Sonntag, 03. April 2016

Hebammen an die Macht: Das Revival eines der ältesten Berufe

Hebamme war gestern - Frauenarzt ist heute? Weit gefehlt, denn eine Hebamme ist die Fachfrau in Frauendingen. Dabei geht es längst nicht nur um den Moment der Geburt. Früher war das ganz selbstverständlich. Und es soll wieder so werden. Denn auch hierzulande braucht es weit mehr, als nur Geburtshelferinnen. Wie Südtirols Hebammen einem der ältesten Berufe wieder neuen Aufwind geben.

Hebammen sind für eine normal verlaufende Schwangerschaft und Geburt zuständig - und das nicht nur. Auch Vor- und Nachsorge gehören zu den Tätigkeiten sowie vieles mehr.
Badge Local
Hebammen sind für eine normal verlaufende Schwangerschaft und Geburt zuständig - und das nicht nur. Auch Vor- und Nachsorge gehören zu den Tätigkeiten sowie vieles mehr. - Foto: © shutterstock

Hebamme, das Wort aus dem Althochdeutschen kommt von Ahnin, der "Großmutter, die das Neugeborene aufhebt/hält.“ Das Wissen und Tun selbst geht noch viel weiter zurück. Tempelmalereien von der Drillingsgeburt der Pharaonenkinder des ägyptischen Sonnengottes Re aus dem 3. Jahrtausend vor Christus sind eines der ältesten Zeugnisse der Hebammenkunst.
Früher war es ganz normal - und auch kaum anders möglich, als die Hebamme in allen Belangen des Frauseins zu konsultieren. Doch diese Zeiten sind längst vorbei, Hebammen rar; Ärtze und Spitäler übernehmen manche Aufgaben. Vieles in der Rundumversorgung bleibt dabei auf der Strecke. Doch das muss nicht so sein. Ein Gespräch: 

STOL: Früher war gebären reine Frauensache – wie ist es heute?
Astrid di Bella, Präsidentin des Südtiroler Hebammenverbandes: Gebären wird immer Frauensache bleiben. Allerdings sind Männer heute in das Geschehen rund um die Geburt häufiger involviert, als noch vor 50 Jahren. Viele Männer begleiten ihre Frauen zu den Vorsorgeuntersuchungen und zum Geburtsvorbereitungskurs. Und es ist heutzutage völlig normal, wenn Väter bei der Geburt ihres Kindes anwesend sind. Auch im Wochenbett versuchen Männer zu Hause zu bleiben und unterstützen Mutter und Baby.

STOL: Früher brachten Frauen auch 10 Kinder zur Welt – für die Frau von heute und hier ist das unvorstellbar: Warum?
Di Bella: Das hat verschiedene Gründe. In erster Linie ist es wohl auf die gesamtgesellschaftlichen Veränderungen zurückzuführen: Frauen haben sich emanzipiert und definieren sich nicht länger über Mann und Kinder. Männer und Frauen wollen heute eine gute Ausbildung, eine erfüllende Arbeit und unabhängig sein. Der erlangte Lebensstandard kann für viele nur mit kleinerer Familie aufrechterhalten werden.
Auf der anderen Seite gibt es allerdings auch immer mehr Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. Selbst der Weg über die künstliche Befruchtung führt nicht immer zum erhofften Ergebnis.

STOL: Und Frauen von heute müssen oder möchten ihren Beruf auch nach den Kindern nicht aufgeben und berufstätig sein …
Di Bella: Richtig, viele Mütter möchten oder müssen arbeiten. Hier sind politische Lösungen gefragt. Es braucht mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt und neue Wege für Frauen und Männer, um Familie und Beruf besser vereinen zu können.

STOL: Was raten Sie den Daddys von heute bzgl. Schwangerschaft und Geburt?
Die Bella: Ich denke jeder, der das Glück hatte, die Schwangerschaft und Geburt seiner Kinder mitzuerleben, möchte das nicht missen. Je früher sich Männer mit dem Thema auseinander setzen, desto bewusster werden sie diesen besonderen Lebensabschnitt wahrnehmen. Studien beweisen, wie wichtig die Unterstützung der Väter für die Mütter ist, zum Beispiel beim Thema Stillen.
Ich würde außerdem allen werdenden Vätern raten, sich die ersten Wochen nach der Geburt Zeit zu nehmen und bei der Mutter und dem Baby zu Hause zu bleiben. Das ist eine große Hilfe für die Mutter und eine wunderbare Zeit für Väter und den neuen Familienmitgliedern.

Informationen zur und Vorbereitung auf die Geburt gehören ebenso zu den Fachbereichen der Hebammen. - Foto: shutterstock

STOL: Sie sind Hebamme: Was hat sich für diesen Berufszweig in Sachen Geburt über die Jahrzehnte verändert – und wie?
Di Bella: Eine Hebamme war noch vor einigen Jahrzehnten Fachperson für Frauen in ihrem gesamten Lebenszyklus. Hebammen wurden für Aufklärung und Sexualerziehung herangezogen, sie betreuten Frauen rund um Schwangerschaft, Geburt und im ersten Lebensjahr des Kindes und in den Wechseljahren war es wiederum eine Hebamme, die beratend zur Seite stand.
Heute sind die meisten Hebammen nur mehr Geburtsbegleiterinnen. Sie können ihr gesamtes Wissen also nur begrenzt umsetzen. Traurig ist, dass sehr viele Frauen gar nicht wissen, wie vielfältig das Tätigkeitsfeld einer Hebamme wirklich ist.

