<b>Von Andreas Vieider</b><BR /><BR />Alex Schwazer gehört zu den herausragendsten Sportlern, die Südtirol je hervorgebracht hat. Der Geher-Olympiasieger von 2008 in Peking sorgte auch abseits der Rennstrecken für Aufsehen. Zuerst die Doping-Affäre vor Olympia 2012, dann der langjährige Rechtsstreit wegen des Verdachts auf Sportbetrug, wo es um manipulierte Urinproben ging, die Schwazer erneut Doping unterstellen sollten.<BR /><BR />Bei der TV-Sendung „Tom's Kellershow“ auf RAI Südtirol wurde Alex Schwazer gefragt, was er von Mentaltraining im Spitzensport halte. Seine Antwort war: „Nichts, absolut null.“<BR /><BR />Obwohl es sich um die persönliche Meinung Schwazers handelte, nötigte diese Aussage dem Netzwerk für Sportpsychologie und Mentaltraining unter dem Titel „Da irrst du dich, Alex!“ eine Stellungnahme ab. Das wiederum will Alex Schwazer nicht so stehen lassen. Mit STOL sprach der 40-Jährige über...<BR /><BR /><b>...den „Irrtum“ seines Sagers, was er von Mentaltraining im Spitzensport halte:</b> „Zuerst einmal antworte ich selten bis nie auf derartige Statements. Zumal ich als Mensch ein Recht auf eine persönliche Meinung habe und zu der ich stehe. Zudem muss ich sagen, dass ich in meiner langen Karriere die verschiedensten Sportpsychologen an meiner Seite hatte. In der Theorie schaut diese Hilfe immer super aus. Bei mir persönlich ist von dieser Hilfe jedoch nichts hängen geblieben, was mich weitergebracht hätte.“<BR /><BR /><b>...was sehr wohl hängen blieb:</b> „Ich habe mir die Fähigkeit zur Selbstregulierung, mit Druck umgehen, den Stress aushalten und dergleichen – all das habe ich mir selbst angeeignet. Das konnte mir kein einziger Sportpsychologe zeigen. Der Fakt ist einfach der, dass man als solcher zu weit weg ist vom Tagesgeschäft im Training, das ein Top-Athlet leisten muss. Ganz anders ist die Situation bei einem Trainer, der einen Athleten jeden Tag begleitet.“ <BR /><BR /><b>...Beispiele aus der Vergangenheit:</b> „Bei Olympia in Peking 2008 wollte der Verband, dass wir mit Sportpsychologen zusammenarbeiten. Ich hatte eine Psychologin an meiner Seite, sie wollte mit mir die Wettkampfstrecke abgehen. Ich sagte damals zu der Frau: Hören Sie, ich muss die 2000 Meter lange Strecke beim olympischen Wettkampf 25 Mal abgehen. Die habe ich nach dem zweiten Mal blind im Kopf.“<BR /><BR /><b>...die zweifellos gut gemeinten Vorschläge des Netzwerkes für Sportpsychologie und Mentaltraining:</b> „Ich kenne viele Sportpsychologen. Aber das, was die meisten immer wieder vorschlagen, habe ich durch andere Personen kennen und schätzen gelernt. Ich hatte Trainer, Teamkollegen, Freunde, die Familie, auch Konkurrenten an meiner Seite – ich habe mich mit denen top verstanden und ein intensives Vertrauensverhältnis aufgebaut. Mit Sportpsychologen so vertraut zu sein, ist mir nie gelungen.“<BR /><BR /><b>...über seine Krankheit Depression:</b> „Ich bin im Laufe meiner Karriere an Depression erkrankt. Das hat damals meine Hausärztin verstanden, auch der Teamarzt der FIDAL, der mich lediglich zweimal untersuchte. Der Sportpsychologe, bei dem ich damals auch war, kam nicht drauf. Wenn es damals richtig funktioniert hätte, wäre mir ein langer Leidensweg erspart geblieben. Niemand sagte mir, mach mal ein Jahr Pause. Mir hat damals Psychiater Dr. Josef Schwitzer extrem geholfen.“<BR /><BR /><b>...die Wichtigkeit der psychologischen Betreuung im Sport:</b> „Mentale Stärke heißt nicht zwingend, dass ein Sportler nur dann Erfolg hat, wenn er mit Sportpsychologen zusammen arbeitet. Ich kenne ganz viele Athleten, die keinen haben. Heute haben viele junge Sportler Angst, Fehler zu machen. Im Zeitalter der sozialen Netzwerke ist es ein Muss, sich von der besten, schönsten und erfolgreichsten Seite zu zeigen und das zu posten. Dabei sollen junge Menschen Fehler machen können. Hinfallen, wieder aufstehen und neu angreifen – in meinen Augen wenn möglichst ohne zig Hilfestellungen. Fehler machen ist kein Weltuntergang. Man darf den jungen Leuten keine falschen Illusionen machen. Wenn ich in der Aussendung lese, dass all jene, welche unter hohem Leistungsdruck stehen, nicht darauf vertrauen können, von sich aus mental bereit zu sein, dann bricht man ein extrem individuelles Thema auf die Allgemeinheit herunter und mindert von vorneherein das Potenzial einer Person, welche ich überhaupt nicht kenne und bezweifle, dass diese alleine nicht die nötige mentale Stärke hat, eine schwierige Situation zu meistern.“<BR /><BR /><b>...der richtige und dosierte Einsatz von Sportpsychologie:</b> „Sportpsychologie ist für viele Athleten sicher super, sie hat sich in den vergangenen Jahren extrem entwickelt. Aber es kann nicht sein, dass es ohne nicht geht, dass sogar ein 15-Jähriger nicht ohne auskommt. Nochmal: Junge Athleten sollen sich alles zutrauen dürfen, sie sollen keine Angst haben vor Fehlern. Mir haben meine zweifellos vielen Fehler 100 Mal mehr geholfen als jedes Rennen, das ich gewonnen habe.“<BR /><BR /><b>...der Rat an junge Sportler:</b> „Es steht mir nicht zu, zu sagen, was richtig und was falsch ist. Ich kann nur wiederholen, dass ich zu meiner getätigten Aussage stehe. Das kann ich mir erlauben, weil ich es selbst so erlebt habe. Ich war mein ganzes Leben auf der Straße und habe gelernt, mir selbst zu helfen. Was ich weitergeben will, ist, dass junge Menschen wissen sollen, dass wenn es mal nicht nach Wunsch funktioniert, auch über einen längeren Zeitraum, dass dann auch Freunde, Trainer oder die Familie ganz wichtige Ansprechpartner sein sollen – wenn nicht die wichtigsten. Und zum Abschluss: Diese Thematik hat mein ganzes Leben entscheidend mitbestimmt. In dieser Sache irre ich mich nicht. Ich habe sehr viel durch- und mitgemacht. Ich weiß, wovon ich rede.“