Vier Jahre sind vergangen. Vier Jahre, seit dem sich das Leben von Sejrane und ihrer Familie in ein Davor und Danach teilte. <BR /><BR />Bevor der tragische Unfall das Leben der Familie für immer veränderte, war Naturns über viele Jahre ihre Heimat. Elf Jahre lang lebten Sejrane und ihr Mann Bashkim, die ursprünglich aus dem Kosovo stammen, in der Vinschger Gemeinde. In Südtirol bauten sie sich ein neues Leben auf, ihre beiden Söhne wurden im Krankenhaus Schlanders geboren. <BR /><BR />Die Familie war angekommen. Die Kinder besuchten die Schule in Naturns, spielten Fußball im Verein und wuchsen mit vielen Freunden auf. Naturns war weit mehr als ein Wohnort – es war der Mittelpunkt ihres Lebens, ein Ort der Geborgenheit und Vertrautheit, an dem sie sich zu Hause fühlten.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1342392_image" /></div> <BR /><BR />Trotzdem entschied sich die Familie, in die Schweiz zu ziehen – nur wenige Monate, bevor Lian starb. Sejranes Eltern blieben in Naturns. Bis heute ist die Gemeinde deshalb ein besonderer Ort für die Familie. Denn auch nach dem schwersten Schicksalsschlag ihres Lebens riss die Verbindung zu Naturns nie ab.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1342395_image" /></div> <BR /><BR />Als Lian starb, erlebte Sejrane eine Welle der Anteilnahme, die sie bis heute tief bewegt. Menschen aus Naturns standen der Familie bei, spendeten Trost, halfen, wo sie konnten, und gaben ihr das Gefühl, in dieser Zeit der Trauer nicht allein zu sein. Diese große Solidarität hat Sejrane nie vergessen. Noch heute verbindet sie eine enge Freundschaft mit vielen Menschen aus Naturns.<h3> Der Tag, der alles verändert</h3>Es war der 30. Juni 2022. Sejrane war mit ihren Söhnen Linar und Lian zu Besuch bei ihren Eltern in Naturns. Am späten Nachmittag wollte sie zu Hause in der Schweiz sein, weshalb sie sich gegen Mittag ins Auto setzte und losfuhr. Nur wenige Minuten nach der Abfahrt geschah das Unfassbare: Sejrane geriet bei Tscharsch mit ihrem Auto auf die Gegenfahrbahn und prallte frontal mit einem Lastwagen zusammen. <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/auto-prallt-gegen-lkw-5-jaehriges-kind-schwer-verletzt" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">(STOL hat berichtet)</a><BR /><BR /> „Meine Erinnerung ist verschwommen, ich weiß nicht, wie ich auf die falsche Seite geraten konnte“, so Sejrane. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1342398_image" /></div> <BR /><BR />Während sie und ihr älterer Sohn Linart mit mittelschweren Verletzungen davonkamen und ins Krankenhaus Meran gebracht wurden, begann für den den kleinen Lian sofort der Kampf ums Überleben. <BR />Er hatte ein schweres Polytrauma erlitten und wurde mit dem Notarzthubschrauber nach Bozen geflogen. Die bangen Stunden für die Familie schienen zunächst von einem kleinen Hoffnungsschimmer begleitet. Die Ärzte teilten mit, dass Lians Zustand stabil sei. Wenige Tage später konnte der kleine Junge nach St. Gallen überführt werden. Doch plötzlich verschlechterte sich sein Zustand dramatisch. Wenig später starb Lian. Für seine Familie ein unfassbarer Schock. Es war der 4. Juli 2022. <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/nach-unfall-ende-juni-bub-erliegt-seinen-schweren-verletzungen" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">(STOL hat berichtet)</a><h3> „Lian hatte ein so liebevolles Wesen“</h3>Sejrane selbst stand nach dem Unfall unter starken Schmerzmitteln, zusätzlich hatte man ihr Beruhigungsmittel verabreicht. Den Moment, in dem sie vom Tod ihres geliebten Lians erfuhr, nahm sie wie durch einen Nebel wahr. Vieles aus dieser ersten Zeit ist verschwommen, manches kaum greifbar. Doch der Schmerz war von Anfang an erbarmungslos. <BR /><BR />Lian war war das Nesthäkchen der Familie – ein Kind, das mit seinem Lächeln Herzen berührte. Er musste nicht viel sprechen, um Freude zu schenken. Seine ruhige Art, seine strahlenden Augen und sein liebevolles Wesen machten ihn zu etwas ganz Besonderem. Für uns war er nicht nur unser Sohn und Bruder – er war unser Sonnenschein. Die Verbindung zwischen ihm, seinen Eltern und seinem großen Bruder war besonders innig. Sein Tod hinterließ eine Lücke, die bis heute niemand schließen konnte. <BR /><BR />Zu der unermesslichen Trauer kam ein Gefühl, das Sejrane lange Zeit fast erdrückte: die Schuld. Immer wieder stellte sie sich die Frage, ob sie den Unfall hätte verhindern können. „Ich suchte Antworten. Nächtelang. In Gedanken. In Erinnerungen. In Schuldgefühlen.