„Wir haben alles verloren, aber wir leben noch“, schreibt ein junges Paar aus der Ukraine – dann bricht die Verbindung ab. <BR /><BR /><BR /><BR /><BR />„Denn ich sehe eine dunkle Zeit vom Himmel steigen. <BR />Ihr, die ihr die Saat behütet, seid bereit! <BR />Ich sehe eine dunkle Zeit. <BR />Sie ist schon lange aufgegangen. <BR />Im Kornfeld brennt das Licht sein leeres Leuchten und ausgespien von toten Pferden, erhebt sich Sturm zur letzten Pflicht. <BR />Ich sehe eine dunkle Zeit vom Rad geflochten sich bekränzen. <BR />Und 1000 Augen stieren stumm im Gleichtakt, Schlag um Schlag ein wenig näher am Erblinden, Tag für Tag. Ihr, die ihr die Saat behütet, seid bereit! Sie feiert Hochzeit, heut´!“<BR /><BR />1991 habe ich dieses Gedicht geschrieben. Im Angesicht des Slowenienkrieges vor der Kärntner Haustüre. Ich war damals dort, in Laibach, eine typische ad-hoc-Aktion von Studenten, nur eine gute Stunde Fahrzeit und das Leben genießen, unbeschwert und neugierig…<BR /><BR /> Beim Zurückfahren dann die kilometerlange Autoschlange vor dem Loibl und ein Soldat in voller Montur… „Versucht es woanders“, warnte er. Wir sind in letzter Sekunde über die Grenze zurück nach Kärnten gekommen. Dass hinter uns bereits die jugoslawischen Panzer anrollten, habe ich erst später erfahren. Das mulmige Gefühl beim Anblick der bis auf die Zähne bewaffneten Soldaten am kleinen Übergang mitten im Wald, werde ich nie vergessen. „Kinder“ wie wir waren das auf beiden Seiten… <BR /><BR />Gerade einmal 26 sind Sveta und Vasyl. Vor zwei Tagen habe ich sie kennengelernt, im Internet. „Liebe Irina, es tut uns leid, aber wir können den von dir bestellten Artikel derzeit leider nicht versenden“, schreiben sie. Dass sie Ukrainer sind, erfahre ich beim Chatten. Dass sie gemeinsam ein kleines Geschäft in der Nähe von Kiew aufgebaut haben und heiraten wollen, auch. „Wir haben alles verloren, aber wir leben noch“, erzählen sie, dann bricht wohl die Verbindung ab. <BR /><BR />Gestern dann ein paar zerrissene Worte von ihnen, gespenstisch wie der verzweifelte Hilfeschrei des Brudervolkes, das Putins Armee gerade „erschlägt“ wie Kain einst Abel. „…ete für uns, damit…“, steht geschrieben. Ja, ich bete für euch! Und für uns. Dass wir nicht alle in den Untergang laufen in dieser dunkeln Zeit, die Hochzeit feiert… heut´!<BR /><BR /><BR />ZUR PERSON<BR /><BR />In einer wöchentlichen Kolumne schreibt Irina Lino über aktuelle Themen verschiedenster Art. Irina Lino ist 1967 in Klagenfurt geboren und seit 1987 Kulturjournalistin. Zahlreiche Beiträge in Büchern und Katalogen zu Kulturthemen; seit 2009 Kultur-Ressortleiterin der „Kronen Zeitung“ Kärnten sowie Kolumnistin.<BR />