<BR /> Angehörige dürften nicht nur als „Mitbetroffene“ gesehen werden, sagt dazu Paolo Belletati, Psychologe und Psychotherapeut. Er arbeitet seit fast 20 Jahren im Ambulatorium HANDS und beschäftigt sich dort vor allem mit Abhängigkeitserkrankungen, insbesondere mit Glücksspiel. Aus seiner langjährigen Erfahrung weiß er, dass Angehörige oft selbst Opfer der Suchtspirale sind und gezielte Unterstützung brauchen. Studien besagen, dass bei jeder Person mit problematischem Spielverhalten sieben bis zehn weitere Menschen betroffen sind. <BR /><BR />Die Folgen seien oft massiv, sagt der Psychotherapeut von HANDS. Menschen mit Glücksspielproblemen entwickeln häufig Angststörungen, Depressionen, Schlafprobleme und soziale Isolation. Gleichzeitig beginnt sich das gesamte Leben immer stärker um das Glücksspiel zu drehen. Arbeit, Partnerschaft, Familie und soziale Kontakte würden zunehmend vernachlässigt, sagt Paolo Belletati: „Viele Angehörige leben in einem dauerhaften Alarmzustand. Sie kontrollieren Kontobewegungen, versuchen, Schulden zu verstecken, suchen nach Erklärungen für Lügen und hoffen gleichzeitig ständig auf Veränderung“, sagt der Psychologe. „Dabei geraten viele selbst an ihre psychischen und körperlichen Grenzen.“<h3> Keine Charakterschwäche, sondern Erkrankung</h3>Besonders belastend sei die Situation für Kinder. Sie würden Spannungen, Streit und finanzielle Unsicherheit sehr früh wahrnehmen, auch wenn in der Familie kaum offen darüber gesprochen wird. „Kinder spüren sofort, wenn zu Hause etwas nicht stimmt. Sie erleben Nervosität, Konflikte, emotionale Abwesenheit und oft auch Angst vor dem Verlust der Familie oder der finanziellen Sicherheit“, erklärt Belletati. „Manche übernehmen Verantwortung, die niemals auf den Schultern eines Kindes liegen dürfte.“<BR /><BR />Neben emotionalen Belastungen kommt es häufig zu wirtschaftlichen Problemen. Nicht bezahlte Rechnungen, Schulden, Kredite oder verschwundene Ersparnisse gehören zu den typischen Folgen. Gleichzeitig verhindern Scham und gesellschaftliche Vorurteile oft, dass Betroffene oder Angehörige frühzeitig Hilfe suchen. Belletati betont daher, dass Glücksspielabhängigkeit keine Charakterschwäche sei. <BR /><BR />Es handle sich um eine ernst zu nehmende Suchterkrankung: „Je früher Warnsignale erkannt werden, desto größer sind die Chancen, gegenzusteuern. Angehörige brauchen Informationen, konkrete Unterstützung und vor allem Räume, in denen sie ernst genommen werden.“