Südtirol Online: Kinder träumen von Karrieren als Piloten oder Schifffahrtsoffizieren. Waren Sie von klein auf von Tieren begeistert? Egon Heiss: Schon als kleines Kind habe ich im Garten Regenwürmer gesucht und diese an meine Schildkröten verfüttert. Bereits damals wollte ich Biologe werden, so war die Wahl des Studiums eine logische Folge.STOL: Sie können mit interessanten Forschungsergebnissen aufwarten. Welches Objekt haben Sie untersucht? Heiss: Beim Forschungsobjekt handelt es sich um den Spanischen Rippenmolch, dem größter Salamandrid Europas. Da Amphibien klein sind und eine weiche Haut haben, könnten sie von vielen natürlichen Feinden gefressen werden, doch hat der Spanische Rippenmolch Strategien zur Verteidigung entwickelt. Um sich vor Feinden zu schützen, verwendet er eine äußerst interessante Technik.STOL: Die wäre? Heiss: Beim Spanischen Rippenmolch spielen, wie der Name bereits sagt, die Rippen eine zentrale Rolle. Wenn er angegriffen wird, nimmt er eine starre Position ein und bewegt sich nicht mehr. Dann rotiert er seine Rippen von hinten nach vorne. Sie sind an der Wirbelsäule befestigt, aber nicht rund, wie beim menschlichen Körper, sondern gerade. Dadurch wird die Haut auf der Seite solange angespannt, bis sie von den Rippen durchbrochen wird. Die Rippen sind sehr spitz und stechen durch die Haut bis zu 3 Millimeter weit hindurch. Der Molch verwendet seine Rippen also als Stechwerkzeuge.STOL: Hat der Molch noch andere Verteidigungsmechanismen? Heiss: Zusammen mit der Drehung seiner Rippen produziert er auf der Haut ein giftiges, milchiges Sekret. In Kombination mit den Rippenspitzen injiziert er das Gift in die Mundschleimhaut seiner Feinde, z.B. einem Fuchs oder einer Iltis.STOL: Wie wirkt dieses Gift? Heiss: Über die genaue Wirkung des Giftes weiß man relativ wenig. Da die Genehmigung für Tests an einem lebenden Säugetier fehlt, können wir die Wirkung des Gifts an seinen natürlichen Feinden nicht testen.STOL: Sind Sie die Ersten, die mit diesem Gift experimentieren? Heiss: Schon 1978 hat ein Amerikaner versucht, das Gift vom Molch in die Bauchdecke von Mäusen zu injizieren. Die Mäuse starben innerhalb einer halben Stunde.STOL: Reagiert der menschliche Körper auch so empfindlich auf dieses Toxin? Heiss: Kein Mensch hat sich bisher absichtlich einem Test mit dem Gift unterzogen, doch weiß man, dass das Toxin äußerst scharf ist und wie Chili schmeckt. Bei einem Versuch geriet mir vor einiger Zeit eine geringe Dosis des Giftes in den Mund. Dabei verspürte ich einen brennenden Schmerz. Ob das Gift für den Menschen auch tödlich sein kann, ist noch nicht erforscht. STOL: Ihr Aufgabe bei diesem Projekt war... Heiss: ...zu schauen, wie die Abwehrstrategie des Tieres funktioniert. Anfangs wollte ich die Drüsen des Tieres untersuchen, da es drei verschiedene Drüsentypen auf der Haut hat. Davon hat der Molch sehr viele. Sie produzieren das giftige Sekret. Die Drüsen sind wie Luftballone, die von einem Muskelnetz umgeben sind. Bei einer Kontraktion der Muskeln tritt das giftige Sekret an die Hautoberfläche.STOL: Von den Drüsen zu den Rippen, wie kamen Sie dazu? Heiss: Ich wollte wissen, wie das mit den Rippen genau funktioniert. Zwar wusste man, dass das Tier seine Rippen wahrscheinlich hinausrammen kann, doch gab es noch keine Beweise dafür. Er bewegt seine