Donnerstag, 05. April 2018

Herr Goretti, der Erdbeben-Ingenieur

Der Job von Bauingenieuren ist es, sichere Häuser zu planen. Agostino Goretti dagegen untersucht, was noch zu retten ist. Goretti, Mitte 50, ist Erdbeben-Ingenieur beim italienischen Zivilschutz. Seine Einsätze beginnen in den Tagen nach Katastrophen – so war es auch vor neun Jahren nach dem Erdbeben von L'Aquila, das die Stadt in den Abruzzen am 6. April 2009 heimsuchte.

Vor 9 Jahren kam es zum ersten verheerenden Erdbeben in Aquila. - Foto: Ansa
Vor 9 Jahren kam es zum ersten verheerenden Erdbeben in Aquila. - Foto: Ansa

Auch in Amatrice im Sommer 2016 war er im Einsatz. Zwei verheerende Beben, die Mittelitalien erschütterten und weltweit Anteilnahme auslösten.

Was er im zerstörten Amatrice sah, hat sich eingebrannt in Gorettis Gedächtnis. „Ich dachte: Die Gemeinde hat komplett ihre Identität verloren“, sagt er bei einem Vortrag zu seiner Arbeit beim Europäischen Zivilschutzforum in Brüssel. Es waren Bilder von meterhohen Trümmerbergen. Mehr als 230 Menschen starben in Amatrice, in L`Aquila verloren mehr als 300 ihr Leben.

Ist das Haus noch standfest?

Wenn das Geschirr in den Regalen von Erdstößen klirrt, die Wände Risse bekommen, fliehen die Menschen auf die Straßen. Sobald das Beben vorbei ist und der Schock nachlässt, kommt die Unsicherheit: Ist das Haus noch standfest? Diese Einschätzung treffen Goretti und seine Kollegen. Ihr Vorgehen ist methodisch genau festgelegt, beruht aber vor allem auf Augenschein. Zunächst schauen sich die Fachleute ein beschädigtes Gebäude von außen an. Scheint es nicht unmittelbar einsturzgefährdet, gehen sie hinein und untersuchen es von innen – beispielsweise auf Risse in tragenden Wänden.

Rund 80.000 Häuser seien nach dem Beben in L'Aquila untersucht worden, schätzt Goretti. Nach dem Beben rund um Amatrice waren es um die 200 000. Eine riesige Aufgabe für die Fachleute. Wie viele Häuser er im Laufe seiner Karriere schon untersucht hat, weiß Goretti nicht. Seit 1997 macht der Experte den Job. Der Italiener ist auch an Gefahren-Monitoring und Präventionsprogrammen beteiligt.

45 Minuten zur Begutachtung

In Italien dauert es im Schnitt 45 Minuten, ein Haus zu begutachten. „Der Zerstörungsgrad sollte dir sagen, ob das Haus ein weiteres Beben überleben würde, ohne das Menschen dabei in Gefahr geraten“, erklärt Goretti im Gespräch. „Lautet die Antwort 'Ja', können die Leute zurückkehren.“ Manchmal kommen Nachbeben erst Monate später.

Der Italiener ist mit anderen EU-Experten auch international im Einsatz. Er war nach den Erdbeben in Nepal 2015 oder Mexiko 2017 vor Ort. Es geht bei seiner Arbeit nicht nur darum, die Menschen vor Gefahren zu schützen. Wenn Experten wie er ein Haus für sicher erklären, dann können die Bewohner zurück. Oft heißt das auch: Sie können wieder ihrer Arbeit nachgehen oder die Schule besuchen.

Bausubstanz stärken

Ist ein Haus unsicher, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Eine lautet: Die bestehende Bausubstanz stärken. Das geht mit zusätzlich eingezogenen Wänden. Oder mit massiven Klammern. Eine weitere ist: „Man trennt das Gebäude vom Boden“, sagt Goretti. Dann steht das Fundament eines Hauses nur noch auf einigen Stelzen. Die Folgen von Erdstößen werden dadurch stark abgemildert. „Wenn die Erde wackelt, bleibt es in seiner Position und wird nicht beschädigt.“ Ist ein Haus aber so sehr in Mitleidenschaft gezogen worden, dass sich ein Umbau nicht lohnt, bleibt nur noch: abreißen und eventuell neu bauen.

Am liebsten wäre es Goretti, er müsste nach Erdbeben nicht mehr so viele stark beschädigte Häuser anschauen. „Wir müssen sichere Gebäude bauen und die bestehenden sicherer machen“, fordert der Experte. Bei seinem Vortrag in Brüssel zeigt er Bilder, aufgenommen nach Erdbeben in verschiedenen Ländern. Alle Fotografien haben ähnliche Motive: eingestürzte Häuser direkt neben unbeschädigten Gebäuden.

Alle sind sorglos, bis die Erde wankt

Aus seiner Sicht nutzt allerdings das beste Präventionsprogramm nichts, wenn den Bürgern die möglichen Risiken nicht bewusst sind. Die Gegend um Amatrice zum Beispiel blieb jahrzehntelang von Beben verschont. Gebäude im Ort wurden nicht erdbebensicher gemacht – sie hatten den Erdstößen in der Nacht zum 24. August 2016 nichts entgegenzusetzen und stürzten reihenweise ein.

„Das waren alte Häuser“, sagt Goretti. „In Italien gibt es viele Gebäude, die in den letzten Jahrhunderten gebaut wurden.“ Das sei ein Problem. Deren Bewohner leben sorglos. Bis die Erde wankt.

dpa

stol