Anlässlich ihres 90. Geburtstags hat STOL-Reporter Jakob Pramstaller die Zeitzeugin auf eine Tasse Kaffee besucht.<BR /><BR />Leise klirrt der Teelöffel in der gläsernen Tasse. Der Kaffee wird ohne Milch serviert, dafür mit einem großzügigen Häubchen Schlagsahne. Deutlich lauter als das Klirren der Tasse ist die Musik, die durch die Wohnung zieht. Bei Viki Zanellato zu Hause ist das Standard: Immer wenn sie daheim ist, läuft Klassik. Am liebsten bis spät in den Abend. Nur nachts wird der Lautsprecher abgedreht. <BR /><BR />Die Wohnung ist im alten Stil gehalten, aber voller Wärme. Dafür sorgen die flackernden Kerzen auf dem Küchentisch und das orange Licht der Stofflampe. In den Holzregalen stapeln sich die Bücher, auf dem kleinen Tischchen neben dem Sofa liegen Zeitungen und Magazine. An den Wänden hängen Familienfotos, Bilder und Teller aus Keramik. Dazwischen überall Pflanzen. Hier ließe es sich ohne Zweifel eine Weile bleiben.<BR /><BR />Die Liebe zur klassischen Musik habe sie von ihrer Mutter geerbt, erzählt Viki Zanellato, während sie sich mit einer Tasse Tee an den Küchentisch setzt. „Meine Mama war eine erstklassige Pianistin“, sagt die 90-Jährige, mit Stolz erfüllt. Wenn Viki Zanellato von ihrer Familie erzählt, wird sie besonders lebhaft. Dabei endete ihre Geschichte tragisch. Ihre Familie mütterlicherseits war jüdischer Abstammung: Der Großteil ihrer Verwandten ist im Holocaust ums Leben gekommen. Auch sie selbst entkam der Deportation nach Auschwitz nur knapp.<h3> Von Gestapo-Polizisten nach Bozen gebracht</h3>Herbst 1943. Die damals siebenjährige Viki Zanellato lebt bei ihrer Tante Ilse auf dem Ritten. Auch ihre sieben Jahre ältere Cousine Ruth wohnt dort. Die Nazis sind längst auch in Südtirol einmarschiert. Menschen jüdischer Abstammung sind auch hierzulande nicht mehr sicher.<BR /><BR /> Ein Mann aus Lana, ein berüchtigter Nazi und Mitglied der SS, soll die Familie verraten haben. Seinen Namen hat Viki Zanellato bis heute nicht vergessen. Genauso wenig wie seine Worte: „Enk Saujuden wer i schun olle no ans Messer bringen.“ Für einen kurzen Moment merkt man, wie der Ärger in der 90-Jährigen hochkocht. Dann wird sie wieder ruhig und erzählt weiter.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1319649_image" /></div> <BR /><BR />Es hämmerte an die Tür. Tante Ilse öffnete. Vor ihr standen zwei Polizisten der Gestapo. Sie waren dem Hinweis des Lananers gefolgt. Viel Zeit blieb nicht. Nur das Nötigste durfte in einem kleinen Koffer verstaut werden. Dann forderten die beiden Gestapo-Männer Viki, Ilse und Ruth auf, sie nach Bozen zu begleiten. Mit der Rittner Bahn ging es talwärts, danach ins Hotel Mondschein in Bozen: das Hauptquartier der Nazis in Südtirol. Von dort aus sollten die drei in das Konzentrationslager Auschwitz nahe der polnischen Stadt Krakau gebracht werden. <BR /><BR />Nur dank des tapferen Hans Pattis entkam die kleine Viki der Deportation nach Auschwitz. Er war Funktionär im Südtiroler Ordnungsdienst (SOD) – einer polizeiähnlichen Hilfstruppe, die damals unter den Nazis aktiv war. „Ich weiß, dass er kein echter Nazi war“, sagt Viki Zanellato überzeugt. Auch die bereits verstorbenen Eltern der Siebenjährigen kannte Pattis gut. „Die Gitsch bleib ba mir, sie könnte meine Enkelin sein“, soll Pattis damals den Nazis entgegnet haben. Wegen seines hohen Rangs im SOD und der Geschichte von Viki Zanellatos Vater, der nach seinem Tod im Abessinien-Krieg als italienischer Nationalheld galt, schenkte man ihm Gehör. Die Nazis ließen das Mädchen mit Pattis davonziehen. <h3> Mit vier Jahren zur Vollwaise</h3>Weniger Glück hatten Ilse und Ruth. Die Nazis brachten sie zunächst mit einem Viehwaggon nach Innsbruck und später ins KZ Auschwitz, wo sie ermordet wurden. Viki war damals zu jung, um zu verstehen, was geschah. Doch die Erinnerungen an die letzten Momente mit ihrer Tante Ilse sind erstaunlich klar. „Sie sagte mir, sie würde auf die Suche nach meinem Vater gehen“, weiß die heute 90-Jährige noch immer. Dass dieser bereits Jahre zuvor gestorben war, ahnte das Kind nicht. <BR /><BR /> Nun war die kleine Viki allein – Lebensretter Hans Pattis und seine Ehefrau Luise nahmen die Siebenjährige bei sich auf. Ihre Eltern hatte das Mädchen bereits Jahre zuvor verloren.<BR /><BR />Mutter Margarethe Kornblum war die Tochter aus einer wohlhabenden jüdischen Familie aus Schlesien im heutigen Polen. „Sie hatte vier Schwestern. Mein Daddy hingegen vier Brüder“, erzählt Viki Zanellato. Ihr Vater Dante Zanellato kam aus Rom und war ein bedeutender italienischer Offizier. Kennengelernt haben sich ihre Eltern, als Dante in Schlesien stationiert war. Noch heute muss Viki Zanellato ein wenig schmunzeln, wenn sie an die Anfänge der gemeinsamen Geschichte ihrer Eltern denkt: „Eigentlich wollte mein Daddy meine Tante heiraten.“ Schlussendlich wurde jedoch aus ihm und Margarethe Kornblum ein Paar. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1319652_image" /></div> <BR /><BR />Nach Südtirol gelangten Dante und Margarethe über Umwege. Zunächst führte ihr Weg fern der Berge an einen deutlich exotischeren Ort: nämlich Bangkok, die Hauptstadt Thailands. „Mein Daddy hatte einen guten Draht zum damaligen Geschäftsführer der Fiat“, erzählt Viki Zanellato. „Deshalb hat er eine Spitzenposition am Auslandssitz des Unternehmens in Bangkok erhalten.“ Dass sie das englische Wort Daddy benutzt, hat damit zu tun, dass ihre Eltern damals hauptsächlich Englisch miteinander sprachen. <BR /><BR />Das tropische Klima Thailands tat Margarethe Kornblum nicht gut. Sie wurde krank und musste zurück nach Europa reisen. Vorerst ruhte sie sich in einem Kurort in Bayern aus, wo sie auf die Tochter von Hans und Luise Pattis, die späteren Zieheltern von Viki, traf. Herta Pattis arbeitete im Hotel. „Meine Mama erkundigte sich bei ihr nach einem Wohnort an der Riviera“, erinnert sich Viki Zanellato. Stattdessen empfahl sie ihrer Mutter den Ritten. „Die Riviera der Dolomiten“, wie ihn Herta Pattis nannte.<BR /><BR />Und so zogen Dante und Margarethe nach Südtirol. Im Jahr 1934 erbauten sie eine Villa auf dem Ritten, zwei Jahre später kam die kleine Viki auf die Welt. Doch das Glück der jungen Familie sollte nicht lange halten. Margarethe starb im Jahr 1939 an einer Lungenerkrankung. Ein Jahr später fiel Dante Zanellato im Abessinien-Krieg. Mit nur vier Jahren war Viki Zanellato Vollwaise. Mit sieben Jahren verlor sie auch ihre Tante und Cousine.<h3> Dankbar für die vielen netten Menschen</h3>Bis zu ihrem elften Lebensjahr lebte Viki Zanellato bei ihren Zieheltern, Hans und Luise Pattis. „Für mich waren sie immer der Onkel Hans und Tante Luise“, sagt Viki Zanellato. Der Hans sei ein richtiger Tiroler gewesen, er war kräftig gebaut und das Schillerhemd war sein Markenzeichen. Egal ob Winter oder Sommer: Gemeinsam mit ihm wanderte die kleine Viki den ganzen Ritten ab. „Und das, obwohl er ständig Schmerzen hatte, da er verletzt aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrte. Ihm war in den Nacken geschossen worden.“ <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1319655_image" /></div> <BR /><BR />Tante Luise war eine strenge Ziehmutter, aber gleichzeitig sehr liebevoll. Viki Zanellato spricht von einem sechsten Sinn, den Luise hatte. „Sie hat meine Tante Ilse schon vor dem Besuch der Gestapo-Soldaten gewarnt“, erzählt Viki Zanellato. „Sie hat versucht, uns alle drei auf einem Bauernhof zu verstecken und zu retten.“ Doch Tante Ilse blieb stur. Sie war ein gutgläubiger Mensch und meinte: „Ich habe niemandem etwas getan, also verstecke ich mich auch nicht.“ <BR /><BR />Vom jüdischen Teil ihrer Familie überlebten nur Viki Zanellato selbst und die jüngste Schwester ihrer Mutter, die rechtzeitig in die Vereinigten Staaten auswanderte – alle anderen wurden von den Nazis getötet. Trotzdem kennt die 90-Jährige keinen Hass. Im Gegenteil: „Ich bin glücklich über all die netten Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe“, sagt sie entschlossen. „Und allen anderen habe ich längst verziehen.“