Dienstag, 04. Januar 2022

Mordfall Perselli/Neumair: Ein Jahr danach

Genau ein Jahr ist seit dem Verschwinden von Laura Perselli und Peter Neumair vergangen: Am Abend des 4. Jänner habe er die Eltern zum letzten Mal gesehen, sagt Sohn Benno Neumair bei den Carabinieri, als er die Vermisstenanzeige aufgibt. Niemand ahnt zu dem Zeitpunkt, dass die beiden in Wahrheit bereits tot sind – ermordet und in die Etsch geworfen von ebenjenem. Es ist der Auftakt eines Kriminalfalls, wie ihn Südtirol vorher nicht gesehen hat.

Laura Perselli und Peter Neumair verschwinden am 4. Jänner 2021: Ihr Sohn Benno wartet nun im Bozner Gefängnis auf seinen Prozess. Ihm wird der Mord an seinen Eltern und die Vernichtung ihrer Leichen zur Last gelegt.
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Laura Perselli und Peter Neumair verschwinden am 4. Jänner 2021: Ihr Sohn Benno wartet nun im Bozner Gefängnis auf seinen Prozess. Ihm wird der Mord an seinen Eltern und die Vernichtung ihrer Leichen zur Last gelegt. - Foto: © privat
Im Trubel um den Felssturz beim Hotel „Eberle“ am Dienstag, 5. Jänner, ist die Nachricht von der Suche nach den beiden vermissten Eheleuten aus Bozen am Tag nach ihrem plötzlichen Verschwinden nur eine Randnotiz: „In Bozen werden Laura Perselli (68) und Peter Neumair (63) vermisst. Sie sollen am Montagabend zum letzten Mal gesehen worden sein bzw. sich gegen 18 Uhr von ihrer Wohnung entfernt haben. Ihr Sohn hat sich an die Carabinieri gewandt. Das Auto von Perselli und Neumair ist am üblichen Ort abgestellt. Auch über das Handy sind die beiden Bozner nicht erreichbar. Gestern fand eine großräumige Suche nach ihnen statt. Es deutet nichts darauf hin, dass die beiden in der Nähe des Hotel ,Eberle‘ verschüttet sein könnten, da sie bereits seit Montagabend vermisst sind“, schreiben die „Dolomiten“ am 7. Jänner.

Benno Neumair rückt ins Visier der Ermittler


Mit Spürhunden sucht ein Heer von Freiwilligen und Behördenvertretern in den darauffolgenden Tagen Bozen, Teile des Überetsch, des Unterlandes und des Rittens ab, wo die Familie eine Ferienwohnung hat: Noch vermuten die Retter, die beiden Vermissten könnten bei einem Spaziergang verunglückt sein. Auch die Flüsse werden von Wasserrettung und Tauchern kontrolliert, die Suche schließlich bis nach Trens im Wipptal ausgedehnt, doch keine Spur von Laura Perselli und Peter Neumair.
Italienische Medien werden auf den Fall aufmerksam. Tausende Menschen fiebern vor den Fernsehgeräten bei der Sendung „Chi l’ha visto“ mit, die ein Team nach Bozen schickt und fortan wöchentlich über den Fall berichtet. Benno Neumair gibt dem Team Ende Jänner ein Telefoninterview, das für Aufsehen sorgt: „In diesem Moment bin ich die falsche Person, die man fragen sollte“, sagt Benno Neumair der Reporterin von „Chi l'ha visto?“ am Telefon. „Ich bin völlig erschöpft, Sie müssen verstehen, dass ich im Haus meiner Eltern wohne. Zu jeder Tageszeit habe ich Polizeihunde im Haus, zu jeder Tageszeit habe ich das RIS im Haus – sie kommen, um Kontrollen durchzuführen, um DNA-Proben mitzunehmen.“



Gefragt, warum er meine, die falsche Person zu sein und was er „damit zu tun“ habe, präzisiert Neumair, er sei nicht in der Verfassung, Interviews zu geben, er nutze „jeden kleinen Moment Pause“, um sich auszuruhen und zu essen: „Es sind fürchterliche Tage.“

Immer mehr rückt Benno Neumair ins Visier der Ermittler. Als Peter Neumairs Blut am Geländer der Etschbrücke bei Pfatten gefunden wird, scheint es Gewissheit zu sein, dass ein Verbrechen geschehen sein muss. Gegen Benno Neumair wird nun wegen Mord und Verbergens (später: Vernichtens) von Leichen ermittelt, Ende Jänner wird er festgenommen und ins Bozner Gefängnis gebracht.
Das öffentliche Interesse ist enorm: Auch Angehörige der Toten melden sich zu Wort und schildern den Medien wiederholt ihre Sicht auf den Fall.

Am 4. März beginnt der Prozess: Es droht lebenslange Haft

Anfang Februar wird schließlich die Leiche von Laura Perselli in der Etsch gefunden. Benno Neumair gesteht den Mord an seinen Eltern. Es dauert noch bis Ende April, bis auch Peter Neumairs Leichnam in der Etsch entdeckt und geborgen wird.




Im Rahmen eines Beweissicherungsverfahrens wird Benno Neumair, der bis heute im Bozner Gefängnis einsitzt, einer psychiatrischen Untersuchung unterzogen. Am 9. Juli legt das Amtssachverständigen-Trio seine Expertise vor, derzufolge Benno Neumair, als er seinen Vater getötet hat, nur eingeschränkt zurechnungsfähig gewesen sei, beim Mord an seiner Mutter habe er hingegen gewusst, was er tut.

Am 19. Oktober erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage. Sie wirft Benno Neumair vor, seinen Vater zwischen 16.59 Uhr und 18.04 Uhr getötet zu haben, den Todeszeitpunkt seiner Mutter legen die Ermittler auf vor 19 Uhr fest. Somit gehen sie davon aus, dass Benno Neumair mindestens 40 Minuten Zeit hatte, seinen Entschluss reifen zu lassen, seine Mutter zu töten, und legen ihm für die Tat Vorbedacht zur Last – womit der 30-Jährige lebenslange Haft riskiert. Am 10. Dezember wird gegen ihn die Einleitung des Hauptverfahrens vor dem Bozner Schwurgericht verfügt, Auftakt ist am kommenden 4. März.

Eine umfassende Chronologie des Falles finden Sie hier.

stol