Donnerstag, 11. Februar 2021

Hilferuf von über 100 Hausärzten – Kritik an Politik und Sanitätsbetrieb

„Seit Beginn der Pandemie stehen wir ununterbrochen und unter vollem Einsatz in der vordersten Linie“, schreiben 110 Südtiroler Hausärzte, darunter auch Pensionisten, in einem offenen Brief. „Noch größer als die Angst vor einer Ansteckung ist die anhaltende Belastung durch das täglich wachsende Arbeitspensum, das von vielen - besonders den älteren Kollegen - kaum mehr zu bewältigen ist.“

Müde und verärgert sind mehr als 100 Hausärzte im Land.
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Müde und verärgert sind mehr als 100 Hausärzte im Land.
„Seit Monaten ersetzen wir zumindest teilweise Facharztvisiten, das INAIL und nicht zuletzt den völlig überforderten und häufig weder für den Bürger noch für uns Ärzte erreichbaren Hygienedienst“, steht in dem offenen Brief.

Der Arbeitstag dauere praktisch 12 Stunden, und die Hausärzte seien wohl die einzigen Mediziner, die für den Bürger noch irgendwie erreichbar seien. „Denn selbst wenn wir einen Anruf nicht sofort entgegennehmen können, rufen doch die allermeisten von uns verlässlich zurück“, ergänzen die Mediziner, unter denen bekannte Ärzte wie Ernst Fop und Manfred Brandstätter sind.

Bei zig Patientenkontakten am Tag (Visiten, Telefon, Mail, WhatsApp, SMS usw.) sei dies aber für den einzelnen Hausarzt bald nicht mehr zu stemmen. Hausärzte hätten kein gesetzliches Anrecht
auf Urlaub oder Krankenstand, und einen Vertreter für die eigene Praxis zu finden sei aufgrund des Hausärztemangels im Land nahezu unmöglich.

„Wir haben ehrlich Angst um unsere Gesundheit und befürchten zudem einen Domino-Effekt, wenn die ersten Kollegen zusammenbrechen und die Last auf noch weniger Schultern verteilt werden muss“, meinen sie. „Daher appellieren wir an die Bürger: Bitte verstehen Sie, dass wir es mit einer noch nie dagewesenen medizinischen Ausnahmesituation zu tun haben.“

Es sei jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, den Hausarzt wegen der jährlichen Cholesterin-Messung, der Verschreibung für eine Thermalkur oder ähnlich aufschiebbare Dinge zu kontaktieren. „Bitte fragen Sie sich selbst: ‚Kann mein Problem noch etwas warten?‘, und kontaktieren Sie uns bitte erst dann, wenn Sie diese Frage ehrlich mit Nein beantworten können“, ist dem Schreiben zu entnehmen. „Haben Sie Geduld, wenn wir Ihre Anrufe nicht sofort entgegennehmen oder gleich zurückrufen können, und bitte haben Sie Verständnis, wenn wir müde sind.“

Kritik an Politik und Sanitätsbetrieb

Und abschließend: „Bitte unterschätzen Sie das Coronavirus nicht, schützen Sie sich und Ihre Nächsten durch gewissenhafte Beachtung der allgemein bekannten Maßnahmen“, rufen die 110 Mediziner auf.

Und die andere Bitte ergeht an die Verantwortlichen in Politik und Sanitätsbetrieb: „Wenn Sie schon im vergangenen Jahr nie die Zeit gefunden haben, uns Hausärzten für unseren unermüdlichen und
essenziellen Einsatz Ihren Dank und Anerkennung auszusprechen, möchten wir Sie zumindest darum bitten, uns bei der Versorgung der Bevölkerung nicht weiter zu behindern“, kritisieren die Ärzte.

„Verbessern Sie endlich die landesweite Meldeplattform mit ihren zahlreichen Schwächen, wie wir es schon seit Monaten fordern! Organisieren Sie endlich die Abholung des gefährlichen Sondermülls aus unseren Praxen, worum wir Sie ebenfalls schon seit Monaten ersuchen! Geben Sie uns endlich klare Protokolle, damit wir den Bürgern bei Fragen zu Quarantänen u. ä. verbindlich Auskunft geben können! Lösen Sie das Versprechen der digitalen Vernetzung von Krankenhäusern
und Hausärzten ein, die in weiten Teilen des Landes immer noch nicht gegeben ist!“

„Besetzen Sie die Primariate für Basismedizin mit Hausärzten, welche Ahnung von den Herausforderungen unseres beruflichen Alltags haben“, wettern die Ärzte in dem Schreiben.

„Wenn Sie uns immer mehr Aufgaben aufbürden, ohne uns gleichzeitig bei der Arbeit zu unterstützen, riskieren Sie nicht weniger als den Zusammenbruch der medizinischen Grundversorgung im Land.“

stol