Dienstag, 18. Mai 2021

Große Abwasseruntersuchung: Kokain im Südtiroler Kanal

Die Bozner konsumieren weniger Alkohol, Nikotin, Cannabis, Amphetamin und MDMA als die Innsbrucker, aber gleich viel Kokain: Das weiß man aus Untersuchungen von Abwässern. Die Medizinische Universität Innsbruck beteiligt sich am jährlichen europaweiten Abwassermonitoring und nimmt auch eine Südtiroler Kläranlage unter die Lupe.

Die Untersuchung zeigt: Kokain ist derzeit die umsatzstärkste Droge unter den Stimulanzien.
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Die Untersuchung zeigt: Kokain ist derzeit die umsatzstärkste Droge unter den Stimulanzien. - Foto: © shutterstock
2020 wurden europaweit die Abwässer von 114 Kläranlagen in 99 Städten bzw. Regionen analysiert, darunter auch jene von 9 österreichischen und einer Südtiroler Kläranlage. Die Untersuchung lässt Rückschlüsse auf den Drogenkonsum von fast einer Million Menschen bzw. 30 Prozent der Südtiroler Bevölkerung, 42 Prozent der Tiroler, 9 Prozent der österreichischen, 27 Prozent der Steirischen, 8 Prozent der Vorarlberger und ein Prozent der Niederösterreichischen zu. Für die jährliche SCORE-Studie wurden 2020 über einen Zeitraum von einer Woche täglich Proben vom Zufluss der Kläranlagen entnommen.

Die Analyse am forensisch-toxikolohischen Labor unter der Leitung des Chemikers Herbert Oberacher ergab, dass der Pro-Kopf-Konsum an Alkohol und Nikotin innerhalb Österreichs relativ einheitlich ist. Bei den verbotenen Drogen bietet sich ein weniger homogenes Bild: In allen Regionen war Cannabis die dominierende Droge, wobei der THC-Konsum im urbanen Raum höher zu sein scheint als in ländlichen Gegenden. Unter den Stimulanzien ist Kokain die umsatzstärkste Droge.



Ein Vergleich von Süd- und Nordtirol lässt sich anhand der Daten aus den Landeshauptstädten darstellen: In Bozen war der Pro-Kopf-Verbrauch von Alkohol, Nikotin, Cannabis, Amphetamin und MDMA geringer als in Innsbruck, jener von Kokain war auf demselben Niveau.

In Westösterreich wird Kokain pro Kopf in größeren Mengen genutzt als in Ostösterreich; den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Kokain verzeichnet Kufstein. Auch beim Ectasy-Konsum nimmt die Region Kufstein den Spitzenwert ein. Die größten Pro-Kopf-Konsummengen der Wirkstoffe Amphetamin (Speed) und Metamphetamin (Crystal Meth) ließen sich in Ostösterreich, speziell in Graz, beobachten.

Innsbrucker Studie: Lockdown reduzierte Wochenend-Konsum

Für 9 untersuchte Regionen lässt sich aus den Mess-Serien der Jahre 2019 und 2020 auch ein zeitlicher Vergleich herstellen und so auch die Wirkung behördlicher Maßnahmen im Zuge der Covid-19-Pandemie auf das Konsumverhalten erkennen. So wurden 2020 geringere Mengen an Alkohol und Nikotin konsumiert als 2019, was auf die zum Zeitpunkt der Probennahme in Kraft befindlichen Regelungen für Veranstaltungen und Gastronomie (z.B. frühere Sperrstunde) zurückführbar ist. „Auch wenn es regionale Unterschiede gibt, legen unsere Ergebnisse nahe, dass es zu Rückgängen beim Wochenendkonsum von Partydrogen, insbesondere Alkohol und MDMA gekommen ist. Eine weitere Auffälligkeit war die Zunahme des Konsums von Methamphetamin (Crystal Meth) in manchen Regionen. Diese Entwicklung sollte im Sinne frühzeitiger Präventionsmaßnahmen im Auge behalten werden“, so Oberacher.

Für eine eingehende Untersuchung der Effekte von Quarantänemaßnahmen auf den legalen und illegalen Drogenkonsum hat das Team der Innsbrucker Gerichtsmedizin das Abwasser der Tiroler Landeshauptstadt monitoriert. Dazu wurden zwischen dem 12. März 2020 und dem 15. April 2020 an 35 Tagen Abwasserproben genommen und die Rückstände von 23 Markern analysiert. Als Referenz dienten die zwischen März 2016 und Januar 2020 ermittelten Abwasserdaten.

Südtirol im internationalen Mittelfeld

„Wir konnten sehen, dass die gesperrte Gastronomie und der Wegfall von Veranstaltungen vor allem an Wochenenden zu einer Abnahme des Konsums von Partydrogen, inklusive Alkohol, führten. Auch bei Medikamenten wie Erkältungsprodukten oder Schmerzmitteln war der Konsum rückläufig – eine Entwicklung, die mit den Verkaufsrückgängen in Apotheken und der verringerten Anzahl an Arztbesuchen während der Quarantäne korreliert“, stellt Oberacher fest.

Im Vergleich mit den Abwasserdaten der anderen europäischen Regionen und Städte liegen Österreich und Südtirol bei allen analysierten Substanzen im internationalen Mittelfeld.



stol