Im Interview erzählt er davon, wie es ist, plötzlich ohne eigenes Zuhause dazustehen und was er sich am sehnlichsten wünscht.<BR /><BR /><b>Herr Tomasi, am 28. Juni hat Ihnen und Ihrer siebenköpfigen Familie die Mure Ihr Zuhause genommen. Wie geht’s Ihnen einen Monat danach?</b><BR />Wolfgang Tomasi: Wir – meine Frau und unsere drei Kinder – wohnen noch immer bei den Schwiegereltern. Meine Eltern sind bei ihnen in einer Klauberwohnung untergekommen. Daher haben wir den Druck, das Problem mit der Statik zu lösen, damit sie mit September in ihre Wohnung zurückkönnen. Ihre Wohnung ist bis auf ein paar Risse soweit unbeschädigt geblieben, aber das statische Problem macht sie unbewohnbar. Sonst fehlen noch Wasser und Gas. Das mit dem Strom kriegen wir diese oder nächste Woche hin, ich bin ja Elektriker. Es wird uns sehr geholfen, aber manchmal unter Anführungszeichen auch Steine in den Weg gelegt. Wir müssen laut neuer Bestimmung eine eigene Wasserleitung zum Übergabepunkt legen lassen. <BR /><BR /><b>Wenn Sie an jenen fatalen Sonntagnachmittag denken, welche Bilder haben Sie da im Kopf? Verfolgen Sie die Bilder, Gefühle?</b><BR />Tomasi: Eigentlich habe ich es verdrängt. Aber wenn ich davon rede, kommen wieder die Emotionen, auch ein Gefühl der Angst. An jenem Nachmittag musste ich funktionieren, meine Mama, meinen Tata und meine Kinder in Sicherheit bringen. <BR /><BR /><b>Wie haben Ihre drei Kinder diese Katastrophe erlebt? Können sie sie bewältigen?</b><BR />Tomasi: Unsere Kinder haben sie relativ gut bewältigt. Uns wurde die Notfallseelsorge angeboten, aber wir mussten sie nicht in Anspruch nehmen. Wir reden in der Familie viel drüber. Ein Kind meinte, es hätte Sorge zurück in unser Daheim zu gehen. Auch mein Tata hat die selben Bedenken, ob nicht irgendwann wieder etwas herunterkommt. Aber unser Haus ist seine „Hoamet“, meine „Hoamet“ und die der Kinder. Wegziehen kommt für mich nicht in Frage. Ich hoffe halt, dass die Schutzmaßnahmen so schnell wie möglich errichtet werden, damit eine Mure von diesem Ausmaß, solche Unmengen an Material nicht mehr herunterkommen können. Nach der letzten Mure 2012 ist unter uns immer wieder von einer Verbauung geredet worden. Ich bin aber nirgendwo vorstellig geworden. Es ist auch nicht meine Aufgabe, jemandem zu sagen, was sie zu tun hätten. <BR /><BR /><b>Vier Autos zerdrückt, die Einrichtung des Hauses voller ,Lettn‘ und zerstört. Gibt es Erinnerungsstücke, die Sie besonders vermissen?</b><BR />Tomasi: Es sieht von außen zwar nicht so aus, aber interessanterweise konnten wir viele Sachen retten. Logisch fehlen bestimmte Sachen. Ein ganz banales Beispiel: unser Kalender mit allen Terminen für Zahnarzt, Sanitätsbetrieb usw. Diese Termine haben wir verpasst. Oder am Kühlschrank hatten wir mit Magneten Rechnungen fixiert, die zu zahlen sind. Alles weg. Und apropos Autos: Ein Kollege hat uns sein Zweitauto zur Verfügung gestellt, damit wir mobil sind. Und von einer Tante haben wir das Auto des verstorbenen Onkels für die Eltern geschenkt bekommen.<BR /><BR /><b>Fotos?</b><BR />Tomasi: Viele Fotos, Dokumente und Unterlagen hatten wir im Aktenschrank. Der wurde zwar vermurt, aber interessanterweise nicht so hoch. So sind Fotobücher intakt geblieben. Das „Abschluss-Stückl“ meiner Tochter, die Tischlerin ist, wurde von der Mure in drei Stücke gerissen und hinausgeschwemmt. Der Couchtisch, den sie gemacht hat, der ist auch unwiederbringlich weg. Während der Aufräumarbeiten war eine Wasserleitung zu verlegen und sollte mit einem Draht zurückgehängt werden. Ich wollte reflexartig in die Werkstatt gehen, einen zu holen, drehte mich um und musste feststellen: Werkstatt gibt es ja keine mehr. Keine Schubkarre, kein Werkzeug, weder mein Elektro-Werkzeug noch kleines Tischler-Werkzeug meiner Tochter ist da. Alles weg. Aber alles, was sich 1,20, 1,50 Meter über dem Boden befand, haben wir herausgekommen. Den Gestank nach Wasser und ,Lettn‘ den kriegt man aus Kleidern nicht mehr heraus, auch mit Waschen nicht. Auch jetzt, wenn man im Haus in bestimmte Räume geht, kann man die Mure noch „schmeckn“. <BR /><BR /><b>Eine Ahnung, wann Sie wieder einziehen können?