein heißes Thema im Land – was hat sich in diesem Bereich seitdem getan? </b><BR />Oberst Raffaele Rivola: Die Prävention von Jugendkriminalität ist nach wie vor eine Priorität für die Carabinieri, immerhin geht es dabei um unsere Zukunft. Wir bleiben wachsam, allerdings zeigen unsere Analysen, dass es in Südtirol keine Jugendbanden gibt. Es handelt sich eher um nicht strukturierte Gruppen Jugendlicher, die es meist auf Gleichaltrige absehen. Dabei kann es zu Mobbing und sogar Diebstählen kommen. Die jungen Täter auszuforschen ist in der Regel kein Problem, zumal Opfer und Täter in den meisten Fällen einander kennen. <BR />Ich bleibe aber der Meinung, dass man zwischen Prävention auf 2 Ebenen betreibt: Während es beim Vorbeugen einer kriminellen Handlung bereits so weit ist, dass der Jugendliche sich schon dafür entschieden hat, eine Straftat zu begehen, versucht man mit dem Vorbeugen der Abweichung von der Norm noch einzugreifen, ehe dieser Gedanke reifen kann. So betreiben wir auch Prävention: Einerseits mit Kontrollen in Uniform und Zivilkleidung, mit oder ohne Drogenspürhunde. Das ist Kriminalitätsprävention, während wir mit unseren Informationsveranstaltungen an Schulen aller Schulstufen auch einen Beitrag zur Prävention der obengenannten Abweichung von der Norm leisten. <BR />Wir haben unsere Präsenz an Schulen verzehnfacht, allein heuer gab es rund 200 Treffen mit den Schülern. Wir haben die Zusammenarbeit mit dem Jugendgericht intensiviert. Diese Abweichungen zu erkennen ist aber nicht nur Aufgabe der Carabinieri – es ist ein sozialer Auftrag, an dem auch Familien und Schulen beteiligt sind. Die Zusammenarbeit mit den Schuldirektoren war noch nie so gut wie jetzt und sie haben gezeigt, dass ihnen eine Kultur der Legalität wichtig ist.<BR /><BR /><embed id="dtext86-62641864_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Ein weiteres heißes Thema, besonders vor den Landtagswahlen, ist Ausländerkriminalität. Werden tatsächlich mehr Fälle verzeichnet und sind es meist Wiederholungstäter? </b><BR />Rivola: Verallgemeinerungen sollte man vermeiden. Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen Ausländern und Kriminalität. Und es gibt auch keinen Trend in diese Richtung. Auch ist die Tatwiederholungsgefahr bei ausländischen Staatsbürger nicht größer als bei Kriminellen aus Italien. Was wir manchmal beobachtet haben, sind Gruppen von Ausländern, die sich nur kurzfristig in Italien aufhalten – um Einbrüche zu begehen. Diese kehren aber unmittelbar nach dem Verbrechen zurück in ihr Herkunftsland. <BR /><BR /><b> Apropos Einbrüche – wie sieht die Situation in Südtirol aus? </b><BR />Rivola: Es gibt einen leichten Anstieg von 0,25 Prozent zum Vorjahr. Gleichzeitig ist aber auch die Aufklärungsrate um rund 2 Prozent gestiegen. U. a., weil wir die Strategien der Einbrecher analysiert und die Präsenz der Streifen entsprechend organisiert haben, dadurch gelang es uns, sie auf frischer Tat zu ertappen und zu verhaften. Das ganze Land bleibt verlockend für Kriminelle. Darum muss man die richtigen Personen an den richtigen Orten haben. Wir haben zum Beispiel unsere Daten zu Tatorten und -zeitpunkt, Vorgehensweisen der Einbrecher und konnten so einschätzen, wo sie zuschlagen würden. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-62641866_quote" /><BR /><b><BR />Zu den Drogendelikten: Es wurden größere Mengen Rauschgift im Land sichergestellt – es handelt sich dabei nicht nur um Schmuggelware, die für andere Länder oder Regionen bestimmt ist...</b><BR />Rivola: Südtirol bleibt ein Durchzugsland für Drogenschmuggel. Allerdings stimmt es, dass hier auch viel Rauschgift konsumiert wird, genauso wie in anderen Regionen. Es ist aber auch wichtig darauf hinzuweisen, dass das Rauschgift oft zwischengelagert wird, um dann kleinere Mengen weiterzutransportieren und zu verkaufen. Was den Konsum im Land anbelangt, sind die Carabinieri immer dort, wo die Menschen nach Unterhaltung suchen und potenziell Drogen im Spiel sein könnten – zum Beispiel im Sommer im Bozner Lido, wo Carabinieri in Zivil einen Drogendealer dingfest machen konnten. Wir setzen aber auch auf die Zusammenarbeit der Bürger und Unternehmer – ich möchte daran erinnern, dass wir in gewissen Fällen nichts tun können, ohne dass es zuvor einen Hinweis aus der Bevölkerung gab. <BR /><BR /><b> Bürgernähe nehmen Sie wörtlich und setzen Ihre Beamten dort ein, wo es Bürger vermehrt hinzieht – je nach Jahreszeit. Hat es sich bewährt, in den letzten beiden Jahren den Pistendienst im Winter zu potenzieren und für den Sommer Carabinieri auf E-Bikes vorzusehen? </b><BR />Rivola: Die Tätigkeit in den Bergen ist ein zusätzlicher Dienst zu all dem, was dieselben