<b>Beim Klimaabkommen von Paris 2015 verpflichteten sich über 190 Staaten den weltweiten Temperaturanstieg auf 2, idealerweise auf 1,5 Grad Celsius zu beschränken. Das scheint heute, 9 Jahre später, kaum erreichbar ...</b><BR />Michael Pörnbacher: Ich glaube auch, dass die 1,5-Grad-Celsius- Grenze außer Reichweite ist, wenn man die politische Realität betrachtet. Um diese Marke einzuhalten, müsste die Klimaneutralität in 10 Jahren erreicht werden und nicht erst im Jahr 2050. 2024 wird wohl das erste Jahr sein, welches die 1,5-Grad-Grenze durchgängig überschritten hat. Jedes weitere Zehntel Grad Erwärmung macht einen Unterschied und hat z. B. erhebliche Auswirkungen auf die Anzahl gefährdeter Ökosysteme oder die Intensität und Häufigkeit von extremen Wetterereignissen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67481597_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Was bedeutet das konkret für Südtirol?</b><BR />Pörnbacher: Im Alpenraum liegen die Temperaturen schon jetzt über den globalen Durchschnitt: Es gibt in Südtirol mehr Tropennächte und Trockenperioden, die Gletscher schmelzen, Starkregen tritt häufiger auf. Die Extremwetterereignisse nehmen zu, ihre Intensität und Häufigkeit – mit den dementsprechenden Folgen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67484391_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Der „Klimaplan Südtirol 2040“ hat das Ziel, Südtirol bis zum Jahr 2040 klimaneutral zu machen. Realistisch?</b><BR />Pörnbacher: Die übergeordnete Zielsetzung des Klimaplans ist sehr ambitioniert. Allerdings fehlt ihm die rechtliche Verbindlichkeit, hier müssen in allen Sektoren noch konsequenter Maßnahmen gesetzt werden – eingebettet in die europäischen Ebene, die der eigentliche klimapolitische Antreiber ist. Der Klimaplan sieht außerdem einen Resilienzplan für Südtirol vor, also einen Plan zur Klimawandelanpassung. Wir erarbeiten seit Januar 2023 die wissenschaftliche Grundlage dazu, das Projekt befindet sich in der Abschlussphase.<BR /><BR /><embed id="dtext86-67484395_quote" /><BR /><BR /><b>Warum ist es so wichtig, sich an das Klima anzupassen?</b><BR />Pörnbacher: Wir haben im Alpenraum jetzt schon eine Temperaturerhöhung von 2 Grad Celsius mit entsprechenden Auswirkungen z.B. auf die Intensität und Häufigkeit von Extremereignissen. Diese Trends sehen wir heute schon und die werden stärker werden, auch bei konsequentem Klimaschutz. <BR /><BR /><b>Wer sollte sich anpassen? Die Politik? Die Bürger? </b><BR />Pörnbacher: Anpassung ist eigentlich häufig Eigeninteresse, alle betroffenen Systeme sollten sich anpassen. Das können einzelne Akteure sein, es betrifft aber auch die Planungsebenen, z.B. in der Raumplanung. Die Politik muss diese Anpassung ermöglichen, die richtigen Rahmenbedingungen schaffen und Konflikte moderieren. Denn Anpassung ist nicht trivial, sondern häufig sektorübergreifend und muss systemisch erfolgen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-67484399_quote" /><BR /><BR /><b>Wie kann man sich anpassen? </b><BR />Pörnbacher: Anpassung ist extrem vielfältig. Diese kann beispielsweise die individuelle Ebene betreffen, z.B. durch eine Risikoanalyse in Unternehmen oder Betrieben, aber auch systemisch den Schutz von Ökosystemen, Boden- und Wasserressourcen verlangen. Häufig betrifft Anpassung mehrere Sektoren und muss daher immer partizipativ und sozial gerecht gestaltet werden.<BR /><BR /><b>Gibt es bereits „Vorbilder“, also Länder, die Anpassungsstrategien ausgearbeitet haben und umsetzen?</b><BR />Pörnbacher: Viele Länder haben bereits Anpassungsstrategien verabschiedet, darunter Italien und Österreich, eingebettet in europäische Anstrengungen. Auch auf Regionsebene gibt es bereits einige Strategien. Aufgrund der natürlichen Gegebenheiten und damit der spezifischen klimatischen Auswirkungen oder auch aufgrund der politischen Kompetenzverteilung ist es allerdings nötig, dass jede Region ihre eigene Strategie ausarbeitet, um zielgerichtete Maßnahmen umsetzen zu können. Darum braucht auch Südtirol eine Anpassungsstrategie.