Seitdem ist sie Trauerbegleiterin und Co-Leiterin einer Selbsthilfegruppe. Heute möchte sie aufklären: Denn immer noch hafte an Tod und Trauer ein Schamgefühl – und noch mehr Unwissenheit.<BR /><BR />Der Unfall, bei dem Claudia Giovanazzis Neffe Julian Terzer starb, ereignete sich am 16. März 2018 kurz vor 19 Uhr auf der Landesstraße zwischen dem Bahnhof von Salurn und Kurtinig. Der 14-jährige aus Entiklar (Gemeinde Kurtatsch) fuhr mit seinem Scooter auf der Landstraße, die parallel zur Autobahn verläuft, heimwärts. Zur gleichen Zeit waren zwei PKW in die Gegenrichtung unterwegs. Eines der beiden Fahrzeuge geriet auf die Gegenfahrbahn. Scooter und PKW prallten frontal zusammen. Für Julian Terzer kam jede Hilfe zu spät. Er verlor beim Unfall sein Leben und hinterlässt seine Eltern Reinhard und Michi, sowie Schwester Lisa.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="798119_image" /></div> <BR /><BR />Im Interview erinnert sich Tante Claudia zurück: „Einmal, als Julian bei mir in Kaltern war, schaute er mich mit lachenden Augen an und fragte: ‚Was tue ich denn eigentlich hier im Überetsch? Bei uns im Unterland ist es doch viel schöner!‘“ Julian war stolz auf sein Unterlandler „Dahoam“. Irgendwann mal wollte er den landwirtschaftlichen Betrieb seines Vaters Reinhard übernehmen. <BR /><BR />„Das ist mein Hof“, hat er immer gesagt. Mit anpacken konnte er genauso gut wie das Leben in vollen Zügen auskosten – wie es ein Lebemensch so an sich hat. Im vergangenen Jahr wäre er 18 Jahre alt geworden. <h3>„Er darf nicht auf den Unfall reduziert werden“</h3>„Und plötzlich hat es keinen Boden mehr gegeben“, erinnert sich Claudia an den Moment zurück, als sie von Julians Tod erfahren hatte. Am 16. März 2018. Ihr Neffe aber, sei mehr als dieses Datum: „Es ist der Abschluss, aber nicht das Leben von Julian. Er darf nicht auf den Unfall reduziert werden.“<BR /><BR />Die gelernte Altenpflegerin besucht oft die Unfallstelle, die heute vielmehr eine Erinnerungsstätte ist. Die Mittagssonne brennt auf den Asphalt. Claudias Blick richtet sich auf den Gedenkstein. „Den hat mein Schwager nach dem Tod von Julian bei Umgrabearbeiten im Weingut unter haufenweise Erdmasse gefunden.“ Seitdem steht er hier, umarmt von zwei Rosenstämmchen und einem jungen Mandelbaum. Bereits im März zeigen sich die ersten zarten Blüten, lange bevor die grünen Blätter erscheinen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="798122_image" /></div> <BR /><BR />Einige Monate nach dem Unglück begann Claudia eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin. Für sie eine Form der Aufarbeitung und der aktiven Konfrontation mit der Frage: Wie kann ich meiner Schwester Michi in dieser Extremsituation eine gute Stütze sein? Zunächst plagten sie Berührungsängste und Scheu. Die Akzeptanz ihrer Hilflosigkeit half ihr schließlich dabei, sich für die Trauerarbeit zu öffnen. <BR /><BR />In einem ist sich die Kaltererin mittlerweile sicher: „Der Tod ist in der Gesellschaft ein Tabuthema. Und mit ihm die Aufklärung darüber, wie man mit Angehörigen von Verstorbenen gut umgehen kann.“<BR /><BR />Sie erzählt von Menschen, die die Straßenseite wechseln, wenn sie ihrer Schwester begegnen. „Wir wissen, dass sie das nicht aus Boshaftigkeit tun, im Gegenteil. Die Leute wissen einfach nicht, was sie sagen sollen. Und doch fühlt man sich isoliert.“ Daher plädiert die 38-Jährige auch für mehr Kommunikation und Austausch in diesem Bereich. „Ich erlebe selbst immer wieder, wie viele Menschen mich kontaktieren und fragen, wie sie Angehörigen von Verstorbenen bestmöglichst beistehen können“, so Claudia, die als Betroffene und Außenstehende immer wieder beide Seiten zu verstehen versucht.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-55532073_quote" /><BR /><BR /><BR />„Wenn man als Außenstehender selbst überfordert ist mit der Situation, dann kann die eigene Betroffenheit gerne vor den Angehörigen zum Ausdruck gebracht werden. Das kann auch mal eine Aussage wie ‚Ich bin sprachlos‘ oder ‚Es trifft mich auch sehr‘ sein.“ Floskeln wie „Kopf hoch“, „Das wird schon wieder“, oder „Das Leben muss weitergehen“ seien für die Trauerarbeit nicht dienlich, genauso wenig wie ständig gut gemeinte Ratschläge. „Die Angehörigen brauchen im Grunde nur eines: Raum zum Sprechen. Man muss sich nicht mal großartig zum Gesagten äußern. Zuhören hilft schon.“ <h3> Aus der Trauer geboren: „Leben ohne Dich“ </h3>Auf der gegenüberliegenden Seite der Gedenkstätte erstreckt sich neben der Landstraße ein langes Apfelfeld. Julian hätte im Sommer 2018 die Mittelschule abgeschlossen, wollte dann die Fachschule für Obst-, Wein- und Gartenbau Laimburg besuchen. „Er wusste immer genau, was er wollte.“ Claudia packt eine Kerze aus ihrer Tasche und stellt sie vor dem Gedenkstein ab. „Der Ort hier hilft mir, zu begreifen.“<BR /><BR />Ein Jahr nach dem Tod von Julian trat bei Schwester Michi die Phase ein, in der sie sich Hilfe suchen wollte. Claudia stand ihr bei. Gemeinsam stießen die beiden Schwestern im Netz auf die in ganz Deutschland aktive Selbsthilfegruppe „Leben ohne Dich“ – für trauernden Eltern und Geschwister nach dem Verlust ihres Kindes und Geschwisterchens. Mit dieser Gruppe tauschten sich die Schwestern aus, bis die Idee entstand, eine ebensolche Selbsthilfegruppe in Südtirol zu gründen. <BR /><BR />In Zusammenarbeit mit dem Dachverband für Soziales und Gesundheit fanden sie schnell geeignete Räumlichkeiten. Doch dann, Corona. „Wir trafen uns bisher nur einmal mit sieben weiteren Betroffenen. Es war wunderschön. Dann kam die Pandemie.“ Wie alle Selbsthilfegruppen im Land musste auch „Leben ohne Dich“ die Tätigkeit vorerst auf Eis legen. Dabei, so Claudia, seien Selbsthilfegruppen systemrelevant. Denn: In der Selbsthilfegruppe werde dem verstorbenen Kind und dem Trauernden Raum geboten. „Über den Tod zu sprechen heißt auch, über den Verstorbenen zu erzählen und Erinnerungen zu teilen.“<BR /><BR />Beim ersten und bislang einzigen Treffen beobachtete Claudia auch, wie wichtig es für Angehörige ist, ihre Zweifel und Sorgen zu äußern. „Viele haben Angst, falsch zu trauern. Dabei gibt es beim Trauern kein richtig oder falsch.“ Die Gesellschaft sei Claudia zufolge immer noch stark beeinflusst von bestimmten „Trauer-Klischees“: „Man muss nicht ein ganzes Jahr lang in schwarzer Kleidung rumlaufen, um seine Trauer zu unterstreichen. Und man muss vor allem nicht still sein. Auch wenn es früher mal so war.“ Alte Vorstellungen wie diese schaffen Unsicherheit und Schuldgefühle. „Damit müssen Trauernde sich nicht auch noch rumschlagen.“<BR /><BR />Hinter der Grabstätte hängt auf einem Zaun ein T-Shirt. „Kellergemeinde Margreid“ steht darauf. Ein Verein, den Freunde von Julian nach seinem Tod gegründet haben. Immer wieder organisierten die Freunde in ehrendem Gedenken an Julian Feste, tanzten und lachten und sammelten Spenden für gemeinnützige Vereine. <BR /><BR />Claudia holt kurz Luft. Mit dem linken Arm zeigt sie auf die Stelle, an der es zum fatalen Crash kam. „Eigentlich unvorstellbar“, sagt sie, „dass auf so einer langen Geraden ein derart schlimmer Zusammenstoß passieren musste.“ Auch sie brauche noch Zeit. Zeit, um zu verarbeiten, zu trauern – und zu akzeptieren. Und immer wieder finde sie diese zwischen dem Stillstand und der Fortbewegung. Zwischen Stille und Worten.<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />