<b>Herr Bürgermeister, wie haben Sie die Zeit der Pandemie in St. Leonhard in Erinnerung?</b><BR />Robert Tschöll: Ich habe sie als brutal fordernde Jahre für die öffentliche Verwaltung in Erinnerung. Es war eine unklare Zeit. Man wusste nicht, wo die Entscheidungen hingehen. Die Bevölkerung hat am Anfang gerne mitgemacht, mit der Zeit ist die Motivation weggebrochen, die Bürgerinnen und Bürger wollten in den Alltag zurück.<BR /><BR /><b>Was ist Ihre erste Erinnerung an diese Zeit?</b><BR />Tschöll: Die erste Online-Sitzung des Gemeindeausschusses. Ich war damals noch Referent. Ich wurde ein halbes Jahr nach Pandemie-Beginn zum Bürgermeister gewählt. Es ging darum, dass die Spielplätze desinfiziert werden mussten. Ich dachte, ich bin im falschen Film.<BR /><BR /><embed id="dtext86-72336680_quote" /><BR /><BR /><b>Was hat Sie besonders beeindruckt?</b><BR />Tschöll: Der erste Tag der Ausgangssperre. Ich habe damals noch im Kinderdorf in Brixen gearbeitet und bin nach dem Nachtdienst mit dem Auto nach Hause gefahren. Von Meran/Obermais bis St. Leonhard in Passeier ist mir kein Auto begegnet. Dabei zählen wir beim Hotel „Wiesenhof“ vor St. Leonhard täglich 18.000 Fahrzeuge.<BR /><BR /><b>Was war positiv an der Zeit?</b><BR />Tschöll: Die Menschen haben sich anders organisiert. Der Umgang miteinander war viel kameradschaftlicher. Die Menschen haben sich Alternativen gesucht, wie sie die Zeit verbringen können. Viele sind auf den Berg gegangen. Wir haben in den Gandellen eine Langlaufloipe eingerichtet, weil das Skigebiet Pfelders geschlossen war.<BR /><BR /><b>Was war besonders negativ?</b><BR />Tschöll: Menschen haben sich auch entzweit, weil es oft anders gelaufen ist als nötig.<BR /><BR /><b>St. Leonhard ist in die Schlagzeilen geraten, weil es viele Corona-Tote im Seniorenheim St. Barbara gab.</b><BR />Tschöll: Wir hatten in der ersten Welle über zehn Covid-Tote im Seniorenheim. Ich erinnere mich an eine Sitzung, in der wir eine Anfrage von Bürgern diskutiert haben, ob sie ihre Eltern besuchen dürfen, die sie ein halbes Jahr nicht gesehen hatten. Schließlich wollte niemand diese große Verantwortung übernehmen.<BR /><BR /><b>St. Leonhard hat wegen der vielen Impfunwilligen international Schlagzeilen gemacht.</b><BR />Tschöll: Ja, „stern TV“ war bei uns, um zu fragen, warum sich so wenige impfen lassen. Ich habe damals erklärt, dass Bürger, die außerhalb des Dorfes wohnen und den Kontakt zu anderen Menschen meiden, eine Impfung nicht für unbedingt nötig erachten. In St. Leonhard gab es eine Impfstation für das gesamte Passeiertal. Wer sich impfen lassen wollte, konnte das bei uns tun und war froh, nicht nach Meran fahren zu müssen.