Dienstag, 11. August 2020

Südtiroler in Beirut: „Das Haus hat gewackelt, die Fenster zerbarsten“

Montag, 14 Uhr, geschäftiges Treiben in den Straßen von Beirut. Viele Freiwillige sind unterwegs, um Freunden, Bekannten und Nachbarn beim Aufräumen nach der verheerenden Explosion vom vergangenen Dienstag beizustehen. Einer von ihnen ist Dietmar Überbacher aus Raas, der seit 2012 für die italienische Agentur für Entwicklungszusammenarbeit im Libanon arbeitet und im Interview mit dem Tagblatt „Dolomiten“ gesprochen hat.

Himmel über Beirut: Der Südtiroler Dietmar Überbacher arbeitet für die italienische Agentur für Entwicklungszusammenarbeit im Libanon.
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Himmel über Beirut: Der Südtiroler Dietmar Überbacher arbeitet für die italienische Agentur für Entwicklungszusammenarbeit im Libanon. - Foto: © d
„Dolomiten“: Wo befinden Sie sich zur Zeit?

Dietmar Überbacher: Meine Frau und ich fahren gerade durch die Stadt, wir sind auf dem Weg zu Freunden, um ihnen beim Aufräumen zur Hand zu gehen. Uns wurde auch geholfen, nachdem unsere Wohnung durch die Explosion so stark beschädigt worden ist. Hier sind gerade viele Leute unterwegs, auch viele Freiwillige, alle arbeiten zusammen.

„D“: Wie sieht es in Ihrer Wohnung jetzt aus?

Überbacher: Wir können noch nicht in die Wohnung zurück. Fürs erste haben wir einmal das Gröbste beseitigt, die vielen Scherben und so. Auch waren in den vergangenen Tagen Vertreter von Firmen da, wegen Kostenvoranschlägen für die kaputten Fenster und Türen.

D“: Wo waren Sie, als das Ammoniumnitrat explodierte?

Überbacher: Es war kurz nach 18 Uhr und eigentlich Zufall, dass wir uns alle im gleichen Raum aufhielten. Meine Frau und ich waren im Kinderzimmer und spielten mit den Kindern. Auf einmal gab es einen großen Knall, aber keine Vibration. Es klang, als käme es von relativ weit weg. Niemand von uns hat ein Wort gesagt.

Meine Frau wollte gerade aus dem Zimmer gehen, um zu schauen, was los ist, da wurde das Geräusch immer lauter – bis zu einem großen zweiten Knall. Das Gebäude hat gewackelt, alle Fenster zerbarsten. Unsere Wohnung liegt rund 2 Kilometer von Hafen entfernt, und es gibt wohl kaum ein Gebäude in unserer Umgebung, das nichts abgekriegt hat. Aber in anderen Stadtteilen war es viel schlimmer.

„D“: Was dachten Sie im ersten Moment, worum es sich handeln könnte?

Überbacher: Ich war ziemlich verwirrt und wollte mit den Kindern nur schnell raus. Wir wusste ja nicht, ob da nicht noch mehr kommt, wir dachten, es ist ein Anschlag. Meine Frau hat die Kinder beruhigt, dann haben wir schnell ein paar Sachen zusammengepackt, sind zum Auto gelaufen und raus aus der Stadt zu den Schwiegereltern, die in der Peripherie wohnen. Dort blieben wir 2 Tage lang, dann fuhren wir in unsere Ferienwohnung in Bsharre, etwa 2 Stunden Fahrzeit von der Stadt entfernt. Von dort aus sind wir tagsüber immer wieder in die Wohnung gefahren, um aufzuräumen.

„D“: Und dann gingen die Demonstrationen los. Wie viel kriegen Sie davon mit?
Überbacher: Während der Proteste und Demos waren wir schon außerhalb der Stadt, wir haben es halt im Fernsehen mitverfolgt. Wir haben versucht, uns so weit wie möglich abzulenken und uns zu beschäftigen. Letztendlich war eine Reaktion auf das Vorgefallene zu erwarten.

„D“: Weshalb?

Überbacher: Dem Libanon geht es schon seit längerer Zeit wirtschaftlich sehr schlecht, seit Oktober gibt es schon Demos. Dann ist die Corona-Krise dazugekommen, und die Explosion war wohl der letzte Tropfen. Es ist klar, dass sich die Leute jetzt Konsequenzen erwarten.

„D“: Apropos Corona: Wie ist da die Lage im Libanon?

Überbacher: Bis vor kurzem war sie recht gut unter Kontrolle, es gab offiziell relativ wenig Fälle. Aber jetzt – mit den ganzen Verletzten und angesichts der Tatsache, dass wichtige Spitäler zerstört wurden, wird man sehen müssen. Überlastungen gab es schon vorher.

„D“: Inwieweit hat die Explosion einen Einfluss auf Ihre Arbeit gehabt?

Überbacher: Ich war an den vergangenen Tage nicht so präsent im Büro, man hat mir ein bisschen Zeit gegeben wegen der Wohnung. Das Büro ist übrigens 10 Kilometer vom Explosionsort entfernt, und so

„D“: Inwieweit hat die Explosion einen Einfluss auf Ihre Arbeit gehabt?

Überbacher: Ich war an den vergangenen Tage nicht so präsent im Büro, man hat mir ein bisschen Zeit gegeben wegen der Wohnung. Das Büro ist übrigens 10 Kilometer vom Explosionsort entfernt, und sogar dort hat es Schäden gegeben – an den Eingangstüren. Ich arbeite ein bisschen von daheim aus. Was passiert ist, spielt durchaus in meinen Tätigkeitsbereich hinein. Die italienische Agentur für Entwicklungszusammenarbeit ist sozusagen der technische Arm für Unterstützung vor Ort. Wir arbeiten nach diesem Vorfall u. a. an Projekten für das örtliche und internationale Rote Kreuz.

„D“: Wie geht Ihre Familie mit dem Vorgefallenen um?

Überbacher: Meiner Familie in Südtirol habe ich sofort nach dem Verlassen des Hauses eine Nachricht geschickt, dass wir ok sind. Sie kennen den Libanon auch recht gut, sie haben Vertrauen, und glücklicherweise haben zumindest wir nur materielle Schäden erlitten. Bei den meisten Menschen hier, habe ich den Eindruck, herrscht aber eine große Trauer und Wut darüber, dass so etwa passieren konnte. Es gibt jetzt aber so viel zu tun, man hat nicht so richtig Zeit, darüber nachzudenken. Zum Glück hat es in unserem näheren Kollegen- und Freundeskreis kein Todesopfer gegeben, aber indirekt kennt man natürlich Personen, die Verletzte oder Tote zu beklagen haben.

„D“: Wie sicher fühlen Sie sich mit Ihrer Familie jetzt noch im Libanon?

Überbacher: Solange ich noch meine Arbeit habe – mein Vertrag geht bis Jänner – hatte ich vorgehabt, auf alle Fälle hier zu bleiben, aber jetzt schauen wir einmal, wie sich die Lage entwickelt, wie es weitergeht. Auf alle Fälle werden wir versuchen, sobald es die Situation ermöglicht, nach Südtirol zu fahren. Wir sind ja oft dort, aber jetzt ist schon einige Zeit vergangen. Ich habe schon lange Lust, mit meiner Familie wieder einmal heim zu kommen.

Interview: Roberta Costiuc

rc

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