“ Ihr Mann und auch ihr älterer Sohn versuchten ihr diese Last zu nehmen – mit aufmunternden Worten und Verständnis. <BR />Schritt für Schritt ging Sejrane weiter. Der Schmerz wurde nicht kleiner, aber er veränderte sich und sie fühlte sich mit ihrem verstorbenen Sohn sehr verbunden. „Er hat uns spüren lassen, dass seine Liebe bleibt, auch wenn wir sie manchmal nicht verstehen.“<BR /><BR /><h3> Lian ist immer noch sehr präsent</h3>Bilder des süßen, kleinen Lockenkopfs hängen überall in der Wohnung. Sie erinnern an sein Lachen, seine einnehmende Art und an glückliche Momente. Für Sejrane, ihren Mann und seine Bruder ist Lian bis heute sehr präsent. Besonders sein älterer Bruder spricht sehr oft von ihm, erzählt Geschichten und hält die Erinnerung an seinen kleinen Bruder lebendig.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1342401_image" /></div> <BR /><BR />16 Monate nach Lians Tod kam neues Leben ins Haus: Kiyan wurde geboren. Seine Geburt war ein großes Geschenk für die Familie – ohne den Verlust von Lian jemals ersetzen zu können. Besonders berührend ist, wie ähnlich Kiyan seinem verstorbenen Bruder ist: nicht nur äußerlich, sondern auch in seinem Charakter. Immer wieder sind es kleine Gesten, ein Blick oder ein Lächeln, die Erinnerungen an Lian wachrufen.<BR /><BR />Wenn Kiyan Bilder von Lian sieht, glaubt er, dass er selbst darauf abgebildet ist. Kiyan ist noch zu jung, um zu verstehen, dass der Bub auf den vielen Fotos nicht er selbst ist, sondern sein großer verstorbener Bruder. Eines Tages wird die Familie ihm erzählen, wer Lian war, welche Bedeutung er für alle hat und dass auch er für immer zu ihnen gehört.<BR /><BR />Bis dahin wächst Kiyan ganz selbstverständlich mit einer besonderen Verbindung auf – zu einem Bruder, den er nicht kennenlernen durfte und der dennoch ein fester Teil seiner Familie ist.<?Schrift SchriftWeite="97ru"> <BR /><h3> „Es gibt ein Leben nach so einem schweren Verlust. Es ist anders, aber trotzdem lebenswert“</h3>Am 4. Juli jährte sich Lians Todestag zum vierten Mal, am vergangenen Mittwoch hätte Lian seinen 11. Geburtstag gefeiert. Tage, an denen die Sehnsucht besonders groß ist und der Schmerz noch deutlicher spürbar wird. Geburtstage, Jahrestage und besondere Momente erinnern daran, was fehlt. Doch sie erinnern auch daran, wie viel Liebe geblieben ist.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1342404_image" /></div> <?_Schrift> <BR />Und genau diese Botschaft möchte Sejrane anderen Menschen mitgeben: Es gibt ein Leben nach einem so schweren Verlust. Ein anderes Leben zwar, aber trotzdem wertvoll. Ein Leben, in dem die Trauer ihren Platz hat und der geliebte Mensch immer fehlt. „Manchmal ist es gerade in der Trauer ein Geschenk, loslassen zu dürfen, ohne alles verstehen zu müssen“, sagt sie.<BR /><BR /><h3> „Möchte Mut und Hoffnung schenken“</h3>Ihre Erinnerungen und Gedanken hat Sejrane in einem kürzlich erschienenen Buch festgehalten. Das Buch mit dem Titel: „Sprüche und Erinnerungen – Zwischen Verlust, Trauer und Liebe“ ist für all jene Menschen gedacht, die mit Trauer leben und Worte für das suchen, was oft unaussprechlich bleibt. „Ich möchte zeigen, dass man trotz unvorstellbarer Trauer Schritt für Schritt weitergehen kann und dass niemand mit seinem Schmerz allein ist. Mir geht es nicht um Mitleid oder Aufmerksamkeit, sondern darum, meinem Sohn ein liebevolles Andenken zu bewahren und vielleicht anderen betroffenen Familien Mut und Hoffnung zu schenken“, betont Sejrane.<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1342407_image" /></div> <BR /><BR />„Das buch ist ein stiller Begleiter und beinhaltet leise Worte für Momente, in denen das Herz schwer ist und die Welt stillzustehen scheint. Es ist zum Fühlen, zum Innehalten und zum Festhalten dessen, was bleibt“, so Sejrane. Ein Buch für Menschen, die einen geliebten Menschen vermissen. So wie Lian vermisst wird. <BR /><BR />Lian musste gehen – aber er bleibt. In den Erinnerungen, in den Geschichten, in den Bildern und vor allem in den Herzen seiner Familie.“