Rippen nämlich um bis zu 50 Grad. Somit sind sie in etwa halb so beweglich wie ein menschliches Knie. Dies ist eine sehr bizarre und interessante Anpassung an verschiedene Lebensbedingungen.STOL: Der Spanische Rippenmolch ist in Südtirol nicht heimisch. Wo findet man ihn?Heiss: Er kommt in Spanien, Portugal und Nordafrika vor. Das bis zu 30 Zentimeter große Tier wird heutzutage häufig als Haustier gehalten. Auch ich habe zu Hause ein Aquarium, wo mein eigener Rippenmolch lebt. In freier Wildbahn ist die Anzahl dieser Tiere sehr stark zurück gegangen, da der natürliche Lebensraum der Molche, also Feuchtgebiete, durch Entwässerungen immer rarer werden. Im Gegensatz zur freien Natur geht es ihnen in Gefangenschaft eigentlich besser.STOL: Wie viele Exemplare standen Ihnen für ihre Untersuchungen zur Verfügung?Heiss: Wir haben an 15 Spanischen Rippenmolchen experimentiert. An sechs von ihnen haben wir die Verteidigungsrippen untersucht.STOL: Wie kann man die Verteidigungsreaktion hervorrufen?Heiss: Wir haben die Tiere mit einem Wattestäbchen sanft berührt. Es braucht nur sehr wenig, um die Vorwärtsbewegung der Rippen auszulösen. Die Tiere tragen durch diese Rippenbewegung keinen Schaden davon. Diese Verteidigungsstrategie gehört zu ihrem natürlichem Lebensstil.STOL: Haben Sie schon Pläne für Ihr nächstes Forschungsprojekt?Heiss: Wahrscheinlich untersuche ich einen Verwandten des Spanischen Rippenmolches, der sehr selten und in Asien heimisch ist. Die Rippen dieses Tieres sind dreigeteilt, aber es verhält sich zur Verteidigung ähnlich wie der Spanische Rippenmolch.STOL: Wie kamen Sie zu der Forschungsgruppe?Heiss: Zur Forschungsgruppe bin ich durch mein Studium gekommen. Ich arbeite für Professor Weisgram, der sich mit funktioneller Morphologie befasst. Durch die modernen Forschungsmöglichkeiten wie Computertomographien und Magnetresonanz kann man mit extrem hoher Auflösung die Struktur der Tiere analysieren. So schrieb ich meine Diplomarbeit bei Professor Weißgramm und arbeite nun in seinem Forschungsteam.STOL: Was denken Sie von der Grundlagenforschung in Südtirol?Heiss: Die Forschung in Südtirol hinkt im internationalen Vergleich nach, da für Grundlagenforschung die großen Einrichtungen wie Universitäten fehlen. Forschung ist auch für die Wirtschaft wichtig, denn ohne Innovation ist es schwierig, im internationalen Wettbewerb zu bestehen.STOL: Erwarten Sie Karrieresprünge durch diese Entdeckung?Heiss: Ich erwarte mir keinen großen Karrieresprung, doch haben sich Medien wie BBC bei mir gemeldet. Ich bekomme täglich bis zu 30 Anfragen für meine Forschungsarbeit.Interview: Rainer Wallnöfer______________________________________________________________________________________Steckbrief von Egon HeissGrund und Mittelschule in Haslach / Bozen.1999 Matura am Realgymnasium Bozen.1999/2000- 2002 Grundstudium Biologie an der L. Franzens Universität in Innsbruck.Seit März 2002 Studium Ökologie und Zoologie an der Universität Wien.Seit 2003 Feldstudienaufenthalte in Mexiko und Uganda.Juni 2006 Abschluss des Diplomstudiums Zoologie an der Universität WienSeit Jänner 2007 wissenschaftlicher Assistent, Doktorand und Lektor am Department für Theoretische Biologie, Universität WienHeiss hält Vorlesungen in den Bereichen Allgemeine Zoologie, Anatomie, funktionelle und experimentelle Morphologie.