Wie lassen sich versiegelte Hitzeinseln in der Stadt kühlen, wenn dort wegen darunterliegender Tiefgaragen, Tunnel oder U-Bahn-Stationen keine Bäume gepflanzt werden können? Für dieses Problem gibt es in Rom bereits ein genehmigtes, innovatives Projekt. Die Idee dazu stammt von der Bozner Uni-Dozentin Wittfrida Mitterer.<BR /><BR /><BR /><b>Frau Mitterer, was ist ein Kühlbaum?</b><BR />Wittfrida Mitterer: Ein Kühlbaum, manche sagen auch Kühlturm oder Bioklimabaum, ist eine Struktur aus Bambus, die in Handarbeit mit 9000 Knoten errichtet wird. Durch die Verdunstung von Wasser werden Temperaturen auf ganz natürliche Weise gesenkt.<BR /><BR /><b>Wie?</b><BR />Mitterer: Im Inneren der bepflanzten Struktur steht ein Zylinder aus Ziegeln, im Idealfall recycelte Dachziegel, die durch einen Wasserfilm ständig benetzt werden. Die Kühle wird durch die Verdunstung des Wassers generiert: Der Luft wird Wärme entzogen und kühlt sich ab. Diese kühlere Luft wird durch einen Rotor, der sich in der Mitte des Zylinders befindet, nach unten auf den Platz verteilt. Dort bietet sie Schutz vor hohen Temperaturen, die Menschen können sich auf Bänken ausruhen.<BR /><BR /><b>Wie ist dieses Projekt entstanden?</b><BR />Mitterer: Ich leite den Masterstudiengang „Bioarchitektur“ an der LUMSA Master School in Rom als Direktorin und hatte diese Idee, die ich dann mit dem Architekten Martin Haas aus Stuttgart und dem Unternehmen Transsolar als Projekt entwickelt habe. Ursprünglich war der Kühlbaum für die Pilger auf dem Petersplatz anlässlich des Heiligen Jahres 2025 gedacht. Die LUMSA hat als Privatuniversität mit katholischer Prägung einen Bezug zum Vatikan. Jetzt wurde ein anderer zentraler Platz in Rom dafür ausgesucht.<BR /><BR /><b>An welchem Punkt ist das Projekt jetzt?</b><BR />Mitterer: Die Gemeinde Rom hat das Projekt, das 445.000 Euro kostet, bereits genehmigt. Jetzt geht es darum, es zu finanzieren. Einen Teil der Kosten übernimmt die Gemeinde Rom, einen Teil sollen Sponsoren, vor allem aber die italienischen Staatsbahnen tragen. Denn der Kühlbaum soll auf der Piazza dei Cinquecento vor dem Hauptbahnhof Termini entstehen. Der Platz, eine Hitzeinsel, gehört den Staatsbahnen. <BR /><BR /><b>Ist der Kühlturm ein fest installiertes Bauwerk?</b><BR />Mitterer: Nein, es kann auch wieder rückgebaut werden. Unter der Piazza dei Cinquecento verläuft die Metro. Bäume können dort nicht gepflanzt werden. Der Kühlturm hat zwar einen Kühleffekt wie Bäume, aber natürlich keine Wurzeln. Es ist ein temporäres Bauwerk, das an anderer Stelle wieder aufgebaut werden kann.<BR /><BR /><b>Wie groß wird das in Rom geplante Projekt?</b><BR />Mitterer: Der Kühlturm hat eine quadratische Grundfläche mit einer Seitenlänge von 8 Metern und ist 12,5 Meter hoch. Natürlich kann ein Kühlbaum für andere Plätze entsprechend angepasst werden, Wärmeinseln gibt es überall. Der Kühlbaum ist ein Jolly, ein nachhaltiges Projekt, was in Zeiten der Klimakrise sicher ein ganz wichtiger Faktor ist.<BR /><BR /><b>Ist der Kühlbaum klimaneutral?</b><BR />Mitterer: Ja, er funktioniert autark. Das Wasser für die Benetzung der Ziegel im Zylinder kann vom Regenwasser oder dem vorgereinigten Grauwasser der Waschbecken im Bahnhof kommen. Beides ist möglich. Der Rotor im Zylinder, der die kühle Luft nach unten leitet, wird durch ein kleines Photovoltaikmodul am Dach des Kühlbaums angetrieben. Dieses liefert auch den Strom für den Wasserzirkulationskreislauf. Er braucht keine externen Energiequellen. Interessant ist das Projekt auch durch die architektonische Qualität. Denn der Kühlbaum hat auch den Anspruch, als prägnanter Blickfang weithin sichtbar zu sein und ein Zeichen für Nachhaltigkeit zu setzen.<BR /><BR /><b>Warum haben Sie sich dafür entschieden, das Projekt in Rom umzusetzen?</b><BR />Mitterer: Mehrere Faktoren haben zusammengespielt. Die Uni, an der ich den Master leite, ist in Rom und die Experten, mit denen ich das Projekt ausgearbeitet habe, sind Dozenten beim Master und weltweit führend in ihren Bereichen. Aber das Projekt ist replizierbar. Wenn die Stadt Bozen es möchte, kann man einen Kühlbaum auch in der Landeshauptstadt umsetzen. Idealerweise in der Industriezone oder auf anderen Wärmeinseln der Stadt.