</b><BR />Tomasi: Nein, keine Ahnung. Bürgermeisterin Katharina Zeller hilft mir sehr bei der Zettelwirtschaft. Ich bin Handwerker und war immer schon auf Kriegsfuß mit der Bürokratie. Die Bürgermeisterin versucht zu helfen, wo es geht. Denn eigentlich muss ich beim Land ansuchen. So geht das über fünf Ecken. Ich verstehe, dass bei Ansuchen Schindluder getrieben wird und jemand mit Betrügereien bis zum Schluss goldene Wasserhähne daheim hat, aber es wäre sehr hilfreich, wenn die Bürokratie ein bisschen weniger wäre. Wäre mein Aktenschrank nicht soweit verschont geblieben, ich hätte ich für die letzten zwei Jahre keine EEVE machen können, die ich aber für das Landesansuchen brauche. Zum Glück haben wir alles gefunden. Bei einem Feuer wäre nichts mehr da. Wir hatten so gesehen viel Glück. Auch die Ausweise der Buben haben wir beim Ausgraben gefunden. Alles, was ,a bissl‘ eine Bedeutung hat, haben wir herausgeklaubt.<BR /><BR /><b>Was wäre in so einer Notsituation hilfreich?</b><BR />Tomasi: Wie gesagt, Frau Zeller hilft uns sehr, aber sie sitzt ja nicht nur für uns im Rathaus, sondern für alle in der Stadt. Flott wäre, wenn es einen direkten Ansprechpartner gäbe, der in solchen außerordentlichen Notsituationen genau sagt, was ich zu tun habe. Denn es ist alles ziemlich kompliziert. <BR /><BR /><b>Nach der Mure haben unzählige Feuerwehrleute geschaufelt und geholfen. Was bedeutet Ihnen das?</b><BR />Tomasi: Diese Hilfe war unbeschreiblich, die muss man erst erlebt haben. Logisch waren auch Firmen angestellt. Wir sind für alle diese Hilfe extrem dankbar. Ich wusste, dass das Ehrenamt bei uns gut aufgebaut und aufgestellt ist, aber jetzt habe ich selbst erlebt, wie extrem gut und schnell die Hilfe ist. Das war einfach bärig. Gefühlt haben mir Hunderttausend Menschen geholfen. Ich kann mich nur nochmals von Herzen bedanken. Ein letztes Beispiel: Der Keller ist noch halb voll mit „Lettn“. Er kann erst freigeräumt werden, wenn mit der Statik alles passt. Dann sagen Feuerwehrleute zu mir: „Meld di, sobold’s geaht, mir kemmen dir helfn.“ Wir haben eine unglaublich große Hilfsbereitschaft erlebt.<BR /><BR /><b> Feuerwehrleute haben Ihre vom Dreck und Geröll eingesperrte Katze „Lilli“ gerettet. Was bedeutete diese Rettung? </b><BR />Tomasi: Das war eine große Erleichterung und ein „schians Gfühl“– besonders für die Kinder, das Wissen, sie hat überlebt. Sie hatten eine Mordsfreude. Und der Kleine hatte eine Riesenfreude, dass seine Fische im Aquarium überlebt haben. <BR /><BR /><b> Können Sie die finanzielle Herausforderung stemmen?</b><BR />Tomasi: Ob wir es schultern können, kann ich nicht sagen, ich hoff’ es. Ich muss in Vorkasse gehen und wir haben noch sechs Jahre den Kredit vom früheren Hausumbau abzuzahlen. Die Bank kommt uns entgegen, aber die Schadenssumme ist noch nicht beziffert. Langsam kommen die ersten Kostenvoranschläge für Fenster, Türen, Böden. Bis jetzt sind es rund 150.000 Euro. Aber ich kann nichts Genaues sagen. Auch nicht, wie viel Hilfe wir vom Land bekommen. Aber wir hoffen, dass sie ausreicht, um die Schäden einigermaßen zu begleichen.<BR /><BR /><b>Haben Sie finanzielle Hilfe bereits bekommen?</b><BR />Tomasi: Wir haben Spenden bekommen, die auf unsere Namen lauteten, und sind sehr dankbar um jeden Cent.<BR /><BR /><b>Ihr Wunsch für sich und Ihre Familie?</b><BR />Tomasi: Einfach wieder heimkommen können und, dass alles wieder so ist wie früher. Dass das Haus so schnell wie möglich soweit bewohnbar ist, dass wir alle sieben – wir sind drei Generationen – so schnell wie möglich einziehen und zusammen bleiben können. Ich möchte nur mein Haus, so wie ich es hatte. Das ist das einzige, was ich mir wünsche. Im Namen meiner Familie möchte allen Helfern, allen, die uns in irgendeiner Form geholfen haben, auch allen, die angerufen haben, dass sie Möbel zu verschenken hätten usw., von Herzen Danke sagen. Das ist das Mindeste, was wir tun können. Unser Danke geht logisch auch an meine Schwiegereltern, die uns aufgenommen haben.