<BR />Seit der Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas im Oktober 2023 seien tausende Menschen in Gaza getötet worden, sauberes Wasser sei Mangelware und mittlerweile gebe es sogar eine Rattenplage in dem schmalen Küstenstreifen am Mittelmeer, so Bodmann. Zudem sei ein Großteil der Bevölkerung in Gaza von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen, Hilfe erreiche die Menschen nur unter erschwerten Bedingungen.<BR /><BR />Auch im Westjordanland nehme die Krise zu, so der Caritas-Vizepräsident. So spreche die UNO von der größten Vertreibungskrise seit 1967. Im Libanon seien außerdem eine Million Menschen vertrieben worden, so Bodmann. Auch humanitäre Helfer würden immer wieder unter Beschuss geraten. Das sei ein „Angriff auf das humanitäre Völkerrecht selbst“, so Bodmann. Denn, „wenn Helfer zum Ziel werden, gerät die Menschlichkeit selbst unter Beschuss“.<h3> „Krieg in Gaza ist noch lange nicht zu Ende“</h3>Tirza Leibowitz, Vizedirektorin von „Ärzte für Menschenrechte Israel“, einer NGO, die mit hunderten Ärzten zusammenarbeitet und ein mobiles Spital im Westjordanland betreibt, glaubt indes nicht an eine schnelle Lösung der Krise. „Der Krieg in Gaza ist noch lange nicht zu Ende“, sagt die Israelin und warnt zugleich vor einer „Ablenkung der internationalen Aufmerksamkeit“. Denn das Verständnis der Mechanismen in Gaza sei wichtig, um „die Zerstörung und den schleichenden Völkermord im Westjordanland“ zu verstehen, so Leibowitz.<BR /><BR />Scharfe Kritik äußert sie an der Inhaftierung von 14 palästinensischen Ärzten und den Masseninhaftierungen von humanitären Helfern durch Israel. „Das Gesundheitssystem, wie es die Menschen in Gaza kannten, existiert nicht mehr“, so Leibowitz. Bis zum Oktober 2023 habe ihre Organisation hunderte Delegationen von Helfern nach Gaza geschickt, seither sei das aber nicht mehr erlaubt. Wichtig sei vor allem die internationale Aufmerksamkeit, glaubt auch sie. Erst als nämlich vergangenen Sommer das Ausmaß der Hungersnot in Gaza klar geworden sei, sei Israel zur Zustimmung zu einem Waffenruheabkommen gezwungen worden.<h3> Bevölkerung im Libanon glaubt nicht an Waffenruhe</h3>Nour Boutine, Programmkoordinatorin der Caritas Österreich im Libanon, betont indes, dass die libanesische Bevölkerung nicht an eine Waffenruhe glaube, solange diese gebrochen werde. Die Realität seien über 3.700 Tote und 11.000 Verwundete trotz Waffenstillstand. Im Süden des Libanon sei eine Million Menschen vertrieben worden, 135.000 davon lebten in Notunterkünften. Von den insgesamt 650 Notunterkünften hätten nur mehr 21 überhaupt freie Plätze. Erst jetzt seien noch einmal 200.000 Menschen in die südlichen Vororte Beiruts geflohen.<BR /><BR />Auch Boutine kritisiert, dass das Gesundheitssystem und die humanitären Helfer zur Zielscheibe geworden seien. So melde die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 132 tote humanitäre Helfer und 393 Verletzte. 74 Gesundheitszentren mussten geschlossen werden, dennoch versuche die Caritas mit lokalen Partnern vor Ort in mobilen Kliniken weiter Gesundheitsdienste anzubieten.<h3> Experte: Israelische Regierung hat Siedlerbewegung erst möglich gemacht</h3>Erwin van Veen, Abteilungsleiter Naher Osten am Clingendael Conflict Research Unit in den Niederlanden konstatiert, dass es seit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 das Ziel gewesen sei, einen möglichst ethnisch homogenen Staat zu schaffen. So sei die Staatsgründung mit einer gezielten und massiven Vertreibung von rund 750.000 Arabern einhergegangen, von den Palästinensern als „Naqba“ (Katastrophe) bezeichnet.<BR /><BR />Seither gebe es Zwangsenteignungen und Vertreibungen durch Israel im Westjordanland, so van Veen. Zwar gebe es dazu Entscheidungen über Enteignungen vor Gericht, doch über 80 Prozent der Gerichtsentscheide fielen gegen die Palästinenser aus. Überhaupt habe die israelische Regierung die Siedlerbewegung erst möglich gemacht, so van Veen. <BR />So lebten heute etwa 650.000 jüdische Siedler im Westjordanland. Die rechten Parteien in Israel würden mittlerweile gar nicht mehr verheimlichen, dass so viele Palästinenser vertrieben werden sollten, wie nur möglich. „Die israelische Regierung betreibt ganz klar Landraub“, konstatiert der Forscher und betont, dass nur Druck der internationalen Gemeinschaft Israel dazu bewegen würde, seine Politik diesbezüglich zu ändern.