Warum die Zahlen wieder steigen und eine Heilung von HIV nur in Ausnahmefällen möglich ist, erklärt die Primarin der Abteilung für Infektionskrankheiten am Krankenhaus Bozen, Dr. Elke Maria Erne, im Interview. <BR /><BR /><b> Was erklärt den rapiden Anstieg von HIV-Fällen in Südtirol in diesem Jahr? </b><BR />Dr. Elke Maria Erne: Das ist schwierig zu sagen und die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits hat man während der Pandemie weniger getestet, andererseits handelt es sich bei vielen neuen Fällen um ältere Infektionen. Einige dieser Patienten waren bis zu 15 Jahre lang asymptomatisch.<BR /><BR /><b>Unterschätzen viele Menschen die Infektion und sind deshalb unvorsichtiger?</b><BR />Dr. Erne: Viele Menschen haben Angst vor dem Stigma, insbesondere die über 40-Jährigen. Deshalb lassen sie sich weniger testen. Junge Menschen sind vielleicht unvorsichtiger, aber nach einem Risikoverhalten machen sie eher einen Test.<BR /><BR /><embed id="dtext86-62395922_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Risikoverhalten bedeutet ungeschützter Geschlechtsverkehr?</b><BR />Dr. Erne: Ja, denn HIV ist eine Geschlechtskrankheit geworden. Über Blutkonserven wird die Infektion nicht mehr übertragen, da das Blut getestet ist. Das Gleiche gilt für Drogensüchtige, denn sie verwenden sterile Spritzen. Kondome sind deshalb nach wie vor der beste Schutz vor einer HIV-Infektion. <BR /><BR /><b>Dabei steigt nicht nur die Zahl der HIV-Infektionen, sondern auch von anderen sexuell übertragbaren Krankheiten...</b><BR />Dr. Erne: Dieses Phänomen beobachten wir weltweit, auch in Südtirol. Infektionen wie Syphilis, Gonorrhö und Chlamydia trachomatis haben zugenommen. <BR /><BR /><b>Warum?</b><BR />Dr. Erne: Mein Eindruck ist, dass die Leute nach der Pandemie weniger anstatt mehr aufpassen. Da wurde definitiv auch zu wenig Information gemacht. Das bemerken wir auch diese Woche im Rahmen unserer Kampagne „Stop HIV!“. Viele Menschen glauben immer noch, dass man sich nur beim Spritzen von Drogen mit HIV anstecken kann. Man muss das Bewusstsein für Geschlechterkrankheiten wieder herstellen. Information ist der erste Schritt zur Prävention. <BR /><BR /><embed id="dtext86-62395926_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>„D“: Aids ist ja eine Erfolgsgeschichte. Mittlerweile gibt es sehr gute Therapiemöglichkeiten. Wie sehen sie aus?</b><BR />Dr. Erne: Das sind antivirale Therapien. Früher musste der Patient teilweise 25 Tabletten täglich einnehmen, diese hatten sehr viele Nebenwirkungen. Heute bekommt der Patient eine Tablette am Tag, sie hat wenig Nebenwirkungen. Außerdem haben wir in diesem Jahr angefangen, intramuskuläre Therapie anzubieten.<BR /><BR /><b>Wie funktioniert dieser Therapieansatz?</b><BR />Dr. Erne: Dem Patienten wird alle 2 Monate eine Depotspritze verabreicht. Sie ersetzt die tägliche Tabletteneinnahme. Das hat auch einen psychologischen Vorteil: Der Betroffene steht nicht mehr unter Druck, jeden Tag zu denken, er muss die Tablette einnehmen, sonst passiert etwas Schlimmes. <BR /><BR /><embed id="dtext86-62396041_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Die Diagnose HIV ist heute kein Todesurteil mehr. Welche Lebenserwartung haben Betroffene?</b><BR />Dr. Erne: Sie ist gleich hoch wie für nicht infizierte Menschen. <BR /><BR /><b>Ein Impfstoff ist allerdings nicht in Sicht?</b><BR />Dr. Erne: Nein. Es wird schon sehr lange geforscht. Vielleicht irgendwann ja, aber sicher nicht in näherer Zukunft. Eine wichtigere Rolle in der Prävention spielen derzeit Prophylaxe.<BR /><BR /><embed id="dtext86-62396046_quote" /><BR /><BR /><b>Wer kann diese Tabletten nehmen?</b><BR />Dr. Erne: Sie sind kostenlos, aber verschreibungspflichtig. Nehmen sollten sie Menschen, die ungeschützten Geschlechtsverkehr auch mit verschiedenen Partnern haben, oder auch bei denen der Partner oder die Partnerin HIV-infiziert ist. Wir dürfen nämlich nicht vergessen: Die Menschen, die HIV haben, und in Therapie sind, sind nicht mehr ansteckend. Deshalb müssen wir auf 2 Dinge achten.<BR /><BR /><b>Die wären?</b><BR />Dr. Erne: Erstens müssen wir eine frühzeitige Diagnose machen. Wenn wir alle HIV-Infizierten in Therapie setzen könnten, könnten wir den Virus ausrotten, denn mit der Therapie negativiert sich die Viruslast, die Personen sind nicht mehr ansteckend. Umso wichtiger ist deshalb, das Testangebot zu nutzen. Und zweitens auf Vorbeugung und Prävention setzen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-62396061_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Eine HIV-Infektion ist nicht heilbar. Vor kurzem sorgten geheilte Patienten aber für Schlagzeilen...</b><BR />Dr. Erne: Das sind 5 Menschen weltweit. Sie litten allerdings auch an hämatologische Krankheiten; die Transplantation von Knochenmark ermöglichte die Heilung. Das war einfach ein Zufall. Dieser Ansatz funktioniert wirklich nur in sehr seltenen Fällen.<BR /><BR /><b>HIV oder Aids?</b><BR />Primarin Dr. Elke Maria Erne klärt auf: „HIV ist der Virus, der den Körper infiziert. Die Infektion verläuft asymptomatisch für lange Zeit. Bei Aids hingegen handelt es sich um HIV im fortgeschrittenen Stadium, wo verschiedene Symptome auftreten.“ <BR /><BR />