STOL: Welchen Stellenwert nimmt eine Hebamme also heute in Bezug auf Schwangerschaft und Geburt sowie Nachbetreuung ein?
Di Bella: Wir sind noch immer die Expertinnen für Schwangerschaft, Geburt und Nachbetreuung und bieten Frauen die Möglichkeit, sie durch die Schwangerschaft, bei der Geburt und darüber hinaus zu begleiten. Allerdings gehen die meisten Frauen schnurstracks zum Frauenarzt sobald der Schwangerschaftstest positiv ist, entbinden im Krankenhaus und sind nach der Geburt auf sich allein gestellt - falls sie unsere Dienste nicht kennen.

STOL: Klingt so, als hätten Ärzte Ihnen die Stellung streitig gemacht. Welchen Platz nehmen Hebammen und welchen Ärzte direkt bei einer Geburt ein?
Di Bella: Hebammen sind für eine normal verlaufende Schwangerschaft und Geburt zuständig und das ist immerhin die große Mehrzahl. Diese sogenannten physiologischen Schwangerschaften und Geburten können auch in Südtirol von Hebammen betreut werden.
Sobald es zu einer Abweichung vom normalen Verlauf kommt, tritt der Arzt oder die Ärztin auf den Plan - sprich: Sie sind für pathologische Schwangerschaften und Geburten zuständig.

STOL: Hebammen zurück an die Macht? Welche Rechte sollten Sie sich zurückholen und wo liegen die Grenzen?
Di Bella: Die Entwicklung geht eindeutig in die Richtung, dass Hebammen wieder in ihrem gesamten Kompetenzspektrum eingesetzt werden. Sie unterrichten Sexualerziehung in Schulen, betreuen risikoarme Schwangerschaften und Geburten, Nachbetreuung bis zum ersten Lebensjahres des Kindes, informieren Frauen bei der Krebsvorsorge.
Zahlreiche Studien beweisen, dass eine hebammengeleitete Schwangerschaft und Geburt sicherer ist, als eine konventionelle, vorwiegend medikalisierte Betreuung. Nebenbei bemerkt reduziert eine hebammenzentrierte Geburtshilfe lange Wartelisten bei den Ärzten und spart Kosten im Gesundheitssystem.

STOL: Früher war eine Hebamme die Vertrauensperson im Ort. Warum gehen Frauen heute zum Gynäkologen und nicht zur Hebamme?
Di Bella: Das liegt daran, dass es lange Zeit einfach keine Hebammen gegeben hat, die vor Ort arbeiteten. Das war politisch nicht erwünscht. Es wurden bewusst wenige Hebammen ausgebildet und die Stellen in der Peripherie abgebaut. 
Dass sich die Betreuung rund um die Geburt in den letzten Jahren wieder ändert, wissen viele Frauen nicht. Schon jetzt gibt es in zahlreichen Sprengelsitzen Hebammen, die sich um Vorsorgeuntersuchungen wie z.B. Paptest kümmern und schwangere Frauen begleiten. Ich bin sicher, dass diese Information für viele Südtirolerinnen, die das hier lesen, noch immer neu ist.

Eine Geburt zu begleiten, ist einer der zentralsten Aufgabenbereich einer Hebamme, doch nicht nur. - Foto: shutterstock

STOL: Wie viele Hebammen gibt es in Südtirol überhaupt?
Di Bella: Im Berufsalbum der Hebammen sind aktuell 200 Hebammen eingetragen. Die meisten davon arbeiten in den Kreissälen der Südtiroler Krankenhäuser, wenige sind freiberuflich tätig oder arbeiten in Familienberatungsstellen und Sprengeln.  

STOL: Warum ist es in Südtirol noch nicht möglich, seine eigene Vertrauenshebamme mit in den Kreissaal zu nehmen – wäre das nicht besser?
Di Bella: Diese Frage müssen die Verantwortlichen im Gesundheitssystem beantworten. Das Kollegium der Hebammen kämpft jedenfalls schon seit Jahren für ein Belegsystem, wie wir es von Deutschland und Österreich kennen. Dort wählen Frauen ihre Hebamme, die sie dann kontinuierlich durch die Zeit der Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett begleitet. Dies zu erreichen wäre ein riesen Qualitätssprung für die Geburtshilfe Südtirols. 
Abgesehen davon ist es wissenschaftlich belegt, dass eine kontinuierliche Betreuung - im Idealfall 1:1 - zu einer positiven Geburtserfahrung führt. Studien geben den Frauen und Hebammen Recht. In diesem Zusammenhang wünschte ich mir eindeutig mehr Unterstützung von Seiten der Frauen. Solange Frauen die 1:1-Betreuung nicht kennen und verlangen, wird sich auch kaum etwas ändern.

STOL: Wie ist es, wenn man als Hebammen selbst Mutter wird?
Di Bella: Die meisten Hebammen lassen sich von einer Vertrauenshebamme begleiten. Sie wissen, wie wichtig die Zeit der Schwangerschaft und die Geburt für die eigene Gesundheit und die ihres Kindes ist. Meistens ist man in dieser Phase mehr als Hebamme einfach Frau und Mutter und genießt, wie andere auch die Unterstützung einer kompetenten Vertrauensperson. Interessanterweise gibt es gerade unter den Hebammen einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Hausgeburten.

STOL: Klingt alles ganz rosig, doch das Muttersein hat auch seine Schattenseiten - darum dreht sich auch die so genannten Mutternacht...
Di Bella: Ja, die Mutternacht bezeichnet die Nacht vor dem Muttertag. Die Organisatoren (Haus der Familie, Kollegium der Hebammen und weitere Frauen- und Jugendorganisatoren) haben den Moment bewusst gewählt, um auf die Schattenseiten des Muttersein hinzuweisen. 
Die Mutternacht findet heuer zum zweiten Mal statt und zwar am 7. Mai in Bozen zum Thema: Jugendschwangerschaften - ein neues Leben beginnt (STOL hat berichtet).

Interview: Petra Kerschbaumer

stol