„Präsident Selenskyj hat ein neues Gesetz für alle Ukrainer erlassen, dass es Schadenersatz für von Drohnen, Bomben oder Raketen zerstörte Häuser und Wohnungen gibt“, erklärt Larisa-Mariya Götsch. Sie besitzt eine Wohnung in Kramatorsk in der Region Donezk im Osten der Ukraine. „Ich musste dafür Dokumente vorlegen und eine Unterschrift leisten.“<BR /><BR />Also fuhr sie mit dem Bus von Bozen bis Lemberg (Lwiw) in der Westukraine und von dort mit dem Zug bis Dnipro. Die letzten 400 Kilometer legte sie mit ihrem Sohn Oleg, der mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Dnipro lebt und dort sowie in Kramatorsk als Zahnarzt arbeitet, im Auto zurück. <BR /><BR />„Von Dnipro nach Kramatorsk gibt es nur noch eine Straße. Alle anderen sind zerstört“, erzählt Larisa-Mariya. „Die Straße ist mit Drähten überspannt, damit Drohnen nicht durchkommen.“ Entlang der Straße standen ausgebrannte Busse und Autos, die von Geschossen getroffen worden waren.<BR /><BR />Drei Tage benötigte Larisa-Mariya von Bozen bis nach Kramatorsk, wo noch ihre Mutter und ihr Stiefvater leben. Mit ihrer kleinen Pension von je 50 Euro im Monat können sie es sich nicht leisten, in einem anderen Teil der Ukraine neu anzufangen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73622923_quote" /><BR /><BR />Der Krieg verfolgte Larisa-Mariya auf Schritt und Tritt. Bereits während der Zugfahrt waren ständig Sirenen zu hören, die vor Drohnen- oder Bombenangriffen warnten. „In den ersten zwei Tagen habe ich mich immer voll Angst auf den Boden geworfen. Dann habe ich mich etwas daran gewöhnt“, erinnert sie sich.<BR /><BR />In Kramatorsk warnten die Sirenen bis zu 170-mal am Tag vor Angriffen. Nachts war es immer besonders schlimm. In den Keller flüchtet aber niemand mehr. „Man wartet, was passiert“, schildert Larisa-Mariya. „Ich habe mich getröstet, wenn ich sterbe, sterbe ich mit meiner Familie. Wegen der ständigen Angst habe ich in den zwei Wochen drei Kilogramm Körpergewicht verloren.“ Die Front war damals neun Kilometer entfernt, derzeit sind es 16 Kilometer.<h3> Kein Strom, keine Heizung kein Wasser</h3>„60 bis 70 Prozent von Kramatorsk sind zerstört“, sagt Larisa-Mariya schockiert. Es gibt kein Krankenhaus mehr, nur mehr ein Lazarett, keine Apotheke. Der neue Markt (eine Art Einkaufszentrum, zum Teil im Freien, zum Teil überdacht) wurde dreimal von Bomben getroffen und ist völlig zerstört, der alte Markt steht nur noch teilweise. „Ich habe in der Stadt nur alte Menschen und Soldaten gesehen, keine Kinder oder jungen Menschen“, sagt Larisa-Mariya. Fotos habe man keine machen dürfen.<BR /><BR />In Kramatorsk gab es nur eine Stunde in der Früh und zwei Stunden am Abend Strom, man wusste aber nie, wann genau. Da das Leitungsnetz zerbombt ist, muss das streng rationierte Wasser beim alten Markt geholt werden. Natürlich gibt es auch keine Heizung. Die Menschen frieren bei minus 20 Grad und schlafen mit Pullovern, Decken, Mützen, Handschuhen und Wollsocken.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73622695_quote" /><BR /><BR />Die Wohnung von Larisa-Mariya gibt es noch, sie ist nicht beschädigt, obwohl sie nur 500 Meter vom Militärflughafen entfernt liegt. Das Amt, dem sie die Dokumente vorlegen musste, befand sich in einem zerstörten Kindergarten. Trotz des Krieges klappte alles reibungslos. <BR /><BR />Werden die Ukrainer durchhalten? „Die Menschen sind stolz auf Präsident Selenskyj und wollen Putin keinen Zentimeter geben“, ist Larisa-Mariya überzeugt. „Wenn wir aufgeben, kommt Putin nach Europa.“<BR /><BR />Zurück in Partschins tut sich Larisa-Mariya schwer mit unserer „heilen“ Welt. „Ich sehe, wie sie leidet“, sagt ihr Mann Randold. „Ich sehe, was in der Ukraine die Familie bedeutet, und ich bin stolz, ein Teil dieser Familie zu sein.“