Während an dem Schreibatelier im Bozner Waltherhaus am Dienstag ausschließlich Frauen teilnahmen, „waren es im 18. Jahrhundert vor allem Männer, die Liebesbriefe schrieben – das gehörte zur Etikette“, erklärt Greta Maria Pichler, Schriftstellerin und Leiterin des Schreibateliers für Liebesbriefe, das am Dienstag im Bozner Waltherhaus stattfand. Frauen beschränkten sich während des Briefwechsels auf das Antworten. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1268586_image" /></div> <BR /><BR />„Bis ins 20. Jahrhundert war es gang und gäbe, Liebesbriefe zu schreiben“, fährt Pichler fort. Heute hingegen scheinen Liebesbriefe weitgehend aus dem Alltag verschwunden. Das Konzept des Liebesbriefs wirkt in der heutigen Gesellschaft fehl am Platz – geradezu fremd. Entsprechend wusste von den Workshop-Teilnehmerinnen auf Rückfrage keine so genau, was sie erwartet und worauf sie sich eingelassen hatte.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1268589_image" /></div> <BR /><BR />Warum das so ist und ob Memes, Emojis und KI-generierte Videos den Liebesbrief verdrängt haben, erklärt Pichler im Interview. Gleichzeitig erklärt die Schriftstellerin, wie wir einen gelungenen Liebesbrief verfassen und warum wir alle mehr Liebesbriefe schreiben sollten.<BR /><BR /><b>Frau Pichler, haben wir es verlernt romantisch zu sein, oder warum schreiben wir kaum noch Liebesbriefe? <BR /></b>Greta Maria Pichler: Ich denke, besonders im Erwachsenenalter, haben wir einen eher nüchternen Zugang zu unseren Gefühlen – die Hemmschwelle ist höher, die Filter zahlreicher. Außerdem gibt es mittlerweile zig andere Möglichkeiten, mit uns nahestehenden Personen in Kontakt zu treten. Früher war der Brief oft der einzige Weg, um über Distanz zu kommunizieren. Ich würde daher viel mehr sagen, dass sich die Form der schriftlichen Liebesbekenntnis verändert hat.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73258626_quote" /><BR /><BR /><b>Haben KI-generierte Hunde-Videos, die alles Liebe wünschen, den klassischen Liebesbrief verdrängt?<BR /></b>Pichler: Ich denke, Smartphones haben die Art und Weise, wie wir kommunizieren, verändert – auch auf Distanz. Das beeinflusst natürlich auch unsere Art, Liebesgefühle auszudrücken.Trotzdem finde ich, wir sollten alle öfter klassische Liebesbriefe schreiben.<BR /><BR /><b>Warum sollten wir alle mehr Liebesbriefe schreiben?<BR /></b>Pichler: Ich finde, dass es generell wichtig wäre, mehr zu schreiben, um über Sprache nachzudenken und sie bewusst und präzise zu gebrauchen. Liebesbriefe lassen sich dabei als zarte Form des Widerstands verstehen, in einer gewaltvollen Zeit setzen sie auf Aufmerksamkeit und Differenzierung statt auf Verrohung und Verallgemeinerung.<BR /><BR /><b>Brauche ich einen Geliebten, um einen Liebesbrief zu schreiben?<BR /></b>Pichler: Nein, das ist nicht der Fall. Liebesbriefe können sich auch an Freunde oder Familienmitglieder richten sowie an Dinge oder abstrakte Konzepte. Ob an einen Wecker oder an die Zukunft – eine inhaltliche Beschränkung besteht dabei nicht. Entscheidend ist nicht die Art des Gegenübers, sondern dass ein Adressat benannt und eine persönliche Haltung zum Ausdruck gebracht wird.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-73242720_listbox" /><BR /><BR /><BR /><b>Wenn ich dafür nicht zwingend einen Geliebten brauche – was macht einen gelungenen Liebesbrief aus?<BR /></b>Pichler: Was einen gelungenen Liebesbrief ausmacht, ist sehr subjektiv. Für mich ist es ein Text, dem es gelingt, über Sprache Nähe herzustellen, ohne in klischeehafte Oberflächlichkeiten abzurutschen.<BR /><BR /><b>Zur Person:</b><BR />Geboren 1996 in Bozen, studierte Greta Maria Pichler Philosophie und Sprachkunst in Wien. Pichler war Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift JENNY, arbeitet heute bei „ZeLT“, dem Europäischen Zentrum für Literatur und Übersetzung und als Autorin. Die Texte der Schriftstellerin erschienen in Anthologien, Zeitschriften und im Radio – einige auch in mehreren Sprachen. 2022 gewann sie den Jurypreis beim 30. Open Mike, 2024 erschien ihr Debüt „Salzwasser“ (Matthes & Seitz Berlin).