“Seit einiger Zeit stagniert die Weiterentwicklung dieses wichtigen Bereichs der Sozialdienste. Neuanfragen nach Wohnplätzen kann kaum mehr nachgekommen werden, sodass es unseres Wissens in allen Bezirksgemeinschaften Wartelisten gibt”, so der Verein Lebenshilfe in einer Aussendung. Der Bedarf an Wohnplätzen ergebe sich einerseits durch die steigende Lebenserwartung der Menschen mit Beeinträchtigung. Älter werdende Eltern seien in zunehmendem Maß nicht mehr imstande, für ihre Töchter und Söhne zu sorgen. Es gebe viele junge Menschen mit Beeinträchtigung im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, die unabhängig von ihrer Herkunftsfamilie ein eigenständiges Leben aufbauen wollen. Das Land hat kürzlich einige Maßnahmen beschlossen, die aus Sicht der Lebenshilfe nicht ausreichen, um das Wohnproblem für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung zu beheben. Im „Fachplan Behinderungen“ ist vorgesehen, dass südtirolweit weitere 20 Plätze in Wohneinrichtungen zur Verfügung gestellt werden. “Das ist angesichts der bestehenden und der zu erwartenden Anfragen viel zu wenig”, betont der Verein. Die 2011 beschlossene sozialpädagogische Wohnbegleitung sei als vorbereitendes Training für selbständiges Wohnen geeignet, decke aber nicht den Assistenzbedarf ab, die Menschen mit Beeinträchtigung benötigten, wenn sie dann selbständig wohnen. Die Vergabe der finanziellen Leistung „Selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Teilhabe“, mit der man Wohnassistenz „einkaufen“ könne, richte sich ausschließlich an körperlich beeinträchtigte Personen, obwohl kognitiv beeinträchtigte Personen denselben Bedarf an Assistenz hätten. Auch die Zuwendungen der Pflegesicherung reichten nicht aus, um Wohnassistenz zu bezahlen. “Kognitiv beeinträchtigte Menschen brauchen in erster Linie nicht Pflege, sondern eine auf die individuelle Situation abgestimmte sozialpädagogische Wohnassistenz.” "Sorge bei alten Menschen"Ein weiteres wichtiges Thema in diesem Zusammenhang seien alte Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, die in den Wohneinrichtungen der Sozialdienste leben. “Hier beobachten wir mit Sorge Tendenzen, diese Menschen unabhängig von ihrer individuellen Situation in Seniorenwohnheime zu überführen. Jeder von uns möchte aber in seiner gewohnten Umgebung alt werden dürfen. Dieses Recht muss auch Menschen mit Beeinträchtigung zugestanden werden”, betont die Lebenshilfe.Um dem steigenden Bedarf an Wohnassistenz nachkommen zu können, schlägt sie vor, für die Betroffenen und ihre Familien eine Wohnberatung und Wohnbegleitung anzubieten. “Dieser Dienst hätte die Aufgabe, mit den Instrumenten des Personenzentrierten Arbeitens die individuelle Situation zu erheben und im Netzwerk Lösungen aufzubauen. Dabei kann der Dienst organisatorische Hilfestellungen geben und bei Bedarf bestimmte Aufgaben - Organisation der Assistenz, Anmietung von Wohnungen - übernehmen.” Auf diesem Weg sei es wahrscheinlich möglich, kostengünstigere Lösungen für das Wohnproblem zu finden, als über die traditionelle Finanzierung von weiteren Wohnplätzen in Einrichtungen der öffentlichen Hand. Es sei aber klar, dass ein Teil der Assistenzkosten immer von der öffentlichen Hand finanziert werden müsse. “Auf diese und auf andere Anliegen bekommt man heute von den Bezirksgemeinschaften und von der Landespolitik die Antwort, dass kein Geld vorhanden sei. Wenn man Menschen, die öffentliche Solidarität brauchen, auf Wartelisten setzt, wenn man ihre Probleme vor sich herschiebt und sie nicht aufgreifen will, dann versagt das politische System. Solange die Landespolitik nicht bereit ist, mit den Sozialverbänden die Sozialpolitik und den finanziellen Bedarf dafür jährlich abzustimmen, sind fehlende finanzielle Mittel als Begründung nicht akzeptabel, ganz abgesehen davon, dass auch im sozialen Bereich schleichende Einsparungen stattfinden”, unterstreicht die Lebenshilfe.An die Stelle der Verordnungspolitik von oben müsse die Sozialpartnerschaft als Mitbestimmungsmöglichkeit der Zivilgesellschaft treten. “Solange wir fast täglich vernehmen, wie viel Geld für fragwürdige Projekte vorhanden ist und vorhanden wäre, können wir es nicht hinnehmen, dass soziale Projekte auf der Strecke bleiben. Hier muss ehestens ein Umdenken erfolgen, damit die soziale Gerechtigkeit den Gruppenegoismus als Grundlage der Politik ablösen kann”, heißt es abschließend.