Die vergangenen 2 Jahre waren ein ständiges Hin und Her: Auf strenge Einschränkungen folgten immer wieder Lockerungen und umgekehrt. Roger Pycha erklärt, wie es unserer Gesellschaft psychisch geht und welche Herausforderung künftig besonders groß sein wird.<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Herr Pycha, ab April soll es umfangreiche Corona-Lockerungen geben, ist unsere Gesellschaft nach 2 Jahren Corona-Einschränkungen überhaupt noch dieselbe?</b><BR />Roger Pycha: Dieselbe Gesellschaft ist es auf keinen Fall mehr. Die Leute haben sehr viel lernen müssen und durch Corona auch viel gelernt. Themen wie Nachhaltigkeit sind vermehrt in den Vordergrund gerückt und man hat es geschafft, mit neuen, noch nie dagewesenen Schwierigkeiten, zurecht zu kommen. Die Grundbedürfnisse der Gesellschaft sind dieselben geblieben. Noch mehr als früher haben wir das Verlangen nach Nähe, Körperlichkeit, engem Austausch, Schutz und Geborgenheit. All diese Dinge werden von uns auf eine neue Art erarbeitet werden müssen, nämlich auf eine vorsichtigere Art und Weise.<BR /><BR /><b>Denken Sie, dass gewisse Menschen Angst vor der Rückkehr in die „Normalität“ haben?</b><BR />Pycha: Natürlich. Wir reden in diesem Zusammenhang vom sogenannten „Höhlen-Syndrom“. Viele sind es mittlerweile gewohnt, auf großer sozialer Distanz zu bleiben und abgeschlossen zu leben. Wir müssen uns mittlerweile richtig anstrengen, um wieder in die genussreiche, soziale Nähe zu kommen, aber gleichzeitig müssen wir in diesem Augenblick noch vorsichtig bleiben, da zwar Lockerungen beschlossen worden sind, die Situation aber noch nicht beherrscht ist – Corona ist nicht vorbei.<BR /><BR /><embed id="dtext86-53108662_quote" /><BR /><BR /><b> Ein Blick auf die ganz junge Generation: Wie wird es den Kindern ergehen, die in ihrem jungen Alter anstatt erste soziale Kontakte zu pflegen, vermehrt zuhause bleiben mussten. Haben sie es besonders schwer?</b><BR />Pycha: Die ganz jungen Kinder sind sehr plastisch in ihrem Gehirn – sie sind fähig, neue Erfahrungen aufzunehmen und sofort zu verarbeiten, also wird es dieser Altersklasse meiner Meinung nach noch am wenigsten tun, denn sie werden die kommenden Jahre der Freiheit und der uneingeschränkten sozialen Kontakte noch sehr viel mehr genießen und auch rasch aufholen können. Es sind die Jugendlichen, die Leute zwischen 15 und 25, die eine große Nachwirkung beziehungsweise einen Schaden davontragen werden, weil nun schon 2 Jahre lang nicht genügend soziale Kontakte stattgefunden haben, aber auch die Ausbildungsgänge erschwert und beeinträchtigt waren und die Umstellung auf die virtuelle Wissensvermittlung und die virtuelle Kontaktaufnahme sehr abrupt erfolgt ist. Hier werden künftig zwar noch die virtuellen Kontakte dominieren, jedoch wird zeitgleich die Wertschätzung der persönlichen Kontakte um einiges wachsen.<BR /><BR /><b> Denken Sie, dass die Gesellschaft mittlerweile abgehärtet ist, oder würde ein erneutes Wiederkehren der strengen Corona-Restriktionen weitere bleibende Schäden hinterlassen?</b><BR />Pycha: Wir haben sehr viel gelernt als Gesellschaft. Die größten Leidtragenden sind zugleich die stillsten Leidtragenden – die Rede ist von den ganz alten, alleinlebenden Leuten, von denen einige leider auch verstorben sind. In den Altersheimen ist einerseits mehr Platz und andererseits sind die Herausforderungen größer geworden. Ich denke, dass die Gesellschaft mittlerweile für kommende Pandemien besser vorbereitet ist. Alles wird schneller gehen, als es bei dieser Pandemie der Fall war, vor allem in Sachen Entscheidungsfindung. Italien hat sich meiner Meinung nach wirklich großartig verhalten. Italien war das erste Land in Europa in dem die Pandemie ausgebrochen ist und zu Beginn war es auch noch das am stärksten betroffene Land Europas. Trotzdem hat man es geschafft, mit einer politischen Kompaktheit und mit strengen Sofortmaßnahmen und anschließend leichten Lockerungen, vorbildlich zu agieren.<BR /><BR /><b> Welche Herausforderung wird für die Menschen jetzt richtig anspruchsvoll?</b><BR />Pycha: Die Herausforderung ist psychisch und psychosozial. Die Frage lautet hierbei wie folgt: Wie machen wir aus der gespaltenen Gesellschaft, bestehend aus der kleinen Gruppe der No Vax, der etwas größeren Gruppe an Personen, die sich nicht gern impfen lassen beziehungsweise unsicher sind und sich aus Angst weigern und der allergrößten Gruppe, der progressiven Menschen, die auf das Gemeinwohl achtend ihre Angst vor einer unerprobten Impfung überwunden haben und sich diesem Schutz unterzogen haben, wieder eine friedvolle Einheit? Dazu braucht es ganz viel Versöhnung und auf der anderen Seite auch eine Art Belohnung für diejenigen, die sich im Interesse der Gemeinschaft impfen lassen haben, in den Berufen durchgehalten haben und nicht suspendiert worden sind. Anstatt die suspendierten Personen zu bestrafen, würde ich dafür plädieren, dass diejenigen die sich den geforderten Maßnahmen unterzogen haben, dafür belohnt werden.