<BR /><BR />So gut wie alle 450 Plätze im Bozner „Cristallo“-Theater waren am Mittwochabend gefüllt: Dort stellte nämlich Gino Cecchettin (56) sein Buch „Cara Giulia“ vor. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1096815_image" /></div> <BR /><BR />Der Titel des Buches enthält den Namen seiner Tochter: Die 22-Jährige Studentin der Biomedizintechnik aus Vigonovo (Provinz Venedig) war am 11. November 2023 von ihrem Ex-Freund Filippo Turetta entführt und getötet worden. <BR /><BR />Mit seinem Buch und der Gründung der Stiftung „Fondazione Giulia Cecchettin“ will der Vater seine geliebte Tochter aber nicht nur weiter- und aufleben lassen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1096818_image" /></div> <BR /><BR />„Es geht um den Weg, den ich beschritten habe“, und das bereits vor den Schicksalsschlägen, die ihm widerfuhren. Gino Cecchettin verlor nur ein Jahr vor der Ermordung seiner Tochter seine Frau Monica an einer unheilbaren Krankheit. <BR /><BR />„Wenn im Bett neben der Person liegst und ihre letzten Atemzüge hörst, wird dir klar, wie viel Zeit du damit verloren hast, zu streiten, Recht haben zu wollen und beleidigt zu sein“, beschrieb Cecchettin die letzten Stunden im Leben seiner Ehefrau.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1096821_image" /></div> <BR /><BR />Bereits vor der Erkrankung seiner treuen Monica hatte es in Cecchettins Kopf aber Klick gemacht: Er hatte begonnen, im Haushalt mitzuhelfen und war sehr überrascht, als seine Frau sich bei ihm bedankte. „Warum dankt sie mir eigentlich, wenn ich auch hier wohne und das eigentlich normal sein sollte?“ <BR /><BR />Damals wurde ihm schon klar, dass unter der Gewohnheit, als Mann von der Arbeit nach Hause zu kommen und es als selbstverständlich zu sehen, dass der Esstisch bereits gedeckt und die Mahlzeit zubereitet ist – das betreffe nicht nur den Mann, der mit dieser Denkweise aufgewachsen ist. <h3> Mit persönlicher Reflexion Dialog mit Gesellschaft initiiert</h3>„Auch einige Frauen sehen es als Selbstverständlichkeit an“ und bekräftigen damit überholte Modelle von Männlichkeit und Weiblichkeit, die am Anfang von Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen stehen. <BR /><BR />Nach der Ermordung seiner Tochter Giulia griff er diese Gedanken wieder auf – angeregt von Giulias Schwester Elena, die in einem Beitrag in den sozialen Medien auf die gesamtgesellschaftliche Verantwortung und ie nach wie vor dominierende patriarchale Struktur als Mitschuldige an Giulias Tod hinweist. <BR /><BR />„Ich habe die Definition des Wortes Patriarchat nachgeschlagen“, erzählte Gino Cecchettin am Mittwochabend in Bozen. Und plötzlich wurde ihm klar, dass mit Giulias Tod nicht alles vorbei war. <BR /><BR />Vielmehr war das der Beginn eines Dialogs mit der ganzen Gesellschaft – ausgehend von seiner persönlichen Reflexionen zu Leben, Trauer, Glück und dem Phänomen der Gewalt gegen Frauen, das „alle Bereiche der Gesellschaft durchdringt“. <h3> Glücklich sein bedeutet nicht, keine Schmerzen zu verspüren</h3>Also schrieb er ein Buch und gründete eine Stiftung – mit dem vorrangigen Ziel, die Menschen in all diesen Bereichen zu sensibilisieren und aufzuklären. <BR /><BR />Er selbst und die Selbstverständlichkeit, mit der er seine Rolle als Mann lebte, sei demnach das Produkt einer „defizitären Erziehung“, weshalb es in den Familien, aber auch außerhalb, einer stärkeren Bewusstwerdung brauche – um überholte Modelle von Männlichkeit und Weiblichkeit „abzuschütteln“. <BR /><BR />Gleichzeitig beinhaltet das Buch Cecchettins wichtige Botschaften, sowohl für Männer und Frauen, zum Thema Trauer und Glück. „Glücklich sein bedeutet nicht, dass man keine Schmerzen verspürt“: Das habe ihm seine Tochter Giulia gelehrt. <BR /><BR />„Ich habe mit meiner Frau einen Tanzkurs besucht, das war im Jahr 2020. Wegen der Pandemie konnten wir nur 10 Stunden nehmen, dann ist sie erkrankt. Nach ihrem Tod wollte ich nicht mehr tanzen, selbst dann, wenn es mir unser ehemaliger Tanzlehrer vorschlug. <BR /><BR />Ich dachte, es sei angebracht, nach dem Tod meiner Frau mindestens ein Jahr lang nichts zu tun, was mit Freude in Verbindung gebracht werden kann“, erzählte Cecchettin. <BR /><BR />Giulia habe den Anruf mit dem Tanzlehrer mitgehört, sei dann zu ihrem Vater gegangen und habe gesagt: „Papa, warum gehst du nicht tanzen? Ich weiß, dass du Lust hast, zu tanzen. Und ich weiß, dass es dich glücklich macht. Damit machst du auch uns glücklich.“<BR /><h3> „Habe kein Recht, über Filippos Eltern zu urteilen“</h3>Weiters bedinge der Schmerz nicht zwingend Hass. Das verdeutlichte Cecchettin mit seiner Antwort auf eine Frage aus dem Publikum. Eine Frau betonte, dass die Eltern des Mörders von Giulia Cecchettin, Filippo Turetta, ihren Beitrag dazu geleistet hätten, dass aus ihrem Sohn ein Täter wurde. <BR /><BR />„Ich habe kein Recht, über Eltern zu urteilen – auch nicht über Filippos Eltern“, sagte Gino Cecchettin und wiederholte damit eine wichtige Voraussetzung, mit der er die tiefgreifende Veränderung in der Gesellschaft bewirken will: Alle, Männer wie Frauen, müssen die Augen öffnen und erkennen, wo die Ursprünge der Ungleichbehandlung liegen – und sie mit einem gemeinsamen Kraftakt im Keim ersticken.