<BR /><BR /><embed id="dtext86-67484493_quote" /><BR /><BR /><b>Aber trotzdem sollte man weiterhin probieren, das Klima zu schützen? </b><BR />Pörnbacher: Wie gesagt muss Klimaanpassung und Klimaschutz zusammen gedacht werden. Konsequenter Klimaschutz ist weiterhin unerlässlich, denn die Anpassung hat Grenzen: an eine 4°C wärmere Welt wird sie nicht möglich sein. Zugleich werden wir auch bei konsequentem Klimaschutz noch erheblichere klimatische Auswirkungen zu verzeichnen haben, weshalb die Klimaanpassung mindestens genauso wichtig ist. <BR /><BR /><b>In Aserbaidschans Hauptstadt Baku findet derzeit die UN-Klimakonferenz (COP29) statt. Was bringen solche Verhandlungen?</b><BR /> Pörnbacher: Beim Klimaabkommen von Paris 2015 setzten sich die Staaten verschiedene Ziele, etwa die Temperaturerhöhung auf 2 Grad Celsius, idealerweise auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen oder Anpassung an den Klimawandel voranzutreiben. In den darauffolgenden Konferenzen und auch heuer ging und geht es vor allem darum, diese Ziele umzusetzen, die technischen Rahmenbedingungen zu schaffen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1099818_image" /></div> <b>Wie sieht die Umsetzung aus?</b><BR />Pörnbacher: In Baku geht es hauptsächlich um Kohlenstoffmärkte und Klimahilfen für ärmere Staaten. Vereinbarungen laufen aus, neue Regeln müssen festgelegt werden. Es geht um Fragen wie: Welches Industrieland zahlt wie viel an welche Staaten und in welcher Form? Auch die geopolitischen Spannungen werden sichtbar: Argentinien hat die Konferenz verlassen, auch die USA wird wahrscheinlich aus dem Pariser Abkommen austreten. Ein bahnbrechender Durchbruch ist wohl nicht zu erwarten, auch weil diese Konferenz wie gesagt ziemlich technische Themen behandelt.<BR /><BR /><embed id="dtext86-67484497_quote" /><BR /><BR /><b>Welche Auswirkungen haben die Entscheidungen, die auf der Klimakonferenz in Baku getroffen werden, auf Südtirol?</b><BR />Pörnbacher: Keine unmittelbaren, da die Konferenz wie gesagt sehr technisch ist. Die EU hat ein Verhandlungsmandat, alle Entscheidungen würden in europäische Bestimmungen und Richtlinien integriert, die dann von den Mitgliedstaaten und auch von Südtirol umgesetzt werden müssten. <BR /><BR /><b>Kritiker sagen, das Klima hat sich schon immer gewandelt. Sind die Befürchtungen der Wissenschaft zu groß? </b><BR />Pörnbacher: Es hat sich gezeigt, dass die wissenschaftlichen Projektionen häufig unter der realen Temperaturentwicklung lagen, also im Gegenteil. Natürlich hat sich das Klima an sich schon immer gewandelt, aber noch nie in dieser Intensität und in solch rapidem Ausmaß, was die Anpassungskapazität von Ökosystemen übersteigt – Ökosysteme, von denen auch die menschliche Zivilisation abhängig ist. Dieser Temperaturanstieg ist menschengemacht und wir müssen ihn für unser eigenes Wohl begrenzen, während wir uns bereits bestmöglich versuchen, an ihn anzupassen.<h3> Der Bericht: Anpassung an den Klimawandel</h3>Es wird immer wärmer: „Die Auswirkungen des Klimawandels sehen wir bereits heute, deshalb müssen wir uns anpassen“, sagt der Wissenschaftler Michael Pörnbacher. An der Eurac erarbeitet er mit Kollegen die wissenschaftlichen Grundlagen für die Klimaanpassungsstrategie für Südtirol. Was sind die klimatischen Entwicklungen, die Südtirol erwarten? Was sind die Klimarisiken? „Es geht hauptsächlich darum, die Klimarisiken, die bei uns in Zukunft auftreten, zu identifizieren und auf dieser Basis Anpassungsoptionen darzustellen.“ Der Bericht stellt eine wissenschaftliche Grundlage dar für verschiedene Stakeholder und Systeme. „Wir haben verschiedene Sektoren untersucht und auch die sektorübergreifenden Aspekte berücksichtigt“, sagt Pörnbacher. Der Bericht befindet sich in der Abschlussphase und soll im Laufe der nächsten Monate veröffentlicht werden.