Donnerstag, 03. September 2020

Hilferuf aus vielen Altersheimen: Einsamkeit und Verzweiflung

Die einschränkenden Besuchsregelungen wegen der Corona-Gefahr machen vielen Bewohnern von Alters- und Pflegeheimen und ihren Angehörigen schwer zu schaffen: Angehörige machen deshalb Druck auf allen Ebenen, berichtet der Primar für Geriatrie am Meraner Krankenhaus, Dr. Christian Wenter gegenüber dem Tagblatt „Dolomiten“ am Donnerstag.

Sorgen in den Altersheimen.
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Sorgen in den Altersheimen. - Foto: © shutterstock
Die einschränkenden Besuchsregelungen wegen der Corona-Gefahr machen vielen Bewohnern von Alters- und Pflegeheimen und ihren Angehörigen schwer zu schaffen: „Sie wenden sich an die Volksanwaltschaft, den Bischof und den Landeshauptmann.“ Landesrätin Waltraud Deeg verspricht, sich um Verbesserungen zu bemühen.

In einer WhatsApp-Botschaft an die „Dolomiten“ ist von einer „unzumutbaren Situation“ in den Altersheimen die Rede. Viele Betroffene würden weinen, fühlten sich „von der Regierung im Stich gelassen“.

Die Heimbewohner werden verglichen mit Gefängnisinsassen – nur dass die Heimbewohner im Unterschied zu diesen nicht wüssten, wie lange sie diese Situation noch zu ertragen hätten. Einsam und allein müssten die alten Menschen sterben.

„Bei mir wurden sehr viele Beschwerden vorgebracht“, teilt Volksanwältin Gabriele Morandell auf Anfrage mit. Die Angehörigen beschwerten sich über die „restriktiven Besuchszeiten“. In manchen Heimen werde die Besuchszeit eher locker geregelt, in anderen Heimen sei man hingegen sehr streng und man müsse sich anmelden, sagt die Volksanwältin.

Nur 20 Minuten Besuchszeit

In einigen Heimen gebe es nur zweimal die Woche Besuchsmöglichkeiten – anderswo seien keine Besuche am Wochenende möglich, sondern nur während der Woche. Angehörige regten sich auch über zu kurze Besuchszeiten auf – nur 20 Minuten.

„Ein sehr großes Problem für viele ist auch, dass der Abstand eingehalten werden muss und der Angehörige nicht berührt werden darf. Alte Menschen mit Demenz reagieren laut den Angehörigen sehr auf körperlichen Kontakt“, berichtet Morandell. Sie hat auf die Beschwerden reagiert und die Heime angeschrieben. „Ich hoffe auf Besserung – und auf mehr Öffnung“, sagt Morandell.



Bei den Heimbewohnern sollte mehr darauf geachtet werden, wer große Angst habe und keinen Kontakt wolle – und wer hingegen unbedingt viel Kontakt brauche. Eine einheitliche Linie unter den Heimen wäre auch von Vorteil: Sonst gebe es im einen Heim die Regelung, dass man nur durch die Scheibe sprechen dürfe – im anderen Heim hingegen nicht, und das sei dann nicht nachvollziehbar. Die Volksanwältin hat bereits mit Landesrätin Deeg über diese Beschwerden gesprochen.

Manche Besucher verweigern Maske – Leiter deshalb vorsichtig

Deeg verweist auf den Beschluss der Landesregierung vom 30. Juni, der sehr offen sei. „Manche Heime handhaben es sehr vernünftig und menschlich annehmbar.“ Einige Heimführungen – oft der sanitäre Leiter – seien aber sehr vorsichtig. Die Angst dort sei noch groß.

Manche Angehörige von Heimbewohnern würden die Masken- und Abstandsvorschriften für übertrieben halten – und wollten diese dann auch nicht einhalten. „Dann werden in den Heimen als Reaktion darauf rigidere Maßnahmen eingeführt“, berichtet Deeg. Sie kündigt ein „Netzwerk aus sanitären Leitern der Heime“ an, damit diese sich vernetzen und mehr austauschen.

Der Direktor des Verbandes der Seniorenwohnheime, Oswald Mair, weist darauf hin, dass die Situationen in den Heimen sehr unterschiedlich seien. „Wir haben einen Leitfaden erstellt, in dem wir das Besuchermanagement beschrieben und als Hilfestellung gegeben haben.“ Ziel sei die Weiterentwicklung in Richtung Normalität. Er verstehe die Angehörigen sehr wohl. „Aber im Heim ein- und ausgehen wie vor Corona, ist nicht möglich“. Der Normalfall sei, dass Besuche „organisiert und vereinbart werden müssen“.

hof

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