Im Interview spricht er über den richtigen Umgang mit Trauernden, die richtigen und die falschen Worte. <BR /><BR /><b>Wie kann man Trauernden am besten begegnen?</b><BR />Martin Prein: Wir müssen über solche Begegnungen nichts wissen. Oft ist man unsicher und angespannt, fühlt sich nicht wohl und weiß nicht, was man tun oder sagen soll. Das kann man den Betroffenen auch ehrlich kommunizieren, etwa mit Sätzen wie: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“<BR /><BR /><b> Sollte man aktiv auf Trauernde zugehen oder sich aus Unsicherheit zurückziehen?</b><BR />Prein: Ich würde empfehlen, aktiv auf Betroffene zuzugehen. Viele fühlen sich von der Welt verlassen oder ausgeschlossen. „Melde dich jederzeit“, sagt man, aber die Betroffenen tun es meistens nicht von sich aus. Deshalb ist es besser, von sich aus aktiv zu werden und nachzufragen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73792126_quote" /><BR /><BR /><b>Was sind die richtigen Worte im Umgang mit Trauer?</b><BR />Prein: Die richtigen Worte gibt es nicht. Wir können den Schmerz nicht weniger machen. Wir können aber unsere Betroffenheit und unsere Sprachlosigkeit ausdrücken. Wir sind eingeladen, die Betroffenen so wahrzunehmen, wie es ihnen gerade geht. Oft funktionieren Trauernde monatelang wie ferngesteuert. Da ist es wichtig, da zu sein und Hilfe anzubieten. <BR /><BR /><b>Was hilft Trauernden?</b><BR />Prein: Menschen, die sie wahrnehmen und aushalten. Menschen, die sie im Alltag unterstützen, beispielsweise beim Rasenmähen oder Kochen. <BR /><BR /><b>Gibt es aber falsche Worte?</b><BR />Prein: Ja, das sind Worte, die mit einer bestimmten Absicht gesagt werden. Trauernde provozieren in uns Stärke. Aber Sätze, die trösten oder beruhigen sollen, sind oft nicht hilfreich. Wenn jemand ein totes Kind zur Welt bringt, kann der Satz „Ihr könnt eh wieder eins kriegen“ den Schmerz noch verstärken. Wenn man das Gefühl hat, etwas Falsches gesagt zu haben, kann man auch sagen, dass der Satz der eigenen Unsicherheit geschuldet war. Trauernde wollen vielmehr gesehen und wahrgenommen werden, auch in ihrer Aussichtslosigkeit. <BR /><BR /><embed id="dtext86-73793680_quote" /><BR /><BR /><b>Die Rückkehr in den Alltag kann Kraft geben. Wie können Arbeitskollegen Trauernden beistehen? </b><BR />Prein: Auch Arbeitskollegen wissen oft nicht, was sie sagen sollen. Am besten ist es, wenn die Vorgesetzte vor der Rückkehr mit den Betroffenen in Kontakt tritt und konkret bespricht, wie die Begegnung aussehen soll. Denn manche möchten am Arbeitsplatz nicht mit dem Tod eines geliebten Menschen konfrontiert werden, andere schon. <BR /><BR /><b>Wie kann man mit starken Ausbrüchen wie Wut, Verzweiflung, und Schuld umgehen?</b><BR />Prein: Das darf alles da sein, das passiert. Man muss dem Raum geben.<BR /><BR /><b>Wie lange dauert Trauer überhaupt an? </b><BR />Prein: Die moderne Trauerforschung geht davon aus, dass akute Trauer bis zu drei Jahre andauert. Aber das lässt sich nicht genau sagen. Trauer ist schließlich keine Gelenkentzündung, die wieder abheilt. Trauer baut einen Menschen um.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73793684_quote" /><BR /><BR /><b>Welche Rolle spielt die Erinnerung? Kann sie heilsam sein oder mehr schmerzen? </b><BR />Prein: Erinnerung kann besonders in der erstens Zeit belasten. Langfristig gesehen etabliert sie jedoch eine innere Beziehung zum Verstorbenen. Diese hält man ein Leben lang aufrecht. <BR /><BR /><b>Sie bieten verschiedene Seminare an, z. B. einen Letzte-Hilfe-Kurs. Was ist das?</b><BR />Prein: In diesem Kurs beschäftigt man sich mit dem Abschiednehmen, dem toten Körper, Begegnungen mit akut Trauernden und dem eigenen Tod. Ein solcher Kurs ist wie ein Erste-Hilfe-Kurs für jeden empfehlenswert, weil wir alle davon betroffen sind. Wir verlieren Menschen, wir begegnen Trauernden, wir werden sterben.<BR /><h3> Trauerstudie: Trauernde fühlen sich oft allein</h3>Heute spricht Martin Prein darüber bei einer Tagung im Bildungshaus Neustift bei Brixen.Bei der Tagung „Trauer und Erinnerung – Zwischen Abschied und Neubeginn“, im Bildungshaus Kloster Neustift werden auch erste Ergebnisse der Studie „Was Trauernde unterstützt“ vorgestellt. <BR /><BR />„Die Bedürfnisse haben sich in den letzten Jahren spürbar verändert. Gesellschaftliche Umbrüche, eine schnellere Lebensweise, weniger tragende Gemeinschaften und neue Formen sozialer Isolation führen dazu, dass viele Menschen mit ihrem Verlust stärker auf sich allein gestellt sind“, erklärt Studienleiterin Margarethe Profunser. Trauer bedeute viel mehr als Traurigkeit: „Sie ist ein Prozess der Neuordnung des Lebens nach einem Verlust. Beziehungen, Rollen, Alltag, Zukunftspläne und das eigene Selbstverständnis müssen oft neu gefunden werden. Genau dabei erhalten viele Betroffene zu wenig Unterstützung. Sie fühlen sich in der Zeit nach dem Verlust oft allein gelassen, wenn es darum geht, ihr Leben neu zu ordnen. Auch das zeigt sich in den Rückmeldungen der Studie deutlich“, berichtet Profunser. <BR /><BR />Die Studie wird von den Trauerbegleitern Südtirol durchgeführt. Bereits jetzt liegen über 500 Rückmeldungen vor. „Eine erste Auswertung zeigt ein klares Bild: Trauernde wünschen sich vor allem Menschen, die zuhören, Verständnis zeigen und Gespräche ermöglichen. Ebenso wichtig sind emotionale Unterstützung, Nähe und eine verlässliche Begleitung.“ Die Rückmeldungen zeigen, wie intensiv Trauer erlebt wird. Am häufigsten genannt werden tiefe Traurigkeit, das Gefühl von Leere, Schock oder Unwirklichkeit, Einsamkeit und Erschöpfung. Die Studie ist als Langzeitstudie angelegt und wird weitergeführt.