Beamten im Tal weiterhin tun. Der Tourismus hat sich in den letzten Jahren stark verändert, früher stiegen wenige Menschen auf über 1800 Höhenmeter, wo nun auch Luxushotels vorzufinden sind. Das Gros der Freizeitaktivitäten findet nun dort statt. Wir schicken unsere Beamten nicht wegen einer Wanderung oder einer Tour dorthin. Es hat sich bereits gezeigt, dass die Präsenz positive Auswirkungen hatte: Seit Carabinieri-Radfahrer eingesetzt werden, liegt die Zahl der Unfälle mit Fahrrädern in den Bergen nahezu bei Null. Weil die Beamten die Urlauber auch für Gefahren sensibilisieren. Und auch bei Rettungseinsätzen spielen die Carabinieri auf E-Bikes und Skiern eine zentrale Rolle. Erstere konnten in einem Fall einem Touristen nach einem medizinischen Notfall sofort zu Hilfe eilen, während der Krankenwagen wegen einer gesperrten Straße einen langen Umweg fahren musste. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="975673_image" /></div> <BR /><BR /><b>Auch aus diesem Grund scheinen die Carabinieri immer enger mit dem Rettungswesen zu arbeiten... </b><BR />Rivola: Wir arbeiten eng mit dem Zivilschutz zusammen und mit den Freiwilligen Feuerwehren pflegen wir besonders enge Beziehungen – auch sie sind kapillar im ganzen Land verteilt und wir sind bei den meisten Einsätzen gemeinsam vor Ort. Mit dem Landesfeuerwehrpräsidenten Wolfram Gapp habe ich eine freundschaftliche Beziehung, den Einladungen zu den Übungen versuche ich stets, Folge zu leisten, da ich mich bestmöglich integrieren will in diesem Land, das ich innigst liebe. Darum ist es für mich wichtig, nicht nur Präsenz zu zeigen, sondern alle wissen zu lassen, dass ich wirklich für sie da bin. <BR /><BR />EIN BLICK IN DIE STATISTIK<h3> Handschellen klicken öfter als 2022</h3>Ein Prozent mehr Straftaten als 2022 meldeten die Carabinieri in den ersten 9 Monaten dieses Jahres in Südtirol. Ein nur kleiner Anstieg im Vergleich zu einer um 8 Prozent gestiegenen Aufklärungsrate und noch kleiner im Vergleich zur Zunahme an Verhaftungen (10 Prozent). Dass die Carabinieri vermehrt verhaften sei damit zu erklären, dass die Analyse der Tatorte und -zeitpunkte etwa im Falle von Einbrüchen die Strategie beim Einsetzen von Streifen maßgeblich beeinflusst hat, erklärt Landeskommandant Oberst Raffaele Rivola (siehe Interview oben). Dadurch könne man auch früh genug potenzielle „sensible Ziele“ überwachen – „im Sommer konnten wir eine Frau verhaften, weil wir sie auf frischer Tat ertappt haben. Sie hatte nämlich in einer Schule, in der Jugendliche ein Sommerprogramm besuchten, Wertgegenstände der Jugendlichen entwendet“, berichtet Rivola.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="975676_image" /></div> <BR /><h3> 20 Prozent mehr Drogendelikte</h3>Bis Ende September 2023 verzeichneten die Carabinieri in Südtirol einen Anstieg der Drogendelikte um 20 Prozent – „gleichzeitig ist aber auch die Aufklärungsrate um 18 Prozent gestiegen“, informiert Landeskommandant Oberst Raffaele Rivola. Die Präventionsarbeit sei ein grundlegender Bestandteil im Kampf gegen illegale Rauschmittel, so der Landeskommandant. „Allein heuer haben wir 200 Treffen mit Schülern aller Schulstufen organisiert, dabei geht es nicht nur darum, ihnen zu erklären, wie gefährlich Drogen sind. Vielmehr versuchen die Carabinieri ein Vertrauensverhältnis zu den Jugendlichen aufzubauen“, erklärt Rivola. „Dabei sind wir stets auf Schuldirektoren gestoßen, die die höchste Bereitschaft zur Zusammenarbeit gezeigt haben.“ Einige Schuldirektoren sollen die Carabinieri auch gezielt gebeten haben, Kontrollen mit Drogenspürhunden in und außerhalb der Schulen durchzuführen, heißt es abschließend. <h3> Täter in 6 von 10 Fällen einheimisch </h3> Das Phänomen der Gewalt gegen Frauen sei alarmierend, immerhin werde seit Einführung des Gesetzes gegen Gewalt an Frauen auch mehr angezeigt – 373 Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt suchten heuer bei den Südtiroler Carabinieri Hilfe, 2022 waren es 295 gewesen, „und die Aufklärungsrate ist um 34 Prozent gestiegen“, weiß Carabinieri-Landeskommandant, Oberst Raffaele Rivola. „Mit 80 Stationen im Land sind wir in 80 Prozent der Fälle die erste Anlaufstelle für Anzeigen“, sagt Rivola. Darum habe man auch mehrere „Marescialle“ mit der Hilfe der Staatsanwaltschaft eigens dafür ausgebildet, sich bestmöglich um Frauen, die Opfer von Gewalt werden, zu kümmern. 95 Prozent der Täter konnten heuer identifiziert werden. Nur 14 Prozent der Opfer waren männlich. Bei 49 Prozent der Anzeigen handelte es sich um Misshandlung in der Familie, bei 21 Prozent um Stalking. 6 von 10 Tätern waren italienische Staatsbürger. <BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />