Montag, 29. Juni 2020

„Habe den Bären wie einen Hund behandelt“

Über eine filmreife Begegnung mit einem Bären erzählt H. E. im Exklusiv-Interview mit dem Tagblatt „Dolomiten“.

Der Prissianer filmte den Bären. - Foto: © Privat
Am Dienstagmorgen raschelte es bei einer Wanderung des 57-Jährigen plötzlich im Gebüsch – und wenige Sekunden später trat Meister Petz hervor und verfolgte den mutigen Prissianer etwa 2 Minuten lang. Trotz der großen Gefahr blieb der Wanderer ruhig und filmte dieses Erlebnis sogar.

„Dolomiten“: Herr H. E., hat Sie dieser Bär in Südtirol verfolgt?

H. E.: Nein! Ich weiß auch nicht, wer dieses Gerücht in die Welt gesetzt hat. Ich war zu Fuß auf einem Fernwanderweg, dem Sentiero Frassati, zwischen Spormaggiore und Andalo im Trentino unterwegs, als es unterhalb von Cavedago zu dieser Begegnung mit einem Bären kam, die ich sicher niemals vergessen werde.

„D“: Wie kommt ein Prissianer zu Fuß dorthin?

H. E.: Das ist ganz einfach! Am Herz-Jesu-Sonntag bin ich hier in Prissian alleine gestartet, um über den Gampenpass, den Nonsberg, Spormaggiore, Andalo, Molveno und Ponte Arche bis nach Riva am Gardasee zu wandern. Entlang des Weges habe ich immer in Gastbetrieben übernachtet – und am Mittwoch war ich gegen 14 Uhr am Ziel. Am Dienstagfrüh hat mir mein Sohn per WhatsApp den „Dolomiten“-Beitrag über den Bärenangriff auf 2 Wanderer am Monte Peller in der Brentagruppe im Trentino geschickt (siehe untenstehenden Bericht; Anm. d. Red.). Wenig später schickte mir dann einer meiner Brüder eine Sprachnachricht mit den Radionachrichten zu dem Thema. Ich dachte mir aber nichts dabei und bin seelenruhig weitergewandert; Angst hatte ich keine.

„D“: Wie ging es dann weiter?


H. E.: Am Dienstagmorgen kam ich unterhalb von Spormaggiore zu einer Kreuzung, von der es in 2 Richtungen nach Andalo geht. Ich entschied mich für den Weg auf der linken Seite und ging dann über einen Bach. Dann kam ich zu einem größeren Schild, das auf das Vorkommen von Bären hinweist. Ich schoss ein Foto von der Tafel (siehe unten; Anm. d. Red.), las mir den Text darauf aber nicht durch. Anschließend wanderte ich unterhalb von Cavedago auf dem Sentiero Frassati weiter und nach 15 bis 20 Minuten – so ziemlich genau um 8.30 Uhr – hörte ich links vor mir auf einer Böschung ein Rascheln im Gebüsch. Ich wusste, dass nicht ein Vogel dafür verantwortlich sein konnte, weil Äste brachen. Ich dachte mir, dass es ein Bauer sein könnte – oder auch ein Bär.

„D“: Und dann stand plötzlich Meister Petz vor Ihnen?

H. E.: Da ich mein Handy schon in der Hand hatte, aktivierte ich die Videofunktion. Und dann kam er schon von der Böschung auf den Weg – und er fing an zu laufen. Ich kenne mich bei Bären nicht unbedingt aus, aber es dürfte ein eher jüngeres Tier gewesen sein. Ich bin dann wieder den Weg zurückgegangen, bin aber nicht gelaufen, und er ging hinterher und kam mir dann auch näher als 5 Meter. Im Video schaut es zwar danach aus, als wäre ich schneller geworden, aber dass scheint nur so, weil ich mich umdrehen musste, um diese Begegnung mit dem Handy zu filmen. Todesangst hatte ich keine, weil der Bär eigentlich nicht aggressiv auf mich wirkte, aber natürlich gingen mir 1000 Sachen durch den Kopf, ob ich einen Apfel oder eine Banane aus meinem Rucksack holen sollte, um diese dem Raubtier hinzuwerfen, damit es vielleicht abhaut, oder ob ich versuchen sollte, das Tier mit Aggressivität zu verscheuchen. Ich habe mich dann aber entschieden, den Bären wie einen Hund zu behandeln, ihn zu loben und zu beruhigen.

Ein großes Problem war, dass ich während der Verfolgung ein steiles Stück des bereits zurückgelegten Weges wieder zurückging: Deshalb erklomm ich links die Böschung, ging ein, 2 Meter weiter und stieg dann wieder hinunter – und der Bär folgte mir. Ich war dann wieder auf dem Weg, stand aber aufwärts – und er war hinter mir. Schließlich ging er mir noch einige Schritte nach. Und nachdem ich „Geah“ gesagt hatte, blieb der Bär stehen. Er schaute mir nach, verfolgte mich aber nicht mehr. Ich wanderte weiter und kurz darauf sah ich ihn nicht mehr. Der Bär war etwa 2 Minuten lang hinter mir her; es fühlte sich aber wie eine Ewigkeit an.

„D“: Haben Sie dann nicht daran gedacht, Ihre Tour abzubrechen?

H. E.: Nein, obwohl oft über Stunden weit und breit keine Menschenseele anzutreffen war. Und es gab auch Gebiete, in denen ich keinen Empfang mit dem Handy hatte. Etwa eine Viertelstunde nach meiner Begegnung mit dem Bären habe ich das Video meinem Sohn per WhatsApp geschickt. Auch anderen Personen leitete ich es weiter, die es dann an Bekannte verschickten. Und so landete es ungewollt in den sozialen Medien. Dass dieses Video so viele Menschen anschauen und alle Medien darüber berichten, wundert mich schon sehr.

„D“: Sie haben die Forstbehörde über dieses Ereignis informiert?


H. E.: Ja! Ich hatte das Foto von dem Schild meinem Sohn geschickt. Auf der Tafel stand eine Handynummer der Forstbehörde im Trentino, über die man Bärenbegegnungen melden soll. Gegen Mittag fragte er per WhatsApp nach, ob ich mich denn gemeldet habe. Ich rief die Forstbehörde an und wurde gefragt, wie die Begegnung war: Wo ich den Bären gesehen habe, wie mein und sein Verhalten war, wie lange dieses Zusammentreffen dauerte und wie alt das Tier gewesen ist. Mir wurde gesagt, dass junge Bären nicht so gefährlich sind und eher wenig sehen, weshalb sie sich dann den Menschen nähern. Der Bär dürfte anfangs nur meine Konturen gesehen haben.

„D“: Wie sagen Sie persönlich zum Großraubwild? Gehört es in unser besiedeltes Land?

H. E.: Lieber wäre mir natürlich, wenn es kein Großraubwild im Land gäbe, weil wir einfach zu dicht besiedelt sind. Man hat mit der Wiederansiedelung des Bären einen Fehler gemacht, den man auch zugeben sollte. So wie das Hirsch-, Reh- und Gamswild sollte auch der Bären- und Wolfsbestand reguliert werden, weil beide Großraubtiere nicht vom Aussterben bedroht sind. Es gibt Leute, die Angst haben, nach Südtirol zu kommen, weil es hier eben Großraubwild gibt. So habe ich es in den Kommentaren zu meinem Video jedenfalls gelesen. Und das ist negativ für den Tourismus. Eine Rumänin, die schon lange in Südtirol lebt, hat mir erzählt, dass sich bei ihr daheim aufgrund der vielen Bären niemand mehr alleine in die Wälder traut. Man geht nur mehr in Gruppen oder nimmt gleich eine Waffe mit. Sie hat auch zahlreiche von Bären schwer verletzte Menschen gesehen.

Interview: Florian Mair


fm